«Mountainbiken ist kein Trend, sondern ein Gegentrend»
Du warst vor 30 Jahren als Tourismusdirektor von Savognin ein Mountainbike-Pionier.
Wir haben im Jahr 1992 den Mountainbikesport entdeckt und erste Wege beschildert. Gleichzeitig haben wir grosse, internationale Events in die Region geholt, aber im Grunde genommen waren wir damals wohl etwas zu früh. Die Sportart hatte noch keine Akzeptanz in der Bevölkerung und wurde als Randerscheinung gesehen.
Heute hat Savognin eine geringe Bedeutung.
Destinationen brauchen Personen mit Visionen. Aber wenn die Talschaft nicht mitgehen will, ist das keine nachhaltige Basis. Man beschäftigt sich dann mit Internas und dreht sich im Kreis. Gleichzeitig müssen Destinationen ihr Profil heute schärfen, sie brauchen eine klare Positionierung, für was sie stehen, für was aber auch nicht. Diese schwache Positionierung ist heute das Problem von vielen Orten in Bergregionen.
Du bist dann in die Beherbergungsbranche gewechselt und warst 22 Jahre Geschäftsführer der Schweizer Jugendherbergen. Was hat sich in diesen zwei Jahrzehnten verändert?
Das Gästeverhalten ist ein komplett anderes. Früher konnte man auf Stammgäste zählen, die eine Woche oder zwei blieben. Heute bleibt der Gast weniger lang und wechselt fliessend von der SAC-Hütte ins Luxushotel. Er ist nicht mehr klar zuweisbar und völlig hybrid. Er ist heute aber auch mündiger. Die wohl markanteste Veränderung ist hingegen die Digitalisierung. Die gilt heute im Tourismus zwar noch als Herausforderung, aber eigentlich ist sie eine grosse Chance, indem sie viele administrative oder repetitive Arbeiten abnimmt. Ist das der Fall, kann man sich verstärkt wieder dem Gastgebertum widmen.
Ab und an hat man aber das Gefühl, die Digitalisierung sei Selbstzweck.
Das mag so erscheinen, weil die Digitalisierung einer der grossen Gesellschaftstrends ist. Hinzu kommen die Megatrends der Globalisierung oder der Anonymisierung. Doch diese Trends führen immer auch zu Gegentrends, und hier kann und muss der Tourismus ansetzen. Themen wie Ökologie, Gemeinschaft oder Emotionalität werden als Kontrast immer wichtiger. Die grossen Megatrends werden zu Grundbedürfnissen, auf welchen die Gegentrends dann aufbauen.
Sind das Themen, die du als Verwaltungsrat von Engadin St. Moritz ins Zentrum rückst?
Ganz genau, und diese Gegentrends sind genau solche Themen, bei denen der Mountainbikesport eine wichtige Rolle spielen wird. Aus meiner Sicht sind wir beim Mountainbike-Tourismus aber erst am Anfang. Die Sportart wird nochmals markant wachsen. Es gibt heute einige Destinationen, die sich zwar klar im Mountainbike-Umfeld positionieren, aber in der Regel werden dabei die Freaks angesprochen. Wir müssen im Mountainbike-Angebot noch mehr in die Breite gehen. Und: Mountainbiken und Radfahren wird in Zukunft integrativer Bestandteil aller Infrastruktur sein.
Das ist heute aber noch nicht so.
Es herrscht vielerorts noch immer ein starkes Missverhältnis zum Winter. Von dieser Schneesportfixierung muss man wegkommen. Idealerweise erzielt man die Hälfte der Wertschöpfung im Winter, die andere Hälfte im Sommer. Damit kann man schneearme Winter und regenreiche Sommer kompensieren. Vor dem Hintergrund der Stärkung des Sommers ist der Mountainbiker enorm wichtig. Denn er ist bereits heute längst keine Randgruppe mehr und wird an Bedeutung nochmals zulegen. So ist es eigentlich schön zu sehen, wie sich die Sportart in den letzten dreissig Jahren seit meiner Zeit in Savognin entwickelt hat.
Referat am Ride-Kongress:
Fredi Gmür ist ein Urgestein des Schweizer Tourismus und hat diesen während drei Jahrzehnten geprägt. Heute ist er als Berater tätig und neu im Verwaltungsrat von Engadin St. Moritz Tourismus. Er tritt am Ride-Kongress am 1. Oktober 2020 als Referent auf und adapiert seine Erfahrungen auf den Mountainbikesport.