Der Kanton Thurgau verknüpft Trails mit Bussen | Ride MTB

Der Kanton Thurgau verknüpft Trails mit Bussen

Seerücken Thurgau

Die Thurgauer Regierung hat ihr Mountainbike-Konzept verabschiedet. Dazu legt sie dem Parlament eine Änderung des Waldgesetzes vor, die Bussen für Biker abseits der offiziellen Wege und Trails ermöglicht. Interessant: Bussen drohen nur da, wo es Mountainbike-Infrastruktur gibt. Der Teufel steckt im Detail.

Wenn es im Kanton Thurgau um das Mountainbiken geht, beziehungsweise um den offiziellen Umgang damit, dann tauchen immer wieder Bussen auf. Vor einigen Jahren wollte der Kanton Forstarbeitern die Befugnis erteilen – oder auch, die Pflicht auferlegen – Mountainbiker zu büssen, die sie auf illegalen Singletrails erwischen. Dieser Vorschlag wurde in der Ausarbeitung des kantonalen Mountainbike-Konzepts wegdiskutiert.

Jetzt liegt das Konzept vor, der Regierungsrat hat es verabschiedet, es tritt aber nur in Kraft, wenn das kantonale Parlament eine Änderung des Waldgesetzes beschliesst, in der es worum geht? Richtig, um Bussen.

Doch der Ostschweizer Kanton will nicht einfach das Regime im Wald verschärfen. Er beabsichtigt, die Mountainbike-Infrastruktur zu verbessern und verknüpft dieses Ziel mit der Möglichkeit, auf verbotenen Pfaden fahrende Mountainbikerinnen zu bestrafen. Die offizielle Sprachregelung: «Ziel ist es, das Mountainbiken im Wald auf die bestehenden Wege und legalen Mountainbike-Trails zu lenken. Zu diesem Zweck schlägt der Regierungsrat eine Sanktionsnorm vor, die das illegale Befahren des Waldes innerhalb von sogenannten Mountainbike-Einzugsgebieten mit einer Ordnungsbusse ahndet.»

Der Deal: Trails gegen Bussen

Anders gesagt: In dem Waldstück, in dem es offizielle Mountainbike-Infrastruktur gibt, wird gebüsst, wer abseits der erlaubten Wege fährt. Fehlen vom Kanton sanktionierte Trails, darf nicht gebüsst werden. Oder andersrum: Will eine Gemeinde dem Trailbiken mit Geldstrafen Einhalt gebieten, muss sie den Trailbikerinnen die Möglichkeit bieten, ihren Sport legal auszuüben.

Man kann das auch als Anreiz für Gemeinden und den Kanton lesen, MTB-Infrastruktur zu schaffen. Die Konsequenz, dass mit der Freigabe eines Wegs oder dem Bau einer offiziellen Strecke darum herum Fahrverbote verhängt werden, ist die Kehrseite. Man kennt diesen Mechanismus auch aus anderen Gebieten.

Ob die Mountainbiker mit legalen Trails und Bussen besser dastehen als vorher, hängt unter anderem davon ab, wie viel offizielle Bike-Wege sich in einem Gebiet einer bestimmten Grösse befinden müssen, bis dieses zur Bussenzone wird. Eine klare Antwort gibt der Kanton darauf auf Anfrage von Ride nicht. «Ein Mountainbike-Einzugsgebiet hängt immer situativ vom kantonalen Mountainbike-Angebot ab, das realisiert werden soll. Je attraktiver und umfassender das Mountainbike-Angebot, desto grösser das Mountainbike-Einzugsgebiet.» So sei sichergestellt, dass das Mountainbike-Angebot gemeinsam mit dem dazugehörigen Mountainbike-Einzugsgebiet erarbeitet wird, erklärt der Kanton.

Wichtig für das Verständnis ist auch, was im Kanton Thurgau als Mountainbike-Infrastruktur gilt und welche Art von Bikewegen realisiert werden sollen. Laut Fachstelle Langsamverkehr sind es vor allem bestehende, naturnahe Singletrails zu legalisieren. Es läuft im Kanton Thurgau also darauf hinaus, dass jeder Singletrail, auf dem gebikt werden darf, zuerst ein Bewilligungsverfahren durchlaufen muss. Dies im Unterschied zu den Kantonen, die bestimmte Wegkategorien im Prinzip freigeben und auf einzelnen Wegen aus Naturschutz-, Sicherheits- oder anderen Gründen Fahrverbote verhängen.

Das sagt die IG Mountainbike Thurgau

Silvio Crameri ist Präsident der IG Mountainbike Thurgau, und diese hat die Interessen der Bike Community bei der Erarbeitung des Konzepts vertreten. Die IG stehe hinter dem Konzept, es sei das Beste, was sie bis hierhin erreichen konnten, sagt er. Er verrät aber auch, dass die IG darauf hinarbeite, mehr Singletrails zu legalisieren, als im nächsten Schritt vorgesehen sei.

100 Kilometer offizielle Singletrails sollen die Thurgauer Bikerinnen nach der Umsetzung des Konzepts zur Verfügung haben. Zum Vergleich: Der Kanton Graubünden hat ungefähr die siebenfache Fläche Thurgaus, bietet den Mountainbikern aber mit 11’000 Kilometer Singletrails, mehr als das Hundertfache dessen, was im Kanton am Südufer des Bodensees geplant ist.  

Der Vergleich ist allerdings unfair, denn Thurgau ist keine Gebirgsregion und zudem einer der Kantone mit dem tiefsten Waldanteil. Die Wälder gehören  rund 9000 verschiedenen Besitzern, erklärt Crameri, Kanton und Gemeinden besitzen kaum Forst. Das bedeutet, dass jeder für das Biken freizugebende Weg mit einem oder auch vielen Eigentümern ausgehandelt werden muss.

Zuguterletzt relativiert eine weitere Zahl das bescheiden wirkende Angebot von 100 Kilometern legaler Singletrails: Im ganzen Kanton gebe es 300 Kilometer attraktive Singletrails, weiss Crameri aufgrund von Stravadaten und Erhebungen. «Wir arbeiten darauf hin, dass möglichst viele von diesen freigegeben werden.»

Und dann steht da noch die Frage im Raum, wie viele Ressourcen die Thurgauer Polizei hat, Patrouillen in den Wald zu schicken, um Bikerinnen auf Abwegen zu büssen.