Mehr Geld, anderer Sport: Verliert das Mountainbiken seinen Charakter?
Top-Mountainbikes kosten heute fünfstellige Summen. Specialized verlangt für das S-Works Stumpjumper 14’499 Euro, Treks Top Fuel 9.9 Gen 4 liegt bei über 10’000 Franken. Auch darunter bleibt es teuer: Und der Tag am Berg ist längst kein Nebenkostenposten mehr: In Leogang und Saalbach kostet die Tageskarte 66 Euro, in Sölden 61.50 Euro. Die Graubünden TopCard liegt bei 1’300 Franken im Vorverkauf. Das sind keine Ausnahmen, sondern ein neues Preisniveau. Doch die Preisfrage allein greift zu kurz.
Das Geld hält den Sport in Gang
Der moderne Bike-Sport lebt von Bergbahnen, Trail-Crews, Werkstätten, Verleih und Ferienorten, die im Sommer Gäste brauchen. Diese Infrastruktur kostet. Aber auch neue Mountainbikes entstehen nicht gratis, Entwicklung und Technik müssen ebenfalls bezahlt werden. Der Sport ist heute in weiten Teilen teuer geworden, weil sein ganzes System teuer ist. Wer hohe Preise kritisiert, muss deshalb auch sehen, was dieses Geld mitträgt: legale Strecken, gepflegte Netze und einen Sport, der vielerorts professioneller geworden ist. Der zahlungskräftige Fahrer ist darum nicht nur Teil des Problems. Er finanziert auch Teile dessen, wovon am Ende viele profitieren.
Wer viel zahlt, prägt das Angebot
Wer die Kassen füllt, beeinflusst oft auch das Angebot. Auf dem Berg gilt das genauso wie im Katalog. Der E-Bike-Boom hat diese Entwicklung beschleunigt, weil er den Markt verbreitert und verteuert hat. Laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) lag der E-Bike-Anteil am deutschen Fahrradmarkt zuletzt bei 52,7 Prozent. Gleichzeitig stieg der Umsatz im Servicebereich um 13,5 Prozent. Das zeigt: Der Markt wächst nicht nur. Er wird auch technisch aufwendiger, serviceintensiver und teurer. Mehr Flow, mehr Komfort, mehr Premium: So sieht der Markt vielerorts aus. Destinationen bauen für breite, zahlungskräftige Zielgruppen. Hersteller entwickeln für Kunden, die hohe Preise akzeptieren und viel Technik nachfragen.
Das heisst nicht, dass teure Modelle günstige Mountainbikes automatisch mitfinanzieren. So simpel ist der Markt nicht, zumal die Branche selbst unter Druck steht. Aber ein Teil der Entwicklung startet oben und wandert später nach unten. Gute Geometrien, bessere Fahrwerke und starke Bremsen landen oft erst im Premium-Segment und später auch an günstigeren Bikes. Davon profitiert auch die Mittelklasse. Gleichzeitig verschiebt sich der Massstab: Was vor wenigen Jahren noch als starkes Mountainbike galt, wirkt heute schnell wie die sparsame Variante. High-End gilt zunehmend als Standard.
Das Problem ist die Norm
Der Luxus-Biker ist nicht das Problem. Kritisch wird es dort, wo sein Profil zur Vorlage für den ganzen Sport wird. Wenn Trails vor allem glatt, berechenbar und massentauglich sein müssen. Wenn ursprüngliche, günstige und anspruchsvolle Formen des Sports an den Rand rücken. Dann wird Mountainbiken zwar für mehr Menschen vermarktet, verliert aber ausgerechnet für jene an Reiz, die das raue Naturerlebnis suchen.
Der Sport braucht das Geld zahlungskräftiger Kunden. Er braucht aber auch jene raue, direkte Seite, die sich nicht buchen, upgraden oder ins Premium-Paket packen lässt. Am Ende profitieren beide Lager voneinander: Die einen finanzieren Strecken, Entwicklung und Infrastruktur. Die anderen halten jenes Bild des Sports lebendig, das Mountainbiken für viele erst gross gemacht hat.