Mathias Flückiger: «Jeder negative Kommentar hat mich fast zerfressen.»
Das Risiko von Kontaminationen ist für Sportler kein Geheimnis. Bereitet man sich auf solche Fälle nicht vor?
Ich gehöre wohl zu den vorsichtigsten Athleten. Gerade weil ich wusste, dass so etwas passieren kann, hatte ich auch schon vor fünf Jahren begonnen, Essensreste wie Fleisch aufzubewahren, um nötigenfalls die Herkunft einer Kontamination zu kennen. In den letzten zwei Jahren hat sich meine Vorsicht noch verstärkt und ich habe beispielsweise nie mehr fremde Trinkflaschen angenommen. Mit dem zunehmenden Erfolg musste ich vermehrt zur Dopingkontrolle, was ich auch befürworte. Dabei hatte ich immer das beste Gewissen. Ein ungutes Gefühl wegen möglichen Kontaminationen war aber stets da. Aber ich habe mich nie damit auseinandergesetzt, was und wie es wäre, würde wegen sowas eine Kontrolle positiv ausfallen. Und das hätte mir wohl auch nichts gebracht.
Hat dir der erste Befund gerade deshalb so arg den Boden unter den Füssen weggezogen, weil du so vorsichtig warst?
Nein, das war vielmehr, weil ich die Werte, für die ich stehe, auch wirklich lebe. Der wichtigste Wert in meinem Leben war die Ehrlichkeit. Und somit wurde dieser zutiefst in Frage gestellt. Das hat mich von einer Sekunde auf die andere zerbrochen. Ich werde des Dopings beschuldigt, wogegen ich mich selbst entschieden ausspreche. Am 18. August, am Tag vor den Europameisterschaften, fuhren wir, das ganze National-Team der Männer, mit E-Scootern in die Innenstadt Münchens und hatten zusammen eine gute Zeit. Und am Nachmittag besagt der Befund quasi, ich hätte alle meine Kollegen beschissen. Das hat mich echt fertig gemacht.
Du pflegst sonst eine direkte Art und sprichst Dinge ehrlich aus. Weshalb hast du nach der Hiobsbotschaft nicht direkt öffentlich Stellung bezogen?
Das war mir zu Beginn nicht möglich, mir ging es sehr schlecht. Grundsätzlich gab es zu Beginn auch nicht allzu viel zu sagen. Wir mussten uns alle zuerst Klarheit über die Komplexität des Falles verschaffen. Klar war immer: Ich bin unschuldig. Dies habe ich auch nach knapp drei Wochen über eine Medienmitteilung kommuniziert. Doch die Urteile waren zu diesem Zeitpunkt gefällt und wir hatten lange auch keine Fakten zu präsentierten, weil ein komplexes, laufendes Verfahren im Gange war und wir dabei wochen- und monatelang auf die Entscheide der zuständigen Institutionen warteten. Unser Credo war: Wenn wir etwas kommunizieren, dann wollen wir Fakten präsentieren. Alles andere hätten den Leuten, welche mich bereits vorverurteilt hatten, nur wieder eine unnötige Plattform gegeben.
Selbst wenn sich der erste Befund als falsch erweisen hätte und du nach zwei Wochen wieder hättest Rennen fahren dürfen, wäre da der Schaden an dir nicht schon zu gross gewesen?
Wenn dieses «Atypical Finding» auch als das behandelt worden wäre, wäre ich sicher auch erschrocken. Für die Europameisterschaften wäre das nicht die ideale Vorbereitung gewesen, aber ich hätte trotzdem starten können und auch wollen. Danach aber wäre es wieder normal weiter gegangen. Mit dieser Belastung hätte ich umgehen können und wäre danach sicherlich eine gute WM gefahren. Weil der Fall einfach öffentlich gemacht wurde, war aber schon zu viel Geschirr zerschlagen worden.
Du sagtest, du hättest praktisch keine negativen Reaktionen bekommen.
Jein, in den Mainstream-Medien natürlich schon, aber diese Kommentare durfte ich zunächst nicht lesen. Es nahm mich schon Wunder, was da geschrieben wird. Nach einigen Wochen, wo ich mich wieder stabiler fühlte, wagte ich mich, einige Kommentare zu lesen. Jeder einzelne negative Kommentar hat mich aber fast zerfressen. Was denkt ihr nur über mich? Von den fast 400 Nachrichten, die mich dann persönlich erreichten, nachdem ich ein paar Wochen offline war, waren nur zwei negative dabei. Keine Ausfälligkeiten aber Nachrichten mit der Frage, was das soll und, dass ich jetzt nur noch dafür geradestehen und zugeben soll – von einem Journalisten und einer Person, die ich vor zehn Jahren das letzte Mal sah. Die positiven Reaktionen halfen hingegen, etwas einzuordnen, wo ich stehe. Die Negativen zogen mich aber runter wie Blei.
Wie bist du aus diesem Negativstrudel wieder rausgekommen?
Es heisst: «Zeit heilt Wunden». Und das trifft in meinem Fall auch zu. Dass ich mit einer positiven Dopingprobe in Verbindung gebracht werde, und die nun Teil meiner Geschichte ist, das musste ich lernen zu akzeptieren. Das dauerte aber Monate. Einen sehr grossen Anteil an meiner Rückkehr hat vor allem mein direktes Umfeld. Wichtig waren aber auch die vielen guten Nachrichten von diversen Leuten, die mich spüren liessen, dass sie hinter mir stehen und an meine Unschuld glauben.
Hast du nie resigniert?
Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, war für mich klar, ich werde nie wieder Radfahren, geschweige denn Rennen fahren. Und auch später, immer wenn ich ans Mountainbiken dachte, gab es mir ein Stich ins Herz. Lange Zeit hatte ich auch Schiss, wieder aufs Bike zu sitzen, dass mich das, was ich so gerne tue, innerlich auffressen könnte. Irgendwann habe ich gelernt, mich an einzelnen positiven Nachrichten, Dingen und Erlebnissen festzuhalten, negative Dinge zu analysieren aber mich nicht daran zu messen. All das hat mich Stück für Stück wieder aufgebaut. Aber auch nach der Aufhebung der Sperre im Dezember hatte ich wieder Tiefs und war nahe am Aufgeben, weil die entscheidenden Organisationen ihre Fehler nicht einräumen konnten. Trotz allem bin ich wahnsinnig stolz, durch welche Widrigkeiten wir, mein Umfeld und ich, es geschafft haben und wo wir jetzt stehen.
Fühlt man sich nicht auch hintergangen, wenn die Organisationen, die eigentlich für das Recht und sauberen Sport stehen, sich derart unkooperativ zeigen und die Aufarbeitung noch erschweren?
Natürlich. Und womöglich wäre diese Geschichte schon lange vom Tisch. Aber selbst, wenn mittlerweile jeder weiss, dass seit Beginn vieles falsch gelaufen ist, will ich nicht darauf rumreiten. Im Gegenteil, ich biete Hand, dass auch der Rest des Falls möglichst bald ganz abgeschlossen wird und sich sowas nicht wiederholt. Wenn ich mein starkes Umfeld nicht gehabt hätte, weiss ich nicht, ob ich heute noch hier wäre. Bei sowas fällt man psychisch derart tief; deshalb darf sich so ein Fall niemals wiederholen!
Wie lange hat es gebraucht, bis du wieder auf die Trails bist?
Das Bedürfnis hatte ich bereits früh, selbst als ich noch im Tief war. Anfangs befand ich mich für ein paar Wochen in einem geschützten Umfeld. Als ich nach einiger Zeit jeden Tag etwas raus durfte, ging ich in den Wald Trails bauen. Meine Freundin Lisa oder enge Freunde begleiteten mich jeweils. Einfach draussen im Wald sein und Trails bauen tat mir gut. Und obschon die Trails dafür gedacht waren, brachte ich sie nicht direkt mit dem Mountainbiken in Verbindung. Irgendwann aber betrachtete ich diese coolen Abschnitte und Sprünge und dachte, irgendwann will ich diese fahren. Vor diesem Moment hatte ich aber Angst, dass ein Versuch in mir etwas auslösen könnte und ich nie wieder Radfahren möchte. Die erste Fahrt nach über einem Monat Pause war dann wie ein Befreiungsschlag. Ich spürte, dass ich am richtigen Platz bin.
Und diese letzte Angst verflog vor deinem ersten Rennstart in Banyoles?
Obschon ich wusste, dass der Grundtenor in der Rennszene mir gegenüber positiv war, hatte ich tatsächlich etwas Angst, dort aufzukreuzen. Die Reaktionen vor Ort, als ich am Freitag das erste Mal auf die Strecke ging, waren dann durchs Band zustimmend und das gab mir sehr viel Kraft. Das taten die Fahrerinnen und Fahrer wohl auch im Wissen, dass auch sie in eine solche Situation hätten geraten können.
In diesem Rennen bist du fast stärker gefahren als andere Jahre zu Saisonbeginn. Wie kommts?
Die Zustimmung der Kollegen und das gute Gefühl auf dem Bike haben mich natürlich mental befreit und beflügelt. Aber weil ich letztes Jahr früh raus war, hatte ich auch früher wieder mit dem Training begonnen und entscheidend, ich war sehr dankbar darüber, das machen zu dürfen. Wo ich mich andere Jahre nur noch in der Wärme des Südens vorbereitete, trainierte ich diesen Winter bei Regenwetter zuhause und war glücklich dabei. Und obwohl ich mehrheitlich an der Basis arbeitete und kaum intensive Trainings absolvierte, lief es dann umso besser und konnte bis zuletzt um den Sieg mitfahren.
Dann war nur schon die Entscheidung zu fahren ein Erfolg?
Früher in die Saison einzusteigen als geplant war auf alle Fälle eine gute Entscheidung und hat mich nochmals weitergebracht. Das Resultat war sehr gut aber am Ende sekundär. Mein Erfolg war, einfach wieder dabei zu sein, gemeinsam mit den Rennfahrerkollegen das zu machen, was wir so sehr lieben.
Dein Einstand in der Schweiz, bei deinem «eigentlichen» Comeback-Rennen, mit einem zweiten Platz in Gränichen lief optimal. Danach kam der Sieg auf dem Monte Ceneri. Würdest du deinen Saisonstart als perfekt bezeichnen?
Die beiden Resultate haben mich gefreut, sind aber eigentlich weiterhin sekundär. In erster Linie bin ich sehr dankbar über die Art und Weise, wie ich in Gränichen empfangen wurde. Dass ich danach einen zweiten Platz holte und in Rivera gar gewann, machte meine Rückkehr aber natürlich umso schöner.
Deine Ziele mit Fokus Weltmeisterschaften sind bekannt, was aber sind deine Wünsche?
Dass das Schlimmste durch ist. Nicht nur für mich, sondern für mein ganzes Umfeld. Mein Schicksal haben Lisa, mein Bruder Lukas und meine gesamte Familie mitgetragen. Weiter wünsche ich mir, dass dieser Fall nie in Vergessenheit gerät, für mich aber auch als Beispiel für viele andere Athleten in ähnlichen Situationen.