Aventyr Trans-Engiadina
Das ist das vielleicht perfekte Rennen für Rennsportmuffel
Es gibt Mountainbiker, die fahren Rennen. Und es gibt Mountainbiker, die würden im Leben nie auf die Idee kommen, sich eine Startnummer an den Lenker zu heften. Zu viel Stress, zu viel Leistungsdruck, zu wenig Spass, und das ist verständlich. Doch ausgerechnet für diese zweite Gruppe gibt es eine Rennform, die wie geschaffen für Rennsportmuffel scheint; Enduro-Etappenrennen. Das Aventyr Trans Engiadina gehört seit diesem Spätsommer dazu.
Dabei klingt das Konzept zunächst ziemlich nach Rennsport. Während mehrerer Tage werden auf «unbekannten» Singletrails die Zeiten gestoppt. «Blind Racing» nennt sich das, weil die Teilnehmer die Abfahrten zuvor weder besichtigen noch trainieren können. Wer schnell ist, gewinnt. So weit, so gewöhnlich. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten mit dem klassischen Rennbetrieb bereits weitgehend.
Wer mit Rennsport nichts am Hut hat, fährt keine Cross-Country-Rennen, Enduro-Etappenrennen wie das Aventyr aber schon. Wie Nicht-Racer mit Feuer und Flamme hier für den Trail-Spass am Start standen, ist unglaublich cool und einzigartig!
Balz Weber
Trail-Ferien mit Startnummer
Der eigentliche Reiz solcher Etappenrennen liegt nämlich nicht in der Rangliste, sondern im Drumherum. Man fährt mehrere Tage auf den besten Trails einer ganzen Region, entdeckt Abfahrten, die man ohne Ortskenntnisse kaum finden oder links liegen lassen würde, und man muss sich weder um die Navigation noch um Transporte oder Verpflegung gross Gedanken machen. Dazu kommt ein nicht unwesentlicher Luxus: Die Trails sind für das Rennen organisiert und gesichert. Man kann es also auch mal richtig laufen lassen, ohne hinter jeder Kurve mit einer Wandergruppe rechnen zu müssen.
Im Grunde ist ein Enduro-Etappenrennen eine organisierte Trail-Reise mit eingebauter Zeitmessung. Und genau diese Mischung macht den Reiz aus. Das zeigt sich auch am Teilnehmerfeld. Eine Handvoll Profis, vielleicht zwei Hände voll ambitionierte Hobbyrennfahrer und eine grosse Mehrheit, die sonst mit Rennsport wenig am Hut hat. Hier steht der Spitzenfahrer beim Mittagessen neben dem Gelegenheitsbiker, tauscht sich mit ihm über die letzte Abfahrt aus und startet wenig später auf demselben Trail. Keine abgesperrten Teamboxen, keine Starallüren, kein verbissenes Aufwärmen. Dafür viel Gemeinschaft und die einmalige Gelegenheit, sich ganz nebenbei mit den Besten zu messen, wenn man denn will. Ansonsten wird die Zeitmessung ganz schnell mal zur Nebensache.
Grosse Vorbilder, kleines Format
Das Aventyr Trans Engiadina feierte diesen Spätsommer seine Premiere und reiht sich damit in eine durchaus illustre Gesellschaft ein. Trans Provence, später als Stone King Rally bekannt, Trans Madeira oder Trans Nomad, um nur ein paar wenige zu nennen: Sie alle haben das Enduro-Etappenrennen zu dem gemacht, was es heute ist. Abenteuer auf zwei Rädern, lange Tage im Sattel, unbekannte Trails und eine Gemeinschaft, die sich nicht über Wattzahlen oder Ranglisten definiert.
Das Aventyr folgt diesem Prinzip, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Mit drei Renntagen ist es deutlich kompakter als viele seiner grossen Vorbilder. Wo die legendäre Trans Provence selbst gestandene Profis an ihre körperlichen Grenzen brachte, bleibt das Aventyr auch für normal trainierte Mountainbiker ein realistisches Unterfangen. Man muss weder ein Trainingslager absolvieren noch seinen Jahresurlaub opfern, um dabei zu sein. Lediglich fahrtechnisch, sollte man einigermassen auf der Höhe sein, damit nicht eine ganze Abfahrt in einem Fussmarsch endet.
Und so traf sich in Scuol eine bunte Mischung aus unterschiedlichsten beruflichen Ecken – von der Landwirtin bis zum Banker, vom Automechaniker bis zum Bike-Markenvertreter. Gemeinsam hatten sie vor allem eines: die Freude an guten Trails. Ob jemand schnell oder langsam unterwegs war, spielte spätestens beim Feierabendbier ohnehin keine Rolle mehr.
Petrus fährt nicht nach Rennprogramm
Das Programm versprach einiges. Drei Tage, abwechslungsreiche Trails und eine ausgedehnte Reise durch die Engadiner und Münstertaler Bergwelt. Doch Petrus hatte offenbar andere Pläne. Nach Monaten der Trockenheit öffnete er ausgerechnet zum Rennstart die Schleusen.
Die geplante Überfahrt durchs Val S-charl ins Val Müstair war bereits stark «verwässert, und die erste Stage durchs wunderschöne Valbella musste gestrichen werden. Keine idealen Voraussetzungen für ein Rennen, das von grossartigen Landschaften und noch grossartigeren Trails lebt.
Doch wer nun mit langen Gesichtern rechnete, wurde auf der Alp da Munt eines Besseren belehrt. Die Berghütte war proppenvoll, die Stimmung bestens und die Vorfreude auf die erste gewertete Abfahrt ungebrochen. Dass diese nass werden würde, war klar. Dass auch die nächsten beiden Stages zur ausgewachsenen Schlammschlacht auf technisch anspruchsvollen Trails mutieren würden, ebenfalls.
Für Schönwetterfahrer wie mich war das durchaus eine Herausforderung. Und ich war damit offensichtlich nicht allein. Doch genau darin liegt vielleicht ein weiterer Reiz solcher Veranstaltungen. Man fährt Dinge, die man unter normalen Umständen möglicherweise aus Komfortgründen ausgelassen hätte, und stellt hinterher fest, dass sie trotz allem ziemlich viel Spass gemacht haben.
Wenn die Hobbyfahrer mehr Mum haben als die Profis
Auch am zweiten Tag blieb das Wetter der Spiel- nicht aber Spassverderber. Eigentlich hätte eine epische Fahrt von Scuol nach Samnaun auf dem Programm gestanden. Grossartige Aussichten, grossartige Trails, grosses Kino. Stattdessen zwang der anhaltende Regen die Organisatoren zu einer kurzfristigen Planänderung. Aus Sicherheitsgründen wurde das Rennen auf eine alternative Strecke rund um Scuol verlegt.
Die Enttäuschung war den Machern anzumerken. Schliesslich hatten sie viel Arbeit in die ursprüngliche Route gesteckt, um den Teilnehmern einen epischen Renntag zu bieten. Diese wiederum nahmen es gelassen. Schliesslich war man ja zum Mountainbiken hier. Und davon gab es noch immer reichlich.
Richtig interessant wurde es vor der letzten Stage. Die Bedingungen waren schwierig, der Trail technisch äusserst anspruchsvoll. Wegen einiger besorgten Stimmen seitens der Profis holten die Organisatoren deshalb die Meinung der Teilnehmer ein. Und siehe da: Während sich die Profis eher zurückhaltend vorsichtig zeigten und von einem Start abrieten, wollten ausgerechnet die Hobbyfahrer die Abfahrt keinesfalls auslassen.
Also ging es los. Die sonst Nicht-Racer stürzten sich beherzt in die letzte Prüfung des Tages, meisterten Schlamm und hinterlistige Wurzeln. Nicht unbedingt mit Bestzeiten, dafür mit umso mehr Begeisterung. Hätte es eine Wertung für den besten Spirit gegeben, der Sieg wäre an diesem Tag wohl kaum an einen Profi gegangen.
Es war eine dieser Szenen, die den Charakter solcher Veranstaltungen perfekt auf den Punkt bringen. Während bei klassischen Rennen die Resultate im Zentrum stehen, sind es hier oft die Geschichten, die hängen bleiben. Und die besten davon schreibt nicht zwingend der Schnellste.
Postkartenwetter zum Abschluss
Der dritte und letzte Renntag startete noch etwas grau. Dann aber verzogen sich die düsteren Wolken und das Unterengadin zeigte sich endlich wieder von seiner sonnigen Seite. Mit dem ersten Etappenstart auf dem Piz Clünas servierten die Aventyr-Macher zum Abschluss nochmals eine ordentliche Portion Bergpanorama und hochalpine Trail-Vergnügen. Genau jene Mischung also, für die man ursprünglich angereist war.
Natürlich wäre bei besserem Wetter noch mehr möglich gewesen. Die geplante Route hätte das Potenzial gehabt, die Teilnehmer restlos zu begeistern. Doch vielleicht hat gerade diese verregnete Premiere gezeigt, worauf es beim einem solchen Rennen tatsächlich ankommt. Nicht auf perfekte Bedingungen, nicht auf Bestzeiten und schon gar nicht auf einen Platz auf dem Podest. Sondern auf ein gemeinsames Abenteuer, bei dem jeder auf seine Kosten kommt.
Lust auf mehr?
Die Premiere des Aventyr Trans Engiadina hat jedenfalls Lust auf mehr gemacht. Und sie liefert einen guten Grund, seine nächsten Trail-Ferien einmal anders zu planen. Das bestätigen sogar Profis wie Jonas Bernet.
Für mich wars cool, die für mich unbekannten Trails des Unterengadins und Val Müstair zu entdecken. Da ich nicht der grosse Tourenplaner bin, sind solche Rennen wie das Aventyr perfekt: Alles ist organisiert, die Trails sind top und man kann einfach das Biken und die Landschaft geniessen, ohne gross Navigieren zu müssen. Dazu trifft man alte und neue Gesichter aus der Bike-Szene und hat eine super Zeit.
Jonas Bernet, Overall-Sieger Aventyr 2026
Wer normalerweise einen grossen Bogen um Rennen macht, muss sich von der Startnummer nicht abschrecken lassen. Man muss weder besonders schnell sein noch einen ausgeprägten Wettkampfgeist besitzen. Eine solide Fahrtechnik, eine solide Grundkondition und Freude an unbekannten Trails reichen als Grundlage völlig aus. Den Rest erledigen die Organisatoren und die anderen Teilnehmer, die während diesen Tagen zu Bike-Buddies werden. Und die Zeitmessung? Die kann man ernst nehmen, muss man aber nicht.
Die nächste Gelegenheit bietet sich vom 15. bis 19. September 2027, wenn das Aventyr in die zweite Runde geht. Wer also schon immer mal Rennluft schnuppern wollte, ohne gleich zum Rennfahrer zu mutieren, sollte sich dieses Datum merken.