Berufsbild: Arbeitskraft im Bikeshop (enthält Spuren von Ironie)
Hier ein (fiktive) Jobbeschreibung, die benennt, was alle anderen Stellenausschreibungen weglassen:
Sie sind nicht nur als Mechaniker begabt
Sie sind auch als Mechatroniker topfit. Denn das E-Bike verdrängt zusehends das unmotorisierte Velo. Sie mögen es, auf fast täglicher Basis Troubleshooting zu erledigen, wenn das E-Bike zickt. Da die Technik hier ständig und rasant fortschreitet, ist eine solide Portion Learning by Doing- sowie eine Hands-On- und natürlich die Getting-Things-Done-Mentalität wünschenswert. Sie arbeiten auch gerne immer wieder mit den Fahrradherstellern daran, die Produkte wie eine Banane am Markt zur Reife zu bringen.
Sie mögen die Jahreszeiten
Denn im Bikeshop geht es sehr saisonal zu. Das bedeutet: Im Winter ist es teilweise sogar chillig. An neblig-verregneten Novembertagen erschrecken Sie sich vielleicht sogar, wenn jemand unerwartet den Laden betritt. Doch sobald es ab März zwei schöne Wochenenden gab, ist der Teufel los, und zwar so richtig.
Sie mögen antizyklisch
Sie arbeiten gerne am Samstag, dafür haben Sie am Montag frei. Dann haben zwar viele Ihrer Freunde und auch Ihre Familie nicht frei. Sie können dafür in Ruhe biken gehen und auf der Skipiste hat es auch schön Platz. Vielleicht treffen Sie dort Fachkräfte aus dem Coiffeur-Business. Denn diese Geschäfte sind oft auch Inhaber-geführt und mit Öffnungszeiten am Samstag – und Schliesszeiten am Montag – gesegnet.
Sie sind Logistiker
Früher – das heisst vor dem Jahr 2020 – hat man im Herbst Fahrräder bestellt und die wichtigsten Ersatzeile. Fürs daily business bestellte man bis 16h beim Lieferanten der Wahl und die Ware traf am nächsten Tag ein. Heute sind nicht nur viele Fahrräder schlecht oder gar nicht verfügbar, das betrifft auch profane Komponenten. So sind Sie stunden-, tage- und wochenlang damit beschäftigt, Komponenten zu besorgen, Rückstände zu kontrollieren oder sogar alternative Bezugsquellen zu eröffnen. Verabschieden Sie sich bitte von sämtlicher Just-in-Time-Mentalität. Und stellen Sie um auf: Eine 12-fach-Kette bestellt man 18 Monate bevor man diese der Kundschaft ans Bike montiert.
Sie sind Heimwerker
Sie dürfen auch mithelfen, neue Lagerflächen klar zu machen. Denn aufgrund der oben beschriebenen Warenknappheit und dem Adieu zu Just-in-Time ist es notwendig, massiv Komponenten und Bikes an Lager zu nehmen. Und diese Lagerkapazitäten können Sie bei keinem Lieferanten bestellen. Da müssen Sie halt gar nicht so selten im eigenen Betrieb ordentlich umorgeln, damit die ganze Lagerware Platz hat. Da kommt die besagte Hands-On- und Getting-Things-Done-Mentalität besonders zum tragen.
Sie können Google
Der Web-Monopolist hat mittlerweile solide Auswirkungen auf das Geschäft, nicht nur im Fahrradfachgeschäft. Denn schlechte Rezensionen könnten web-affine (Neu-)Kunden zuverlässig davon abhalten, das Geschäft zu betreten. Sie haben also im Blick zu halten, wer eine 1-Stern-Bewertung droppen könnte. Am besten arbeiten Sie hier mit hellseherischen Qualitäten, denn die schlechtesten Bewertungen schreiben gerne diese Leute, die gar nicht effektiv zur Kundschaft des Fachgeschäfts gehören. Sondern einfach mal vorbeikamen und dann enttäuscht waren, dass die Bremse nicht kostenlos eingestellt wurde, und das dann das Web auch dringend wissen lassen müssen.
Sie können Sich trotzdem freuen
Es gibt nichts Besseres als Fahrräder. In der Werkstatt daran zu arbeiten macht in den allermeisten Fällen Spass. Bikes zu verkaufen ist meistens ein sehr interessanter Prozess, bei dem man rausfindet, was die Kundin oder der Kunde genau braucht und was das richtige Fahrzeug ist. Die Kundschaft beim Sport und in ihrer Mobilität zu unterstützen und zu begleiten – das ist einmalig, das gibt es so sonst nirgends. Zu erleben, wie das Fahrrad den Menschen zu mehr Bewegung, mehr Freiheit und Abenteuer, oder sogar zu mehr Gesundheit, Freundschaft und Lebensfreude verhilft, das ist unschlagbar. Der Job im Bikeshop ist nicht perfekt, aber hey, es gibt sicher keine bessere Alternative.
Zum Autor: Tobias Gütlin ist seit 2003 Geschäftsführer eines Bikeshops. Seit 2010 ist er als Redaktor bei Ride an Bord. Er schreibt im Blog über Themen aus dem Fahrradfachhandel und Produktentwicklungen.