Rettet eine Reality-Show die Weltcup-Teams?
Nach über 30 Jahren im Weltcup beendete Cannondale Ende Juni 2026 sein Factory Racing Team, drei Tage nachdem einer seiner Fahrer in Lenzerheide gewonnen und die Führung in der Weltcup-Gesamtwertung übernommen hatte. Ab 2027 folgt ein Programm namens Cannondale Rogues, in dem neben Rennfahrern auch Content Creators und Community Leader sitzen. Kann eine gute Geschichte am Ende ersetzen, was ein Sieg nicht mehr einbringt?
Die Rechnung, die nicht mehr aufgeht
Ein Weltcup-Team auf die Beine zu stellen, kostet viel Geld. Scott-SRAM etwa rechnet mit einem siebenstelligen Budget für eine Weltcupsaison. Julian Wagner, im Bike-Marketing der Marke zuständig, sagt, der Spielraum für mehr Markenbekanntheit rund um die Rennen sei nicht gross, und er sei nicht garantiert.
Adam Morka, Besitzer und Teamchef des kanadischen Canyon MTB Racing Teams, hat im Januar 2026 vorgerechnet, wie sich das in einer Firmenbilanz ausnimmt. Eine Fahrradmarke mit 20 Millionen Dollar Umsatz gibt fürs Marketing rund zehn Prozent aus, also zwei Millionen im Jahr, für alles zusammen. Ein Weltcup-Programm kostet ein bis drei Millionen. Auf dem Papier gehe das auf, schreibt Morka, in der Praxis halte es kaum stand. Was auf der Strecke gut aussieht, lässt sich am Ende des Jahres nicht in Umsatz umrechnen. Daran scheitert das Modell, nicht am Rennen selbst.
Dabei ist das Rennteam nicht einmal das einzige Loch im Budget. Viele Marken haben während Corona für Jahre im Voraus bestellt und sitzen seither auf vollen Lagern. Sie senken die Preise, um sie zu leeren, und drücken damit die Marge, die am Ende das Rennteam finanzieren sollte.
Während Marken sparen müssen, dreht der Sport selbst an der Preisschraube. Der ehemalige Weltcupfahrer Wyn Masters hat vorgerechnet, dass die Teamgebühr für ein Downhill-Weltcup-Team 2025 von 11'000 auf 44'000 Euro stieg. Ein Laufsieg bringt 3750 Euro Preisgeld. Ein Team müsste also zwölf Rennen gewinnen, nur um die Anmeldung zu bezahlen. Die Saison hat zehn. Wer alle gewinnt, zahlt drauf.
Statt das Team zu streichen, stellen es viele Marken neu auf. Der Fahrer bleibt, aber er fährt nicht mehr nur fürs Podest, sondern auch für die Kamera. Morkas Rat lautet, das Rennteam nicht zu streichen, sondern mit etwas zu kombinieren, das sich sehr wohl messen lässt, gezielte Onlinewerbung zum Beispiel. Cannondale setzt mit Rogues auf dieselbe Grundidee, allerdings nicht auf bezahlte Werbung, sondern auf Content Creators, die zu mehr Reichweite verhelfen sollen. Nicht Ersatz, sondern Ergänzung: Rennfahrer bleiben, Content kommt dazu. Ob damit die Rechnung am Ende aufgeht, steht noch in den Sternen.
Wer die Geschichte erzählt
Pinkbike hat das zwischen 2020 und 2022 bereits durchgespielt. In der Castingshow Pinkbike Academy fuhren zehn Nachwuchsfahrer in Big White um einen Profivertrag von Orbea und 30'000 Dollar. Gefilmt wurde rund um die Uhr. Zwei Folgen der dritten Staffel heissen «Content Is King»: Die Fahrer bekommen eine GoPro und wenig Zeit, müssen ein Video über sich und ihre Sponsoren filmen und schneiden, ein Profi-Freerider bewertet das Ergebnis. Danach fliegen zwei raus. Ein Zuschauer schrieb in die Kommentarspalte, man solle die Serie gleich ganz auf Instagram verlegen, jemanden suchen, der gut aussieht und ihm dann das Radfahren beibringen.
Für die Athleten selbst kann die Doppelrolle zur Belastung oder einer Art Versicherung werden. Laurie Greenland, bis Dezember 2025 Downhill-Weltcupfahrer beim Santa Cruz Syndicate, sagt, es werde schwieriger, eine Balance zu finden, weil der Beruf gleichzeitig Hobby und Leidenschaft sei. Beides zu mischen könne ziemlich schiefgehen. Sein Team zieht daraus eine praktische Konsequenz: Während der Rennwoche übernimmt das Syndicate die Social-Media-Konten seiner Fahrer. Greenland nennt das eine grosse Erleichterung, er könne sich dann rein aufs Fahren konzentrieren. Nach vier Jahren verliess er das Team im Dezember 2025. Im April 2026 veröffentlichte er einen Film über schwere Tiefs und den Druck, ständig sein bestes Selbst sein zu müssen.
Die Reichweite bleibt für ihn trotzdem wertvoll, sie ist ein zweites Standbein, das nicht vom nächsten Resultat abhängt. Nur kostet sie ihn Aufmerksamkeit, wenn er sie am wenigsten entbehren kann. Wer beides gleichzeitig soll, macht beides halb. Also übernimmt jemand anderes das Erzählen. Der Fahrer fährt, das Team filmt, und aus dem Material entsteht später die Geschichte. So funktioniert Reality-Fernsehen: Die Kandidaten sollen keine Rolle spielen, sie sollen einfach leben. Das Drama wird danach am Computer zusammengeschnitten.
Für die Geschichte braucht es nicht einmal einen Sieg. Eine Untersuchung der Temple University unter 30 Elite-Athleten zeigt: Erwartet wird auch das Misslingen, die Verletzung, das verpatzte Rennen. Wer nur gewinnt, wirkt unecht. Für ein Rennteam mit Content Creators ist das eine beruhigende Nachricht. Eine Niederlage ist in der Rangliste nicht viel wert, in einer Geschichte schon.
Jolanda Neff gewann ihr letztes Weltcuprennen im Sommer 2022. Vier Jahre ohne Sieg, doch die 482'000 Follower auf Instagram sind geblieben. Siege muss man sich jede Saison neu erarbeiten, ein Publikum nicht. Ein Team, das einen Fahrer verpflichtet, bekommt deshalb zweierlei: eine ungewisse Aussicht auf Resultate und ein Publikum, das der Fahrer schon mitbringt. Wer Content Creators in das Team holt, kauft sich Sicherheit ein. Reichweite gibt es auch dann, wenn die Podestplätze ausbleiben.
Content ist nicht der einzige Ausweg. Im Januar 2026 stieg Adidas als Titelsponsor beim kanadischen Downhill-Team Norco ein, mehrjährig und zum ersten Mal auf diesem Niveau in einem UCI-Programm. Während anderswo Teams gestrichen werden, wurde dieses grösser. Teamchefs nennen solche Geldgeber branchenfremd, im Mountainbike sind sie selten. Wer einen findet, muss die Rechnung nicht mit Reichweite lösen.
Der Rennfahrer wird also nicht zum Schauspieler. Spielen muss er nichts, das Drama ergibt sich später beim Zusammenschneiden der Aufnahmen. Nur erzählt er seine Geschichte nicht mehr selbst. Andere tun das für ihn und er kann sich auf das Rennen fokussieren. Ob diese Strategie die Teams vor dem Aussterben rettet, ist damit nicht gesagt. Ein Content Creator senkt weder die Startgebühr noch das Budget. Die Rechnung geht nur auf, wenn am Ende mehr Bikes verkauft werden. Das wird sich frühestens in ein paar Saisons zeigen.