Jolanda Neff triumphiert nach Defekt-Orgie
Die vielen tausend Zuschauer im französischen La Bresse erleben beim Weltcup-Finale der Damen ein faszinierendes Stück Renngeschichte, an dessen Ende Jolanda Neff doppelt triumphiert. Sie feiert ihren zwölften Weltcupsieg und gewinnt nach dramatischen Verlauf zum dritten Mal den Gesamtweltcup. Neff siegt in 1:33:03 Stunden mit fünf Sekunden Vorsprung auf die Kanadierin Emily Batty und 27 Sekunden vor der Dänin Annika Langvad. Hinter Pauline Ferrand Prevot (Fra) wird Alessandra Keller Fünfte (+1:27) und wird damit Gesamt-Vierte.
Selten sieht man ein so packendes Damen-Rennen. Vor allem vier Frauen sind es, die den Zuschauern in den Vogesen einen Wettkampf liefern, den sie wohl nicht mehr vergessen werden.
Es gibt an diesem Tag viele, sehr viele Defekte. Betroffen sind auch Jolanda Neff und Annika Langvad, was der Dramaturgie dann jeweils spezielle Wendungen gibt. «Wenn ich hätte ein Drehbuch zu einem Film schreiben müssen, über das verrückteste Rennen, ich glaube, ich hätte es nicht besser schreiben können. Es war unglaublich», meint Neff, auch 20 Minuten nach der Zieleinfahrt noch ausser Atem.
Sie übernimmt rasch die Führung, holt durch ihre überragenden technischen Fähigkeiten einen Vorsprung von etwa 20 Sekunden heraus, muss dann jedoch anschauen, wie fünf Konkurrentinnen vorbei ziehen, während sie sich in der Technischen Zone wegen Defekt in neues Hinterrad einbauen lässt. Jolanda Neff kämpft sich bald wieder an Alessandra Keller heran, lässt ihre Schweizer Landsfrau hinter sich und schliesst bereits wieder an die dritte Stelle auf. Das ist die Position, die sie mindestens benötigt, um sich bei einem Sieg von Annika Langvad die Gesamtwertung zu sichern.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Annika Langvad erleidet ebenfalls Defekt und Jolanda Neff dann ein zweites Mal. So wird die Reihenfolge ständig durcheinander gewürfelt. Emily Batty und Pauline Ferrand Prevot bleiben verschont, können sich aber nie absetzen. Immer wieder gibt es Attacken, Langvad ist in den technischen Passagen die Schwächste, Neff die Schnellste.
Ende der vorletzten Runde scheint Langvad bereits geschlagen, als sie stürzt und zwölf Sekunden zurückliegt. Doch alle vier Damen zeichnet grossartiger Kampfgeist aus und Langvad fährt noch mal heran. In der Schlussrunde übernimmt Jolanda Neff das Kommando und sind dann auch ihre technischen Fähigkeiten, die entscheiden. Aus einem Abschnitt im Wald, den sie als einzige komplett auf dem Bike bewältigt, kommt sie mit 18 Sekunden Vorsprung heraus.
Allerdings kämpft Emily Batty um ihren ersten Sieg und es gelingt ihr noch bis auf fünf Sekunden an die Schweizerin heran zu kommen. «Es war unglaublich», wiederholt Jolanda Neff. «Vom Start bis ins Ziel, so viel Action, so viele Emotionen.» Und sie bekennt, dass sie zwischendrin schon gerechnet habe. «Zwei Mal hab ich gedacht, ja das ist es jetzt gewesen, mit dem Gesamtsieg. Dann bin ich gefahren und gefahren. Es ist bis zur Ziellinie wirklich unglaublich gewesen. Ich bin überglücklich. Es ist ein Traum zum dritten Mal den Gesamtweltcup zu gewinnen und es ist ideal für die WM.»
Etwas im Schatten dieses Vierkampfs fährt Alessandra Keller zum zweiten Mal in ihrer noch jungen Karriere als Fünfte aufs Weltcup-Podium und sichert sich Rang vier in der Gesamtwertung. «Mein Ziel war sauber zu fahren, es war wirklich sehr schwierig. Es war auch immer noch sehr nass, es wurde eher klebrig. Ich denke, ja, es war ein eher technisch anspruchsvolles Rennen», kommentiert Keller, die nach zwei Runden alleine unterwegs war, abgesehen vom Intermezzo mit Jolanda Neff, als die wieder an ihr vorbei ging. «Dass ich den vierten Platz im Overall habe, zeigt, dass ich konstant bin, damit bin ich sehr zufrieden.»