«Was willst du bloss bei Velosuisse, Nathalie Schneitter?» | Ride MTB

«Was willst du bloss bei Velosuisse, Nathalie Schneitter?»

Nathalie Schneitter Velosuisse

Nathalie Schneitter kennen viele als Rennfahrerin, andere als Co-Organisatorin der Cycle Week und wieder andere als originelle Bike-Botschafterin. Sie alle müssen sich nun daran gewöhnen, dass die Solothurnerin Präsidentin und Geschäftsführerin des Branchen-Verbands Velosuisse ist. Im Interview erklärt sie, warum dieses Amt die logische Konsequenz ihrer bisherigen Velo-Aktivitäten ist.

Wie oft wurdest du in den letzten Tagen gefragt, was du bloss bei Velosuisse willst?

So hat mich das niemand gefragt. Ich kenne ja die Branche gut als Messeleiterin der Cycle Week und früher der Bike Days. Viele waren überrascht, finden es aber mega cool, dass ich das mache. Auch dass endlich eine Frau an der Spitze von Velosuisse steht, kommt sehr gut an. Manche haben mich allerdings auch gefragt, was Velosuisse überhaupt ist, oder was dieser Verband mache.

Wie hast du es ihnen erklärt?

Es ist der Verband der Veloimporteure -hersteller und -dienstleister, die sich darin vernetzen und ihre Anliegen nach aussen tragen. 

Können beispielsweise die Leute, die dich aus dem Rennsport kennen, damit etwas anfangen?

Es gibt ja auch einige Rennfahrer, die nach ihrer Karriere in einem Verband mitarbeiten, etwa in der Athletenkommission der UCI oder beim IOC. Ich denke, viele, die am Zenith ihrer Wettkampfkarriere stehen, überlegen sich, was sie danach machen könnten. Ein politisches Amt in einem Verband könnte für viele etwas sein.

Was finden die Leute aus der Velobranche oder auch aus der Bike Community so cool daran, dass du jetzt diesen Verband leitest?

Es kommt gut an, dass ich das Velofahren täglich als Passion lebe. Und natürlich auch, dass ich ein gutes Netzwerk innerhalb der Velowelt mitbringe und politische Prozesse verstehe.

Kannst du nachvollziehen, dass einige dein originelles Wesen nur schwer mit grauer Verbandsarbeit in Einklang bringen?

Es wird sich noch zeigen, wie gut ich hineinpasse. Aber als Sportlerin brauche ich Herausforderungen. Diese gehe ich mit Respekt an, denke aber, dass ich etwas bewegen kann. Und grau habe ich sowohl den Vorstand als auch die GV definitiv nicht erlebt. Die Branche vertritt ein tolles Produkt und starke Emotionen.

Gab es ein Erlebnis, dass dich auf die Idee gebracht hat, dich in der Verbandspolitik zu versuchen?

Ja, die Situation im Kanton Solothurn, in dem ich aufgewachsen bin. Ich habe mich bei der IG MTB Kanton Solothurn engagiert und wir haben viel bewegen können. Das war mein Aha-Erlebnis. Als dann die Anfrage kam, ob ich interessiert wäre, Geschäftsleitung und Präsidium von Velosuisse zu übernehmen, war mein erster Gedanke: Jetzt habe ich die Chance etwas auf höchster Ebene in der Schweiz mitzugestalten. 

Welche Ziele hast du dir gesetzt?

Mein Ziel ist es, die Velobranche als Ganzes voranzutreiben und die Wahrnehmung des Velos gegen aussen nachhaltig zu prägen. Mir ist es ein zentrales Anliegen, die Velowelt innerhalb der Branche wie auch politisch noch stärker zu vernetzen. 

Was können wir uns darunter konkret vorstellen?

Ein Beispiel: Es gibt mehr als hundert Motionen im Zusammenhang mit dem Velo, die in den eidgenössischen Parlamenten hängig sind. Ich will mir einen Überblick verschaffen und als Vertreterin von Velosuisse mitdiskutieren. Wir müssen mehr investieren, um als Branche gehört zu werden und auch das Velo vorwärtszubringen.

Was werden deine Aufgaben sein?

Meine Aufgaben sind breit gefächert. Meine Vorgänger haben sehr viel Basisarbeit geleistet und die digitale Transformation angestossen. Velossuisse hat wichtige Eckpfeiler definiert, die den Verband in Zukunft stärker positionieren sollen. Diese Projekte weiterzuverfolgen und umzusetzen wird ein grosser Fokus sein. Als Geschäftsführerin habe ich beispielsweise auch Einsitz bei Cycla, der Schweizer Velo-Allianz, die sich politisch engagiert. Wir erachten es auch als unsere Aufgabe, dem 2018 mit grossem Volksmehr angenommen Veloweggesetz Nachachtung zu verschaffen — on- wie Offroard. Das ist nämlich kein Selbstläufer.

Diejenigen, die Velosuisse kennen, kennen sie für die jährlichen Fahrrad-Verkaufszahlen, die etwas besser Informierten für die Branchen-Veranstaltung Infotech. Du hast schon angetönt, dass du neue Ideen hast. Wofür werden wir Velosuisse in Zukunft wahrnehmen?

Dazu kann ich noch nichts kommunizieren, aber wir haben einige neue Ideen – obwohl ich offiziell noch gar nicht im Amt bin. 

In welchem Pensum arbeitest du für Velosuisse? Du bist ja weiterhin Messeleiterin der Cycle Week.

Mein Pensum für Geschäftsleitung und Präsidium beträgt rund 40%.

Wachsen die Cycle Week und Velouisse zusammen oder musst du vielmehr achtgeben, die beiden Aufgaben auseinanderzuhalten?

Natürlich muss ich die Arbeit für die private Agentur, die die Cycle Week veranstaltet und die Verbandsarbeit trennen. Aber viele, die bei mir einen Stand buchen, sind auch Mitglieder von Velosuisse. Mein direkter Draht zu den Akteuren der Velobranche war ein Grund, weshalb ich für das Präsidium und die Geschäftsführung gefragt wurde. In einem Gespräch über die Details eines Messeauftritts werden wir vielleicht auch mal noch eine Verbandsangelegenheit besprechen. 

Wo steckst du eigentlich zurück, um Platz für die 40 Prozent Velosuisse zu haben?

Schon Ende 2024 ist mit der Strassen- und Paracycling-WM in Zürich ein grosses Mandat zu Ende gegangen. Nach der E-Mountainbike-WM im September dieses Jahres habe ich zudem das E-Bike-Racing an den Nagel gehängt. Jetzt freue ich mich auf die neue Herausforderung. 

Wirst du gar keine Wettkämpfe mehr bestreiten oder nur keine E-MTB-Rennen mehr?

Ich brauche eines bis zwei sportliche Ziele pro Jahr, um täglich aufs Velo zu steigen und mich zu bewegen. Wenn ich täglich Wind und Wetter im Gesicht habe, liefere ich auch im Büro besser ab. 

Für solche Aussagen – wie auch für «Velofahren macht glücklich» – kennt man dich. Werden solche Inhalte zu Velosuisse-Statements?

Wir müssen auf jeden Fall dafür sorgen, dass die Kinder und Jugendlichen weiterhin aufs Velo steigen und das Velo als Verkehrsmittel nicht aufs Abstellgleis gerät. Das wäre ja auch für die Branche verheerend.