«Ich kaufe in Deutschland ein» | Ride MTB

«Ich kaufe in Deutschland ein»

An der Infotech, dem Weiterbildungs-Event für Bike-Dealer am 4. und 5. Januar 2017 in Luzern, drückten über 650 Fahrradhändler die Schulbank. Besonders bei der Podiumsdiskussion erhitzten sich die Gemüter - spätestens als es vom Rednerpult aus zu hören gab, dass man in Deutschland einkauft und Velomechaniker auf dem Lohnniveau von Putzpersonal agieren.

Der Infotech-Veranstalter Velosuisse – der Branchverband der Schweizer Velolieferanten - zeigte sich zufrieden, denn es konnte während den zwei Tagen (4. und 5. Januar 2017) im Armee-Ausbildungszentrum in Luzern zu Jahresbeginn wieder «Full House» verzeichnet werden. Bereits zum 15. Mal steigt die Infotech, bei der sich die Fachhändler unkompliziert und umfassend auf die neue Saison einstimmen lassen. Wer den Anlass besucht, nimmt zahlreiche Inputs mit - rund um Fahrradtechnik bis hin zur Präsentation der passenden Betriebssoftware.

Digitalisierung im Fokus

Während an der Infotech 2016 noch der Frankenschock ein prägnantes Thema war, war heuer die Digitalisierung ein oft besprochenes Thema. Und das auf mehreren Ebenen: Schaltungen sind heute mit einer Smartphone- oder Tablet-App justierbar. Zahlreiche Anbieter stellen an der Infotech Software-Lösungen vor, mit denen Bike-Shops ihre Aufträge, Werkstättenauslastung und Kundenrelationen verwalten können. Es gab Workshops, wie man heute mit Facebook, Instagram, WhattsApp und Snapchat umgehen kann oder soll. Und der Kunde fordert heute Lösungen, mit denen eine Veloservice einfach online buchbar ist.

BWL versus Werbesendung

Immer wieder haben Referenten und Fachhändler betont, wie facettenreich Mitarbeiter im Fahrradfachhandel gefordert sind. Natürlich ist ein Handwerker respektive ein Mechaniker im Shop verlangt – und dieser ist im Zuge des E-Bikes auch als Mechatroniker und Informatiker involviert. Gleichzeitig ist man im Shop Verkäufer, also Kommunikationsexperte, weiss mit Social Media umzugehen, kennt sich mit Ernährungsfragen aus, ist im Bereich Ergomie kundig und weiss ebenso bei Buchhaltung und Mehrwertsteuerfragen Bescheid.

Diese zahlreichen Anforderungen an Bikeshop-Mitarbeiter widerspiegeln sich auch im Kursangebot an der Infotech: Seminare und Vorträge aus dem BWL-Bereich sind gut besucht und die Räume brechend voll. Seminare und Vorträge, bei denen es ausschliesslich darum geht, einzelne Produkte vorzustellen und so schlussendlich eine reine Werbeveranstaltung abzuhalten, sind oft schlecht besucht und werden oft mit miserablen Besucherzahlen im einstelligen Bereich abgestraft.

«Ich kaufe meine Kosmetika in Deutschland ein»

Ein stetes Highlight der Infotech ist die Podiumsdiskussion. Diese findet im Plenarsaal statt und dieser ist auch im Jahr 2017 mit weit über 200 Teilnehemern bis fast auf den letzten Platz besetzt. Am Rednerpult stehen K-Tipp-Redaktor Darko Cetojevic und Konsumentenschützerin Sara Stalder. Diese treffen auf Harry Ramsauer, Fachhändler in St. Gallen und Präsident Bereich Velo von 2Rad Schweiz sowie Yolande Spicher, Fachhändlerin in Bösingen. Als Sidekick agiert Kommunikationstrainer Andre Peter, als Leiter der Diskussion amtet Marius Graber, tätig als Fahrradfachjournalist und Velofachhändler.

Nicht auf Augenhöhe

Die Diskussion steht unter dem Thema «Hat der Kunde immer Recht» und eingangs dreht sich die Diskussion auch ums Thema, ob Kunden heute – mit dem Rückenwind der ernormen (Preis)-Transparenz, die das Web bietet - immer anspruchsvoller, oder gar frecher und unanständiger werden. Von Beratungsklau ist die Rede und zu wenig Begegnungen zwischen Verkäufer und Käufer, die auf Augenhöhe stattfinden.

Der Preis ist heiss

Dann ändert sich das Thema der Podiumsdiskussion sprunghaft. Für wenig Sympathien im Publikum sorgt das Votum von Cetojevic, dass die Stundenansätze im Fachhandel zu hoch sind. Für richtig rote Köpfe sorgte das Votum von Kosumentschützerin Stalder, sie kaufe ihre Kosmetika aufgrund überhöhter Schweizer Preise auf Vorrat in Deutschland ein. Stalder stellt im Anschluss die vor kurzem lancierte Fairprice-Volksinitiative vor, die unter anderem zum Ziel hat, in der Schweiz Preise zu etablieren, die nur 10 bis 15 Prozent über dem Niveau des Auslands liegen. Mehrfach interessante Ansichten gab es von Kommunikationsexperte Peter zu hören. Etwa, dass es beim Einkaufstourismus zu bedenken gebe, wieviel Zeit diese Touristen diese im Auto verbringen und wieviel Benzin damit verheizt werde.

Adieu Luzern

Für die Infotech 2018 heisst es: Adieu Luzern. Der Event findet künftig nicht mehr im Armeeausbildungszentrum Luzern statt. Dort sei es im Zuge einer Reform nicht mehr möglich, die Seminarräume für die Fachhändlerveranstaltung auszuräumen.

Künftig: Infotech in der zweiten Januarwoche

Der Veranstalter Velosuisse hat derweil schon für Ersatz gesorgt: Die Infotech findet am Donnerstag, 4. und Freitag, 5. Januar 2018 statt. Und das im Seminarhotel Sempachersee. Für die kommenden Jahre ist gemäss dem Veranstalter ein terminliche Anpassung bei der Infotech in Sicht: Diese soll spätestens 2020 in der zweiten Januarwoche stattfinden.

Infotech 2017 – ein paar Fakten

Teilnehmende Händler / Gezählte Eintritte: 670 (2016: 630, 2015: 625, 2014: 586, 2013: 599, 2012: 611)
Teilnehmende seitens Seminaranbieter/ Referenten: rund 305
Anzahl Seminare: rund 70
(Angaben Bernhard Loosli, Velosuisse Event GmbH)