Mikroplastik auf dem Trail: Grip hat seinen Preis | Ride MTB

Mikroplastik auf dem Trail: Grip hat seinen Preis

Gummiabrieb

Jeder Mountainbike-Reifen verliert Gummi. Das ist bekannt. Was die Partikel danach im Waldboden anrichten, das war bis vor kurzem kaum untersucht. Jetzt gibt es Zahlen, die aufhorchen lassen.

Mountainbiken wird schnell mit einem vergleichsweise geringen ökologischen Fussabdruck verbunden. Kein Abgas, kein Motorenlärm, keine asphaltierten Strassen. Doch ganz ohne Spuren bleibt auch das Mountainbike nicht: Jede Kurve kostet Gummi, jede Bremsung, jeder Antritt. Der Reifen reibt sich ab, und der Abrieb bleibt dort liegen, wo gefahren wird: im Waldboden, an Bachufern, in Schutzgebieten. Nicht auf Asphalt, nicht in Kläranlagen. Direkt in der Natur, die den Sport erst möglich macht.

Wie hoch dieser Abrieb auf Naturwegen ausfällt, war bisher kaum untersucht. Für Mountainbike-Reifen im Gelände fehlten belastbare Messdaten. Forscher der Universität Bayreuth haben im April 2025 im Fachjournal Science of the Total Environment dazu erstmals eine Feldstudie veröffentlicht. Die Resultate sind unbequemer als erwartet.

Weniger als gedacht

Für die Studie stattete das Team um Doktorand Fabian Sommer neun Fahrer mit neuen Reifen des Modells Schwalbe Wicked Will (29 × 2,4 Zoll) aus. Die Fahrer fuhren ihre gewohnten Touren, trackten alle Kilometer per GPS. In regelmässigen Abständen wogen die Forscher die Reifen im Labor. Ergebnis: 3,62 Gramm Abrieb pro 100 Kilometer. Je nach Jahresfahrleistung summiert sich das auf 59 bis 88 Gramm Reifenmaterial pro Fahrer und Jahr. Das Hinterrad verursacht dabei 64 Prozent des Abriebs.

Neue Reifen reiben stärker ab als eingefahrene. In den ersten 500 Kilometern ist die Rate fast doppelt so hoch, weil Produktionsrückstände und scharfe Stollenkanten zuerst abbrechen. Wer Reifen früh wechselt, hinterlässt pro Kilometer mehr als jemand, der seinen Reifen ausfährt.

Im nationalen Massstab wirkt das Resultat zunächst klein. Der Radverkehr in Deutschland verursacht weniger als 1 Prozent der gesamten Mikroplastikemissionen. Im Vergleich zu Pkw und Lkw bleibt der Beitrag des Mountainbikens damit deutlich kleiner. Vergleiche mit Schuhsohlen helfen nur bedingt, weil Material und Eintragspfad verschieden sind.

Giftiger, als gedacht 

Bis hierher klingt das nach Entwarnung. Doch Gramm allein sind die falsche Einheit. Was zählt, ist die Zusammensetzung der Gummimischung und der Ort, wo der Abrieb hinterlassen wird.

Ein MTB-Reifen besteht nicht nur aus dem Naturkautschuk des Gummibaums. Er ist ein Labor-Produkt: Synthesekautschuk, Russ, Weichmacher und dutzende chemische Additive, die miteinander verschmelzen. Eines davon heisst 6PPD, es schützt den Reifen vor Ozon. Ohne 6PPD würden Reifen deutlich schneller altern und rissig werden. Laut dem US-amerikanischen Reifenherstellerverband USTMA gibt es aktuell weltweit keinen gleichwertigen Ersatz.

Das Problem entsteht, wenn 6PPD mit Ozon in der Luft reagiert. Dabei entsteht 6PPD-Chinon. US-Forscher beschrieben diese Verbindung 2020 genauer, die Befunde sind ernst. Der tödliche Schwellenwert für den Silberlachs liegt bei 790 Nanogramm pro Liter Wasser. Das ist weniger als ein Tausendstel Milligramm. In dieser Konzentration versagen Herz-Kreislauf und Atmung des Fisches innerhalb von Stunden.

Ob Mountainbike-Verkehr allein diese Schwelle in einem Gebirgsbach erreicht, ist nicht gemessen. Was die Forschung zu Reifenabrieb generell zeigt: Partikel und Abbauprodukte können in Gewässer gelangen. Für Mountainbike-Trails ist jedoch offen, wie stark dieser Eintrag lokal tatsächlich ausfällt. Ein Gebirgsbach verdünnt weit weniger als ein Fluss. Gerade deshalb sind Quellen, Bäche und Feuchtstellen entlang stark genutzter Trails heikel.

Was der Boden schluckt

Labor- und Bodenstudien deuten darauf hin, dass Reifenpartikel im Waldboden das Mikrobiom verändern können. Bestimmte Bakterien, vor allem der Gattung Pseudomonas, vermehren sich überproportional. Das verschiebt den Stickstoffkreislauf: Der Boden gibt Stickstoff als Gas ab, statt ihn für Pflanzen verfügbar zu halten. Lokale Treibhausgasemissionen steigen und das Pflanzenwachstum leidet unter dem Stickstoffmangel. Regenwürmer und Fadenwürmer, Basis jeder Nahrungskette im Waldboden, zeigen in Laborversuchen deutliche Schäden ab bestimmten Konzentrationen. Ob diese Konzentrationen auf realen Trails erreicht werden, ist nicht abschliessend belegt.

Was die Industrie tut

Die Industrie reagiert unterschiedlich: Continental misst den Abrieb nach eigenen Angaben mit Vakuumtechnologie, Schwalbe recycelt Gummi per Pyrolyse. Das norwegische Unternehmen reTyre geht weiter: Reifen aus thermoplastischen Elastomeren, ohne 6PPD, ohne Vulkanisation und laut Unternehmen mit tieferem CO2-Fussabdruck in der Produktion. Die Technologie zielt vorerst auf den Strassenbereich. Ob sie MTB-Anforderungen je erfüllen wird, ist offen.

Was bleibt

Im Vergleich zum motorisierten Verkehr wirkt der Beitrag des Mountainbikens nach heutigem Stand klein. Das entlastet den Sport aber nicht überall gleich. Wer in sensiblen Gebieten fährt, nahe an Quellen, Bächen und Naturschutzgebieten, geht ein spezifisches Risiko ein. Entscheidend sind der Ort und die Chemie im Gummi. Der Waldboden ist keine Strasse, es gibt keine Kläranlage dahinter. Das macht den Unterschied: Nicht die Menge, sondern wohin sie geht und was sie mitbringt.