Test: POLAR M600 – eine Trainingsuhr im Smartwatch-Pelz
Da liegt er also vor uns auf dem Tisch, der smarte Trainingsbegleiter vom finnischen Hersteller POLAR. Von der edlen Verpackung strahlen uns in silberner Folienprägung die folgenden Lettern entgegen: «NOW YOU CAN!» Ob wir wirklich «konnten» oder nicht, erfahrt ihr im folgenden Bericht.
Ein kurzer Überblick
Die Polar M600 ist nicht «nur» eine weitere Sportuhr im Portfolio der Finnen, sie verbindet die gewohnten Trainingsfunktionen einer Fitnessuhr mit den Merkmalen einer Smartwatch, mit allen Vor- und Nachteilen. Das zugrundeliegende Betriebssystem ist Android Wear. Weitere Highlights: Die Uhr ist wasserdicht bis zu zehn Metern (und nicht bloss spritzwassergeschützt), sie besitzt einen neuen Sensor zur Pulsermittlung am Handgelenk und sie verfügt über einen lokalen Speicher zum Abspeichern von Musik.
Auspacken, Aufladen und Umschnallen
Nebst der Uhr finden sich in der hochwertigen Schachtel noch das USB-Ladekabel und eine kurze Bedienungsanleitung, mehr nicht. So hält einem aber auch nichts vom sofortigen Einschalten der Uhr ab. Weiteres Zubehör wie einen H7-Puls-Brustgurt kann man sich nach Wunsch und Bedarf noch zusätzlich beschaffen. Der magnetische Kopf des Ladekabels findet die korrekte Position an der Uhr ganz leicht. Kaum ganz aufgeladen, schnallen wir uns das weiche Silikonarmband ums Handgelenk. Die nicht ganz leichte Uhr (63 Gramm) trägt sich sehr angenehm – man spürt sie kaum. Bedient wird sie, nebst dem Touch-Display, mittels zweier Tasten: Eine seitliche fürs Ein- und Ausschalten, zurück und weitere Programme sowie einer Taste an der Vorderseite. Diese öffnet das Tor zur Welt der Polar-Funktionen.
Software
Unter «der Haube» werkelt das offene Betriebssystem Android Wear. Dieses ermöglicht es uns, die Uhr mit fremden oder bereits bestehenden Android Wear Apps zu erweitern (obacht: dies gilt nur für Android-Handys!). Im normalen Betrieb unterscheidet sie sich somit kaum von einer anderen Android-Wear-Uhr. Sobald man aber die Fronttaste betätigt, landet man in der bekannten Polar-Umgebung mit «Training», «Mein Tag» und «Synchronisieren». Gut zu wissen: Obwohl die Uhr mit Bluetooth ausgestattet ist, können keine Powermeter oder Trittfrequenzsensoren damit gekoppelt werden.
Gehäuse
Neu ist der optische Herzfrequenz-Sensor, der uns gleich mit sechs LEDs den Puls «fühlt». Vergleichbare Modelle messen mit zwei bis drei LEDs, was aber nicht unbedingt schlechter sein muss. Ein weiteres Hardware-Highlight ist der interne Speicher, der es uns erlaubt, das Smartphone Zuhause zu lassen und unsere Ohren via Bluetooth mit der Lieblingsmusik zu beschallen. Diese Funktion steht Nutzern von Apple-Geräten (noch) nicht zur Verfügung. Von den vier Gigabyte Speicherkapazität sind rund 2.6 Gigabyte für Musik nutzbar. Umgekehrt kann die Uhr auch den Musikplayer auf dem Smartphone steuern. Als Stromquelle dient ein 500 mAh Akku. Die Betriebsdauer soll bei Verwendung von Android-Handys bei zwei Tagen liegen und bei Apple-Smartphones bei einem Tag. Dies können wir so aber nicht bestätigen: Bei nicht immer eingeschaltetem Display kamen wir auch beim iPhone auf eine Betriebsdauer von bis zu 40 Stunden. Im Sportmodus, mit eingeschaltenem GPS und Pulsmessung, hält die Uhr noch acht Stunden, egal mit welchem Gerät darauf zugegriffen wird. Die Uhr sieht elegant aus, obwohl sie recht hoch gebaut ist. Das Ausziehen von Jacken mit engem Bund bei voller Fahrt wird daher zur Geschicklichkeitsprüfung.
Training
Fronttaste drücken, «Training» am Display wählen, gewünschten Sportmodus aussuchen und antippen, fertig. Bei Outdoor-Sportarten sucht die Uhr automatisch nach einem GPS-Signal und nach dem Puls. Sobald diese gefunden sind, wird das mit einem grünen Kreis angezeigt und es kann losgehen. Bei Indoor-Sportarten entfällt die GPS-Funktion automatisch. Die Konfiguration der Sport-Profile erledigt man vorab über die Polar Flow Webseite. Dort wird nicht nur die für einem geeigneten Profile ausgewählt, sondern auch Grundeinstellungen wie Herzfrequenz-Zonen, Geschwindikeits-Parameter, automatische Rundenoptionen, Trainingspläne und vieles mehr. Um den Akku zu schonen wird der Bildschirm am besten ausgeschalten. Er blendet sich dann nur ein, wenn man den Arm hebt und das Display antippt (Gesten-Funktion). Das funktioniert eigentlich ganz gut, kann aber teilweise durch das verzögerte einschalten auch etwas lästig sein. Bei immer eingeschaltetem Display leert sich der Akku natürlich wesentlich schneller. Die Wahl des Modus hängt also auch etwas von der Dauer des Trainings respektive der Batterieladung ab. Mit einem Wisch nach links kann man das laufende Training kurz pausieren oder auch ganz beenden. Wir würden uns freuen, wenn Polar der Uhr noch eine Autostopp-Funktion spendieren würde. Nach Beendigung des Trainings erhält man eine Zusammenfassung mit den wichtigsten Werten aufgelistet. Detailliert kann die Trainingseinheit später auf der Polar Flow Webseite oder der App ausgewertet werden.
Genauigkeit von GPS und Puls am Handgelenk
Bei Vergleichsmessungen mit einer weiteren GPS-Uhr am Handgelenk und einem GPS-Gerät am Lenker waren wir erstaunt, wie genau die M600 misst. Nebst dem GPS-Signal empfängt die Uhr auch Signale von Glonass, dem russischen Pendant zu GPS. Das grosse GPS-Gerät am Lenker hat unsere Trail-Fahrt am genauesten gemessen, vor allem in Gegenden mit schlechterem GPS-Empfang sind die Unterschiede deutlich auf der Karte zu sehen. Die Unterschiede bewegen sich aber noch im tolerierbaren Rahmen. Die Satelliten-Signale wurden von der Polar-Uhr stets sehr schnell gefunden. Vorbei die Zeiten, wo man (gefühlt) die Hälfte der Trainingszeit vor dem Haus mit dem Warten auf die Signale gewartet hat.
Bei der Pulsmessung am Handgelenk ist die richtige Position der Uhr das A und O. Bei uns hat sie rund drei Zentimeter hinter dem Handgelenk, knapp hinter den Handgelenksknochen, die genauesten Werte gemessen und im Auswertungsdiagramm waren kaum Aussetzer auszumachen. Wir empfehlen zudem, das Uhrenband für die Dauer des Trainings satt anzuziehen, es soll nicht gerade das Blut abdrücken aber wackeln darf die Uhr auf keinen Fall. Für den Bike- oder ganz generell für den Radsporteinsatz ist der Pulsgurt sicherlich die bessere Alternative als die Messung am Handgelenk. Für Lauftrainings – ja, das machen wir gelegentlich auch mal – kann man den Pulsgurt getrost im Schrank lassen. Die Pulsmessung mit den LEDs reagiert bei kurzen Intervallen und Sprints schneller als der Gurt.
Fazit
Mit der M600 hat Polar viel Mut gezeigt und sich auf neues Terrain gewagt. Sie überzeugt in Sachen Tragekomfort, GPS-Emfpang, Pulsmessung und Wasserdichtheit vollends. Wer sowieso in der «Android-Familie» Zuhause ist, wird sehr glücklich mit dieser Uhr. Sie stellt andere Android-Smartwatchens in Sachen Leistung gnadenlos in den Schatten. Apple-Benützer, die auf das Installieren von Programmen von Drittanbietern verzichten können und auch sonst nicht jede Meldung auf der Uhr angezeigt haben wollen, können wir die Uhr ebenfalls empfehlen. Darauf zu vertrauen, dass mit den nächsten Updates die Apple- und Android-Geräte die selben Möglichkeiten haben, ist etwas naiv. Wer Spass an den vielen Möglichkeiten hat, die eine solche Uhr bietet und zudem für diverse Sportarten nur ein Messgerät möchte, ist mit dieser Uhr bestens bedient. Wer den Lifestyle-Faktor aussen vor lässt, ist mit der Multisport-Uhr V800, oder ähnlichen Produkten, besser bedient.