Mountainbike ist keine Frage des Alters | Ride MTB

Gibt es einen MTB-Generationenkonflikt?

Mountainbike ist keine Frage des Alters

Während Studien behaupten, die Jugend sei risikoscheuer denn je, zeigen junge Mountainbiker mit waghalsigen Jumps und halsbrecherischen Lines das Gegenteil und treffen dabei auf Oldies, die noch immer schneller bergab sind als ihre Enkel. Zwischen Boomern, Gen Z und E-Mountainbikes offenbart sich: Was auf dem Trail zählt, ist nicht das Alter, sondern die Leidenschaft.

Die Boomer, überhaupt alle älteren Generationen, können auf­atmen: Die Jugend wird immer braver. Zu dieser Erkenntnis kommt eine kürzlich veröffentlichte Langzeitstudie einiger Psycho­logen um Rebekah Levine Coley. Sie forscht am Boston ­College und publizierte besagte Studie im Fachjournal «­Pediatrics». Die Untersuchung zeigt, dass die heutige Jugend risikoscheuer sei als frühere Generationen. Ob das auch für den Mountainbikesport gilt? Eine gute Frage. Und eine, die sich nicht abschliessend wird klären lassen. Nicht jetzt und nicht hier, jedenfalls nicht nach sozialwissenschaftlichen Standards. Ausrede dafür: Mountainbiken kommt in der Studie gar nicht explizit vor. Dafür aber Sex, Drogen, Alkohol! Und der verantwortungsvollere Umgang der ­heutigen Jugend damit.

Genau das löst im Boomer, der seinen womöglich vorhandenen 68er-Erinnerungen nachweint, reflexartige Reaktionen aus: «Laaaangweilig! Früher war mehr Punk, mehr Revolution und weniger Angepasstheit. Und überhaupt alles besser!» Jedoch, ­allein der subjektive Blick auf das, was die Athleten der Gegenwart auf dem Mountainbike leisten, widerlegt die Annahme von der risikoscheuen jungen Generation. Jedenfalls im Sport und explizit im Mountainbikesport: Die Downhill-Strecken, die Cross-Country-Loops, die Freeride- oder Slopestyle-Lines werden immer anspruchsvoller, obendrein steigen die Geschwindigkeiten. Und damit auch die Anforderungen an die Sportler. Unbestritten, der technische Fortschritt trägt seinen Teil zur kontinuierlichen Grenzverschiebung bei. Aber da hört man ­direkt den Boomer einschreiten und sagen: «Hätten wir damals solche Bikes gehabt, dann…!»

Womit wir beim Kern der Sache sind: den Generationen. Oder besser gesagt, einem möglicherweise vorhandenen Generationen­konflikt. Dieser hat Heerscharen von ­Soziologen beschäftigt und treibt manche noch immer um. Aber die Mountain­biker? Erleben die ­einen solchen Konflikt zwischen Alters­gruppen? Angesichts der inzwischen 40-jährigen Geschichte des Mountainbikesports wäre das, zumindest theoretisch, denkbar. Die Gruppe der Mountain­biker wächst schon so lang, dass sie das gesamte Alters­spektrum abdeckt. Und damit könnten, ebenfalls theoretisch, ja auch Konflikte zwischen den Altersgruppen entstehen. Auch, weil es angesichts der fortschreitenden Ausdifferenzierung gerade im Mountainbikesport immer schwieriger wird, den Überblick zu behalten. Nur: Erforscht hat das noch niemand. Also fragen wir uns durch, bei Menschen unterschiedlichen Alters.

Keine Generationen, sondern Bubbles

«Ich glaube eigentlich nicht, dass es einen Generationenkonflikt gibt, als vielmehr einen ­Bubble-Konflikt», sagt Jasper Jauch. Jasper ist 33 Jahre alt, ehemaliger Weltcup-Downhiller und seit ­einigen Jahren als Vollprofi in Sachen Mountainbike-Content auf Youtube, Instagram & Co. aktiv. Entsprechend kennt er die Szene, sowohl den Profisport als auch die breite Masse der Mountainbike-Community. Auch dank der Daten, die er auf Youtube über seine Zuschauer erfährt: «Meine Kernzielgruppe ist zwischen 25 und 45 Jahre alt. Etwa zehn Prozent meines Publikums ist 45 bis 60, noch einmal zehn Prozent sind unter 25 Jahre alt. Ich bin also ein bisschen so etwas wie ein Bindeglied zwischen Generationen. Jedenfalls für die, die sich dafür interessieren, was ich mache und wie ich das Mountainbike nutze, lebe, einsetze.»

Jasper Jauch

«Ich glaube eigentlich nicht, dass es einen Generationenkonflikt gibt, als vielmehr einen ­Bubble-Konflikt.»

Jasper Jauch

Bindeglied ist ein gutes Stichwort! Schliesslich gibt es ein verbindende Elemente, die Mountainbiker zusammenschweissen. Ob sie nun wollen oder nicht: den Stollen­reifen, Profil­tiefe ausser Acht gelassen. Und den Trail, den Weg – wie auch immer der beschaffen sein mag. ­Tracy ­Moseley, einst Downhill-Weltmeisterin und mit heute 46 Jahren noch immer als eine der schnellsten Frauen überhaupt auf dem Enduro- oder E-Mountainbike unterwegs, sieht genau diese Verbindung schwinden: «Wir haben die Realität, die wirklich zählt, ein wenig verloren! Nämlich, dass Mountainbiken so vielseitig ist und für sehr viele Menschen sein kann. Denn es geht doch in unserem Sport einzig und allein darum, abseits befestigter Strassen und auf einem Trail oder einer Forststrasse Fahrrad zu fahren. Draussen im Wald mit der ­Familie. Beim Ausflug mit den Kids zum See. Beim Cross-Country-­Training oder bei ein paar Runden im Bikepark. Oder eben im Rennen.»

Allerdings liege die Ursache dafür nicht in irgendwelchen ­Generationen-Clustern, nicht am Alter dieser oder jener Gruppe, vermutet Tracy. «Zugegeben, ich fühle mich ein bisschen zu alt, wenn es nur um Style und Coolness geht», sagt sie und relativiert die Alters­thematik dennoch: «Als ich jünger war, wollte ich einfach immer so schnell fahren, wie ich konnte. Das hat mich herausgefordert und ich habe darin ­meine Interpretation des Mountainbikens gefunden. Mir ging es ums Racing.» Tut es tief in ihr drinnen vermutlich noch immer. Womit wir wieder bei der Bubble wären, nicht bei der ­Generation. Tracy formuliert es so: «Der Fokus ändert sich natürlich im Lauf des Lebens, weil sich die Verantwortung ändert. Wenn beispielsweise die Zeit knapp ist, weil man sich in zwei Stunden wieder um die Kids kümmern muss oder irgendeine andere Verpflichtung hat, dann beeinflusst das die Art, wie man Radfahren geht oder gehen kann.»

Flucht in die Nische

Und das tun die meisten mit Menschen, die hinsichtlich ­Fitness, Erwartung an das Erlebnis, verfügbarer Zeit ähnlich sortiert sind. Kurzum: mit Gleichgesinnten. «Die Kids im Dirtpark ­wollen halt einfach nicht mit ihren Eltern abhängen. Das ist ein völlig normaler Abnabelungsprozess», sagt Jasper und beschreibt damit, was vermeintlich der extremste Fall des Auseinander­driftens von Interessen ist. Und ganz natürlich. ­Differenzen? ­Sicherlich! Aber für einen Konflikt zwischen ganzen Generationen von Mountainbikern reichen Differenzen allein noch nicht aus. Überflüssig zu formulieren, dass das erfreulich ist! Doch vielleicht tun wir auch gut daran, vorzubauen, damit es so bleibt? Gerade im Zeitalter von Social Media und den anhängigen Algorithmen. Insbesondere dort dreht sich jede Bubble um sich selbst. Immer schneller, immer «­coreiger», immer tiefer rein ins jeweilige Rabbit Hole. Enduro. Slopestyle. Cross-­Country. Downhill. Tour. Freeride. You name it. Nischen sind ja schon was Schönes, haben etwas Gemüt­liches. Aber meistens ist der Blick zu den Seiten aus ­einer ­Nische ziemlich bescheiden.

Gemeinsam eine gute Zeit

Womöglich liegt in der Nische aber auch die Erklärung: «Wir sind intoleranter geworden, weil wir überfordert sind, wie schnelllebig die Welt ist», glaubt Jasper. Und da ist eine gemütliche ­Nische ein Rückzugsort. Genau deshalb «müssen wir ­Toleranz für unterschiedlichste Disziplinen im Radsport schaffen. Das ist der einzige Weg, wie wir alle an einem Strang ­ziehen», ergänzt er.

Peo Vernassa

«Junge Menschen, die das Mountainbiken im Shuttle und auf ­Enduro-Trails starten, die kennen so etwas aber womöglich gar nicht.»

Peo Vernassa

Eine ähnliche Perspektive hat auch Peo ­Vernassa. Peo ist 73 Jahre alt, lebt in Ligurien und fährt seit Jahrzehnten und bis heute Mountainbike. Nicht auf Schotterstrassen, sondern auf Trails. Vielfach auf Trails, die er im Hinterland von San Remo und im ­Valle Argentina selbst mitgebaut hat. Angefangen hat er damit vor 25 Jahren – und macht das mit dem Trail-Bau noch heute. Gebaut und gepflegt hat er vom Enduro-Trail, der per Shuttle erreichbar ist, über alpine Trails bis hin zum E-Bike-tauglichen Uphill-Trail alles. Und er hat die Entwicklung über die Jahrzehnte hautnah verfolgt: «Wenn wir früher einen ‹cleanen› Trail fahren wollten, dann mussten wir an Rennen teilnehmen. Das ist ­heute zum Glück anders, da sind die Trails besser gepflegt: ­Heute kannst du es dir aussuchen, ob du einen Trail mit ­Sprüngen fahren möchtest oder einen mit Felsen oder Anlieger­kurven. Du hast schon deutlich mehr Möglichkeiten», sagt Peo. Er selbst schwärmt dann aber von einem alpinen Trail, weit oben im Tal, fast schon am ligurischen Grenzkamm: «Ich bin diesen Trail nach etlichen Jahren wieder einmal gefahren, hab mein Rad schieben müssen. Und der Trail ist nicht schnell. Aber das Ambiente, die Aussicht, das Erlebnis ist Belohnung genug. Junge Menschen, die das Mountainbiken im Shuttle und auf ­Enduro-Trails starten, die kennen so etwas aber womöglich gar nicht. Woher auch. Sie hatten bislang nicht die Möglichkeit dazu. Doch wir können es ihnen zeigen!» Das klingt nicht nach Generationenkonflikt. Eher nach: Kommt, lasst uns zusammen eine gute Zeit auf dem Fahrrad haben!

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Natürlich, die Risikobereitschaft verändert sich mit der Zeit. Aber eben – ganz normal – nicht bei den Jungen, sondern bei den Alten: Peo sagt, er müsse jetzt einfach dranbleiben am Mountainbiken, dann kann er noch lange fahren. Nur eine Verletzungspause wäre schlecht. Da er nicht wisse, ob er dann wieder reinkommen würde. Doch das hält ihn nicht davon ab, ­seine Grenzen weiter auszuprobieren: In einer Linkskurve steht er mit seinem Bike plötzlich drei Meter neben dem Trail und zwei Meter tiefer. Das Gelände ist steil. Er grinst, schiebt das E-Bike zurück auf den Trail und fährt einfach weiter. Sowas hat Vorbildcharakter. Auch für jemanden wie ­Korbinian ­Engstler. Der 26-Jährige erzählt, er habe bei der Premiere seines aktuellen Films «Why Not» einen Mountainbiker aus seiner Region wiedergetroffen. Zum ersten Mal seien sie sich vor 15 Jahren begegnet, im lokalen Dirtpark unter der Autobahnbrücke. «Der Dude ist jetzt 52 Jahre alt und springt bei uns die grossen Jumps, mit Style. Das ist für mich der geilste Typ der Welt», lacht Korbi. Überhaupt sehe er, beispielsweise auch in einer Region wie Sölden, die sich natürlich stark auf ­Familien als Zielgruppe eingestellt hat, wie gut es dort über mehrere Generationen hinweg harmoniere: «Ich finde nicht, dass es innerhalb der Mountainbike-Community einen grundsätzlichen Generationenkonflikt gibt. Gleichzeitig gibt es immer Einzelfälle und Ausnahmen aber das ist nicht das, was ich in der Breite erlebe und wahrnehme», hält er fest. Etwas stört Korbinian aber doch: «Früher war auf jeden Fall mehr Gemeinschaft da. Jetzt kocht jeder ein bisschen sein eigenes Süppchen, lebt in seiner Bubble.» 

Die Ursache läge vermutlich in dem massiven Aufwind, den der Mountainbikesport in den letzten Jahren erfuhr. Er verüble das den Leuten aber gar nicht. Die wüssten oftmals gar nichts von dieser ­Community, aber hätten sich eben ein Mountainbike gekauft. Als Bashing möchte er das keinesfalls verstanden wissen: «Ich finde es sehr cool, dass so viele Leute aufs Mountainbike steigen. Je mehr Mountainbiker es gibt, umso mehr Angebote gibt es ja auch als Konsequenz. Jede Stadt überlegt sich, wie sie das kanalisieren kann. So entsteht etwas! Trails werden gebaut, Pumptracks. Das Fahrrad wird aus jeder Krise ohnehin immer als Gewinner rausgehen», sagt er. Und grinst. Generationen­konflikt? War da was?