Die Bahn auf den Monte Brè fährt erst um neun. Wir stehen früh genug da – und stellen fest: Die Bikes können wir nur in der zweiten Sektion der Bahn mitnehmen. Also treten wir den ersten Teil selbst hoch und gönnen uns ein unerwartetes Warm-up zur Einstimmung.
Oben angekommen, erwarten uns nicht nur die Aussicht auf den glitzernden Luganersee und ein blitzblauer Himmel, sondern auch ein ruppiger Trailstart, der keine Gnade kennt. Willkommen im Tessin, willkommen auf der Route 66 – einem E-Mountainbike-Abenteuer, das sich zwischen Hochalpen-Feeling und mediterraner Leichtigkeit entfaltet.
Ich bin mit meiner Kollegin Regina unterwegs. Sie ist eine absolute Kanone, wenn’s bergab geht – routiniert im Bikepark, sicher auf schnellen Linien. Ich dagegen liebe technische Uphills und dieses Flow-Gefühl, wenn ein verblockter Klettertrail plötzlich rund läuft. Wir ergänzen uns perfekt. Unser Ziel? Raus aus dem Alltag, rein ins Abenteuer im unverkennbar südlichen Urlaubsflair, welches das Tessin ausmacht. Dabei haben wir unsere E-Bikes mit der Performance Line CX von Bosch und wie sich zeigen wird, sind wir auch heil froh darum.
Nach dem ersten Trail-Schüttler schlängeln wir uns durch Kastanienwälder, rollen auf Kies und Asphalt gemütlich ein. Mittags stärken wir uns in einem Grotto und gönnen auch den Akkus ihre erste Ladung. Unsere goldene Regel: früh genug laden, sodass der Spass hoch bleibt und wir nicht ohne Batterie stehen bleiben. Nach der Mittagspause kurbeln wir wieder mit 80 Prozent Akku los in Richtung Capanna del Pairolo, wo uns Kaffee und Kuchen erwarten. Während wir den Koffein-Speicher füllen, geniessen auch unsere Bikes nochmals eine kurze Ladung. Die Ladestation steht vor der Hütte bereit, es wäre fahrlässig das Angebot nicht zu nutzen.
Vielleicht treibt uns auch das Wissen an, dass es ab jetzt erst so richtig spektakulär wird. Uns erwartet zuerst ein knackiger Uphill-Trail und dann ein endloser Höhenweg, ein Singletrail wie aus dem Bilderbuch, der sich an die Höhenlinie schmiegt. Zwischenzeitlich halten wir kurz an, um die grandiose Aussicht zu geniessen. Der Höhentrail geht zwar nur leicht auf und ab, überrascht aber immer wieder mit engen Kurven und verblockten Stellen, die unseren ganzen Fokus fordern.
Die letzten Stunden dieses Tages sind magisch. Das Licht wird weicher, die Stimmung goldener, der Sonnenuntergang episch. Nach rund 1800 Höhenmetern – viele davon auf Trails – kommen wir um 20 Uhr, ziemlich platt, aber glücklich in der Capanna Monte Bar an.
Sonne und Trails zum Frühstück
Die lange Traverse hinunter nach Rivera zaubert uns ein Lachen ins Gesicht. Zunächst wegen der tollen Seesicht, dann wegen dem knackigen Singletrail. Wir vernichten 1400 Tiefenmeter, die wir uns am Vortag hart verdient haben und geniessen dabei jeden Meter. Aber auch heute steht noch einiges an Arbeit an, denn mit dem Monte Tamaro steht ein echter Klassiker auf dem Programm. Bevor wir aber den langen Aufstieg in Angriff nehmen, stärken wir uns im Grotto al Ceneri Monte.
Dann geht’s los: 1300 Höhenmeter, erst Asphalt, dann Kies. Das Wetter zieht zu – und pünktlich mit unserer Ankunft an der Capanna Monte Tamaro beginnt der Weltuntergang. Regen aus Kübeln. Zum Glück ist es drinnen umso gemütlicher. Der Hüttenwart kocht selbst, mit Zutaten von Freunden – Käse vom Nachbarn, Wurst vom Jäger. Ein Plättli zur Begrüssung, ein warmes Essen später. Fast nur Frauen heute – ausser unserem Fotografen. Es fährt übrigens auch eine Gondel auf den Monte Tamaro, was der Tour nochmals neue Möglichkeiten eröffnet.
Der letzte Tag beginnt mit einem Knall: Der Trail-Einstieg direkt ab der Hütte ist hochalpin, exponiert, technisch anspruchsvoll. Danach reiht sich ein landschaftlicher Höhepunkt an den nächsten. Von Felsen und Geröll über Föhrenwälder mit Wurzeln, durch Wälder mit Buchen und zu denen mit Kastanien – und am Ende sogar Palmen. Gefühlt eine Fahrt durch sämtliche Klimazonen der Schweiz.
Von Hochalpin zu Mediterran – das Tessin zeigt sich von seiner besten Seite
Die Etappe heute nach Ponte Tresa ist mit 54 Kilometern die längste der drei Tage, höhenmetermässig aber die leichteste. Dafür fordern die vielen Trails ordentlich Konzentration. Als wir in Ponte Tresa ankommen, sind wir ziemlich durch. Der Zug zurück ist eine unkomplizierte Option. Aber wir haben noch Akku – also rollen wir entspannt auf dem Radweg nach Lugano zurück.
Zum Abschluss gibt’s das erste – und wohlverdienteste – Gelato der Tour. Wir blicken zurück auf drei Tage voller Trailvielfalt, Landschaftskino, Begegnungen und Gelächter. In beiden Hütten haben wir spannende Gespräche geführt, meist mit Wanderern. Und wieder einmal zeigt sich: Mit gegenseitigem Respekt klappt das Miteinander bestens. Ein High Five zum Schluss – und der Vorsatz, das bald wieder zu machen.
Erfahrungsbericht von Nathalie Schneitter