Blog: Ein Viertel der Schweizer Mountainbiker ist weg – und jetzt? | Ride MTB

Blog: Ein Viertel der Schweizer Mountainbiker ist weg – und jetzt?

Mountainbike Kuchen ein Viertel fehlt

Die Meldung ist auf grosses Interesse gestossen und hat auch Protest und Widerspruch ausgelöst: Zwischen 2022 und 2026 ist die Zahl der regelmässig Mountainbike fahrenden Menschen in der Schweiz um ein Viertel geschrumpft. Ist das schlimm? Spielt es überhaupt eine Rolle? Für wen? Ein paar Hintergründe und Gedanken zum Studienresultat.

Von deutlich über 800’000, die regelmässig biken, sind noch gut 600’000 übrig. Sagt die Studie Sport Schweiz, die seit dem Jahr 2000 alle vier bis sechs Jahre durchgeführt wird und das Sportverhalten der Menschen erhebt. Ist das ein Unglück, läuft etwas schief auf den Schweizer Trails? Oder ist es sogar positiv, schliesslich ist lediglich die Zahl derjenigen weggebrochen, die während der zwei Pandemiejahre neu in den MTB-Sattel gestiegen sind.

Wie kommt diese Zahl zustande?

Durchgeführt wird die Studie Sport Schweiz vom Schweizerischen Sportobservatorium im Auftrag des Bundesamts für Sport. Ein Teil der Befragten gab seine Antworten in Telefoninterviews, die anderen füllten Online-Frageboten aus. Die Studienautoren geben an, jene, die die Umfrage auf einem Mobilgerät ausgefüllt haben, hätten im Durchschnitt weniger verschiedene Sportarten angegeben, als jene, die am Telefon oder dem Computer Auskunft gaben. Das Minus könnte also zumindest teilweise daher rühren, dass es manchen Befragten zu mühsam war, noch eine weitere Sportart anzuklicken. Trotzdem darf man bei einer Studie von diesem Umfang, die seit so langer Zeit wiederholt wird, davon ausgehen, dass die Resultate zumindest ein ungefähres Bild der Realität abgeben.

Was spricht dagegen?

Die vielen Graveler und auch das Comeback des Rennvelos sind unübersehbar. Trotzdem hat in den letzten Jahren niemand im Ride-Umfeld von ungewöhnlich leeren Trails erzählt. Martin Platter von Velosuisse führt ins Feld, dass die Velos erfassenden Verkehrszähler eine Zunahme der Velofahrten registrierten. Zumindest als Alltagsvehikel lege das Fahrrad eher zu. Das mag sein, über die Anzahl Mountainbiker in der Schweiz sagt das nichts aus. Und dass das Bundesamt für Sport nicht fähig sein soll, eine repräsentative Studie durchzuführen und stattdessen seit Jahren mit falschen Zahlen operiert, ist auch wenig plausibel.

Ist weniger schlecht?

In den Kommentarspalten gibt es einige, die sich freuen, dass wieder weniger Menschen auf den Trails unterwegs sind. Das klingt nach Entspannung und nach, «Jetzt sind wir echten Biker wieder unter uns». Für all jene, die mit Mountainbikes und MTB-Angeboten Geld verdienen wollen, ist eine geschrumpfte Zielgruppe keine gute Nachricht.

Wieder da, wo wir vor Corona waren – so what?

Die 200’000 plus kamen während der Pandemie dazu. Ob es auch diese 200'000 sind, die ihr Bike parkiert haben oder andere dem Sport den Rücken gekehrt haben, wissen wir nicht. Die Studie gibt nur an, ein wie grosser Teil der Befragten das Mountainbiken als regelmässig ausgeübte Sportart angegeben hat. Zurück zur Normalität riecht nicht nach Katastrophe. Für die Anbieter ist es trotzdem eine Herausforderung. Die ganze Fahrradbranche kämpft mit dem Kater nach der Corona-Party, die geschrumpfte MTB-Gemeinde ist ein Teil davon. Man kann das schon wieder verlorene Viertel auch als verpasste Chance sehen. 

Klar ist, die Menschen sind weg, und die Branche muss mit der Kundschaft arbeiten, die sie hat. Die Traum-Umsätze Anfang der 2020er-Jahre werden so schnell nicht wiederkommen.

Wo sind die 200’000 hin?

Auffällig ist: In den Top 20 haben fast alle Sportarten Anhängerinnen verloren, einige haben keine dazu gewonnen und nur zwei, nämlich Krafttraining und Yoga – haben zugelegt. Aber nicht um so viele Menschen, wie die anderen verloren haben. Vor allem ist es einfach so, dass die Befragten der Studie – es sind gegen 15’000 Menschen ab 15 Jahren – weniger Sportarten nennen, die sie regelmässig betreiben, als vor vier Jahren. Einige vermuten, dass viele zum Gravelbike gewechselt haben. Das ist zwar so, aber allein aufgrund der verkauften Gravelbikes in der Schweiz – gut 100'000 seit 2019 – können das nicht so viele sein; umso mehr, weil viele weiterhin Mountainbike fahren, obwohl sie in den letzten Jahren das Graveln entdeckt haben.

Bedeuten weniger Biker weniger Konflikte?

All die Projekte, die in den letzten Jahren initiiert wurden, die Runden Tische und Mountainbike-Konzepte deuten nicht darauf hin, dass es weniger Diskussionen darum gegeben hätte, wo Biker erwünscht sind und wo nicht. Zumindest in der Wahrnehmung haben weder Nutzungsdruck noch das Konfliktvolumen abgenommen. Doch die Diskussion und die Suche nach Lösungen läuft an vielen Orten schon viel länger, das Veloweggesetz, von den Stimmenden 2018 an der Urne in Auftrag gegeben, hat Bikenetze in jedem Kanton zur Pflicht gemacht. Daran ändern 200’000 Biker mehr oder weniger nichts. 

Wo sind die Bikes?

Eine weniger dringende Frage. Aber wenn tatsächlich so viele Menschen, die noch vor vier Jahren regelmässig Mountainbike fuhren, das jetzt nicht mehr tun, müssen entweder Bikes in enormer Zahl auf dem Secondhand-Markt gelandet sein, oder es stehen tatsächlich so viele Bikes irgendwo rum.