Quo vadis Bosch: Frisst die E-Bike-Revolution ihr eigenes Kind?
Der Angreifer kommt aus einer anderen Welt
120 Nm, bis zu 1000 Watt Spitzenleistung und ein Gewicht von rund 2,5 Kilogramm: Mit dem Avinox M1 hat DJI die Messlatte für E-Bike-Antriebe ordentlich nach oben verschoben. Und während sich die Branche noch mit dem ersten Avinox beschäftigt, steht mit dem M2 bereits die nächste Generation in den Shops. Und das mit bis zu 150 Nm und 1500 Watt Spitzenleistung. Mit schätzungsweise über 60 Fahrradherstellern, die innert Kürze auf den Avinox-Zug aufgesprungen sind.
Das Bemerkenswerte daran sind weniger die nackten Zahlen. Es ist die Geschwindigkeit, mit der DJI in einen Markt vorgedrungen ist, den Bosch über Jahre geprägt hat. DJI kommt nicht aus der Fahrradbranche, sondern aus der Welt von Drohnen, Elektronik, Sensorik und Software. Und genau diese Herkunft könnte sich als entscheidender Vorteil erweisen.
Bosch reagiert statt zu agieren
Bosch hat inzwischen nachgelegt. Mit dem Performance Line CX und dem CX-R wurden Leistung und Drehmoment angehoben, dazu kommen Software-Updates und neue Funktionen. Doch die Entwicklung wirkt zunehmend wie eine Reaktion auf das, was andere vorlegen. Das ist für einen Marktführer ein unangenehmer Zustand. Denn bislang war es umgekehrt: Bosch setzte den Massstab, die Konkurrenz musste reagieren. Jetzt stellt sich die Frage, ob Bosch noch einen grossen technologischen Sprung in der Hinterhand hat. Oder ob das Unternehmen versucht, die bestehende Plattform möglichst lange weiterzuentwickeln.
Boschs grösster Vorteil ist gleichzeitig seine grösste Gefahr
Trotzdem wäre es falsch, Bosch abzuschreiben. Im Gegenteil - beim Ökosystem ist Bosch der Konkurrenz um Welten voraus. Händlernetz, Ersatzteile, Service, Akkus, Software, ABS, Cargo-Antriebe und die enorme Zahl bereits ausgelieferter Systeme sind ein gigantischer Vorteil. Bosch könnte deshalb zum Intel der E-Bike-Branche werden: nicht zwingend immer der technisch aufregendste Anbieter, aber derjenige, dessen Systeme überall zu finden sind und denen Hersteller und Kunden vertrauen. Doch daas wäre ein Machtverlust. Bosch wäre dann zwar weiterhin Marktführer, würde aber nicht mehr automatisch als technologischer Marktführer wahrgenommen.
Der E-Mountainbike-Markt könnte zum Problem werden
Besonders kritisch ist das im Mountainbike-Bereich. Das E-MTB ist die technologische Speerspitze des E-Bikes. Hier werden Gewicht, Leistung, Fahrverhalten und Software diskutiert. Und hier entsteht auch das Image, das auf andere E-Bike-Kategorien abstrahlt. Wenn künftig das leistungsfähigste und leichteste System nicht mehr Bosch heisst, sondern Avinox, verändert sich die Wahrnehmung. Dann könnte Bosch bei Millionen von Trekking- und Citybikes weiterhin dominieren, während die technologisch interessierte Kundschaft plötzlich nach anderen Systemen schaut.
Bosch bekommt Konkurrenz von einer Industrie, die schneller Innovationen abliefern kann als die Fahrradbranche selbst.
Noch etwas könnte Bosch gefährlich werden: Der Motor verliert möglicherweise seinen Status als Alleinstellungsmerkmal. Lange Zeit war «Bosch» selbst ein Kaufargument. Ein E-Bike mit Bosch-Antrieb versprach Sicherheit, Qualität und ein funktionierendes Gesamtsystem. Doch je mehr leistungsfähige Systeme auf den Markt kommen, desto stärker könnte der Motor zur austauschbaren Komponente werden. Dann fragt der Kunde irgendwann nicht mehr: Welches System steckt darin. Sondern was kann es? Das wäre für Bosch eine fundamentale Veränderung. Die E-Bike-Branche hat eine solche Erosion von grossen Namen bereits durchgemacht, das ist nichts Neues: In deutsprachigen Märkten galt zu Beginn des E-Bike-Booms der Hersteller Flyer als Synonym für Elektrovelos. Heute ist dieser Status bloss eine Erinnerung.
Frisst die Revolution ihr eigenes Kind?
Ironischerweise könnte Bosch zum Opfer des eigenen Erfolgs werden. Bosch hat das E-Bike industrialisiert und den Antrieb zum zentralen Bestandteil des Fahrrads gemacht. Damit hat das Unternehmen aber auch einen riesigen Markt für leistungsfähige elektrische Antriebssysteme geschaffen. Und jetzt kommen Unternehmen aus Bereichen, die technologisch teilweise ganz andere Voraussetzungen mitbringen. DJI denkt in Elektronik, Sensorik, Software und Leistungsdichte. Genau deshalb wirkt Avinox weniger wie die nächste Evolutionsstufe eines E-Bike-Motors und mehr wie ein System aus einer anderen Technologiewelt. Bosch hat also nicht einfach einen neuen Konkurrenten bekommen. Bosch bekommt Konkurrenz von einer Industrie, die schneller Innovationen abliefern kann als die Fahrradbranche selbst.
Und: Bosch braucht schlicht zu lange, um Innovationen auf den Markt zu bringen. Das dürfte auch an der gewaltigen Unternehmensstruktur liegen: Je grösser der Konzern, desto länger die Wege – und desto schwieriger wird es, schnell und mutig Innovationen zu bringen. So hat Bosch beispielsweise die Light-Assist-Party regelrecht verschlafen. Im Interview mit Ride im Jahr 2015 spricht Bosch-E-Bike-Boss Claus Fleischer bereits über E-Bikes mit kleineren Akkus, moderater Leistung und geringerem Gewicht. Da sich die Schwaben mit der Lancierung eines solchen Systems bis zum Jahr 2023 Zeit gelassen haben: Da kommen Zweifel auf, ob der Innovationsmotor im Ländle geschmeidig läuft. Die Lancierung eines Nabenmotors liess ebenso ewig auf sich warten, und bei der MGU, der Einheit von Motor und Getriebe, lassen sich die Schwaben bislang von links und rechts überholen.
Was kommt als Nächstes?
Drei Szenarien sind denkbar: Bosch kann mit einer komplett neuen Antriebsgeneration zurückschlagen und den Spiess wieder umdrehen. Dann wäre Avinox vielleicht nur der Weckruf gewesen, den Bosch gebraucht hat.
Oder der Markt teilt sich. Bosch bleibt der dominante Anbieter für Trekking, City, Cargo und grosse OEM-Stückzahlen, während Avinox und andere chinesische Systeme vor allem im Performance- und E-MTB-Bereich den Ton angeben.
Die dritte Variante wäre für die Schwaben die unangenehmste: Bosch bleibt zwar Marktführer, verliert aber die technologische Deutungshoheit. Dann wäre Bosch nicht mehr das Unternehmen, das den E-Bike-Antrieb definiert, sondern eines von mehreren Unternehmen, die ihn liefern.
Genau deshalb ist Avinox für Bosch mehr als ein neuer Konkurrent. Es ist ein Warnsignal. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Bosch einen Motor mit 150 Nm bauen kann. Das wird der weltweit grösste Automobilzulieferer zweifellos können. Die entscheidende Frage lautet: Kann Bosch wieder derjenige sein, der die nächste Zahl vorgibt – und nicht derjenige, der darauf antwortet?