Zu Besuch bei der Aarios AG: Überleben im Fernost-Dschungel
„Wir gehen nicht zum Kunden, sondern wegen unserer Philosophie kommt der Kunde zu uns. Das sei bei den interessierten Händlern und beim Endkunden so“, beschreibt Arnold Ramel, Patron der Aarios AG, seine Version der Marktbearbeitung. Auch sonst unterscheidet sich der Fahrradhersteller Aarios aus dem solothurnischen Gretzenbach von den Mitbewerbern im In- und Ausland. Denn die Rahmen sind keine Importware aus Taiwan, sondern entstehen in Handarbeit in der eigenen Fabrik.
Die Firma Aarios wurde 1930 als Genossenschaft von innovativen Fahrradhändlern in Aarau gegründet. 1976 erwirbt Arnold Ramel, gelernter Elektromaschinenbauer und einstiger Verkaufsleiter bei Bally das Unternehmen und eröffnet 1982 den Firmensitz in Gretzenbach. Gemäss Ramel munkelte die Schweizer Konkurrenz zu diesem Zeitpunkt, „Aarios mache es nicht mehr lange“. Doch das Gegenteil traf ein und Ramel überlebt die Konkurrenz. Zahlreiche Mitbewerber wie Tigra, Cilo, Villiger, Mondia, Alpa, Allegro und Condor hatten die Eigenproduktion von Rahmen in der Schweiz aufgegeben und sind heute grösstenteils überhaupt nicht mehr da.
Beständigkeit als grundlegende Philosophie
Kontinuität und Wertbeständigkeit sind die Stichworte, die bei Arnold Ramel während der Betriebsbesichtigung immer wieder fallen. Und auf diese Worte folgen dann entsprechende Taten seines fünfzehn Mitglieder starken Teams bei der Rahmenproduktion und dem Aufbau zum Fahrrad nach Kundenwunsch. Seit Beginn an setzte man auf Stahl als Rahmenmaterial: das konfizierte und auf das entsprechende Modell abgelängte Dedacciai 25crmo4 Rahmenrohr wird passig gefräst und zu einem Rahmendreieck zusammengefügt. Anschliessend schweisst man die Rohre nicht, sondern diese werden in Muffen mit Messing oder Silberlot hartgelötet. Wer nicht auf die Muffen-Optik steht, kann auch aus Modellen auswählen mit einem handgelöteten, muffenlosen, „filled brazed“ CroMo-Rahmen.
Das Löten der Rohre ist schonender als Schweissen, da beim Löten die Temperatur geringer ist und dadurch die kristalline Struktur des Metalls nicht zerstört wird. Anschliessend wird der Rahmen sandgestrahlt, darauf eisenphosphatiert und seit 4 Jahren passiviert, um innen und aussen optimalen Rostschutz zu erreichen. Auch bei der Farbgebung gibt es keine Kompromisse: eine Grundierung wird gepulvert und bei 185 Grad eingebrannt. Darauf folgt einer der rund 70 zur Auswahl stehenden Farbtöne als Pulverbeschichtung im gleichen Verfahren. Als Abschluss wird ein gespritzter Lack glänzend oder matt bei 165 Grad eingebrannt.
Langlebigkeit als Erfolgsrezept
Erwerben kann der Kunde ein Aarios Velo bei derzeit etwa 45 Händlern in der Schweiz. Als Alternative kann der Aarios-Interessent sein Velo auch direkt in der Manufaktur in Gretzenbach kaufen und dort warten lassen. Für die Händler stelle das gemäss Ramel überhaupt kein Problem dar, da er noch nie ein Rad liquidiert habe und keine Rampenverkäufe durchführe. Die Kontinuität der Produktpalette stelle sicher, dass man nicht auf überschüssiger Ware sitzen bleibe, die man dann zu Schleuderpreisen loswerden müsse. Er lasse die Konsumenten probefahren, berate diese und verlange dafür Detailpreise wie jeder Fachhändler. Zudem würde kaum ein Konsument von Genf oder St. Gallen, von Helsinki, Caen oder Wien anreisen, wenn er dasselbe Fahrrad mit hochwertigem, elegantem Stahlrahmen in dieser Vielfalt bei seinem Händler im Ort kaufen könnte.
Sein Vorteil sei jedoch schon, dass bei ihm direkt eine riesen Auswahl bereitstehe und die Beratung noch ein Stück authentischer sei. Das wissen auch einzelne Händler zu nutzen, sie empfehlen den „heiklen“ Kunden den Besuch der Fabrik, wo sie optimal beraten würden. Der Verkauf des Rades läuft dann, mit Verrechnung des Aufwandes für Beratung, ganz normal über den Händler ab.
Die verkaufsbereiten Fahrräder, die in der Fertigungshalle aufgereiht stehen, sind durch die Auswahl der Anbauteile Zeugen der Hauptstärke von Aarios: die Langlebigkeit der Erzeugnisse. So sind bei Aarios Steuersätze und Innenlager von Chris King, Thomson Sattelstützen- und Vorbauten sowie Rohloff Naben fast schon Standard-Ausrüstungen. Diese Qualitätsware wissen vor allem Langstreckenfahrer zu schätzen, expeditionstaugliche Reiseräder sind ein wichtiges Standbein für Aarios.
Eigensinnige Komponentenauswahl
Über Komponenten könnte man mit Arnold Ramel stundenlang diskutieren. Um den Riemenantrieb von Gates macht er einen Bogen, da dieser nicht wintertauglich sei und die Lager der Hinterradnaben vom gespannten Riemen überbelastet würden. Von all den verkaufsbereiten Velos ist zudem kein einziges mit einer hydraulischen Scheibenbremse ausgerüstet. Diese Bremsen seien für Strassenfahrer nicht nötig, sie seien pflegebedürftig und würden den Benutzer ärgern, weil sie bei dürftiger Pflege früher oder später zu schleifen beginnen.
So viel Eigensinn im Hause Aarios und der Verzicht auf das sonst übliche Marketing-Feuerwerk geht aber nicht zu Lasten des Verkaufs. Die auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Unternehmens-Philosophie erreicht den Kunden und viele Leute sind bereit, für ein langlebiges und wertbeständiges Velo einen entsprechenden Preis zu bezahlen. Arnold Ramel beweist mit seinem Familienbetrieb Aarios, dass der Werkplatz Schweiz und insbesondere auch das Festhalten an bewährten Handwerkstraditionen Zukunft hat.