Nostalgie bringt uns nicht weiter – und Rentner-Bashing schon gar nicht | Ride MTB

Nostalgie bringt uns nicht weiter – und Rentner-Bashing schon gar nicht

Mountainbike Seniorin

Ride-Herausgeber Thomas Giger klagt, dass der Mountainbikesport nicht mehr wild und rebellisch sei. Schuld daran sei eine Rentnerschwemme, ausgelöst durch das E-Mountainbike. Dieses ermögliche es, untalentierten Uncoolen, das Bild des Sports zu dominieren der einmal ein Lifestyle war. Dieses Senioren-Bashing lässt Ride-Redaktor Stefan Michel nicht stehen.

Zugegeben, auch ich denke gern an wilde Zeiten in den Neunzigern zurück, als wir vernachlässigbare Spinner im Wald und der Politik und dem Markt ziemlich egal waren.

Gleichzeitig bezweifle ich, dass früher alle Mountainbiker wilde Rebellen waren. Seien wir uns bewusst: Schon damals fuhren viele hauptsächlich auf breiten Feldwegen. Nicht wenige Gümmeler spulten von Zeit zu Zeit ihre Kilometer abseits der Landstrassen ab, Singletrails interessierten bei weitem nicht alle. Was ich weiss: Um Rebellion ging es den wenigsten. Wir wollten Spass und holten uns den, wo wir ihn fanden.

Die 2000er und 2010er Jahre im Fast-Forwrd-Modus: Das Mountainbike wuchs, schrumpfte, wuchs wieder, ein paar besonders wilde Nordamerikaner etablierten Freeride-Mountainbiking, was technische Singletrails erst richtig in den Mittelpunkt rückte. Die Mountainbikes wurden potenter, wir Fahrerinnen eroberten immer heftigeres Terrain. Wir waren nicht mehr ganz jung, aber immer noch gut unterwegs und die Industrie versorgte uns mit den Geräten, die wir brauchten. Das Mountainbike wurde vom Nischen- zum breit diversifizierten Massenprodukt und zog dabei eine Industrie hoch (heute cool «Ökosystem» genannt), mit unzähligen Shops, Guides, Shuttles, Bikeparks, Bikehotels, Bikeschulen und – besonders erfreulich für Thomas und mich – Bikemagazinen.

Das E-MTB – die Wende zu was?

Und dann kam es: das E-Mountainbike. Zuerst verpönt, dann geduldet, inzwischen omnipräsent. Nicht nur bei Rentnerinnen, sondern auch bei den Fitten und Jungen. Und nicht zuletzt bei jenen, die bereits seit 30 oder 40 Jahren durch Wälder und Berge hinauf pedalen. Zudem brachte es Menschen zurück in die Alpen, die nicht mehr wandern können. Eine meiner Recherchen vor ein paar Jahren zeigte: Der grösste Biketouren-Anbieter der Schweiz ist Pro Senectute (die mitgliederstärkste Senioren-Organisation der Schweiz). Den Marktanteil der Ü65-Mountainbiker kenne ich nicht, aber er dürfte beträchtlich sein.

Und das ist gut so, denn sonst, würde es der gebeutelten Bike-Industrie noch einiges schlechter gehen. Ohne E-Bikes und deren breites Zielpublikum wäre der Markt noch stärker geschrumpft. Das zeigt ein Blick auf die Verkaufszahlen in der Schweiz: Mountainbikes von 2014 bis 2024: -47’090 Stück (-40 Prozent); E-Mountainbikes +44’560 Einheiten (+922 Prozent; Quelle Velosuisse). Die Verkäufe der Bio-Bikes übertrafen jene der E-MTB 2024 aber immer noch um mehr als 20’000 Stück oder 70 Prozent).

Zum Schluss noch ein Gedanke zu den angeblich von Rentnern weggeschwemmten Rebellen: Der illegale Trailbau zeigt, dass da wohl immer noch Zweiradfreunde unterwegs sind, die sich nicht um Regeln und Gepflogenheiten scheren. Aber wahrscheinlich sind wir beide, Thomas und ich, einfach zu weit weg von ihnen. Das Rentenalter liegt bei uns mittlerweile sehr viel näher als unsere eigenen wilden Zeiten. Bezeichnend und kein Kompliment für den Trail-Nachwuchs: Die Gruppen und Vereine, die sich lokal für den Zugang zu Trails engagieren, sind geprägt von Männern im mittleren Alter. Sie kämpfen für Platz auf den Wegen. Die Jungen scheinen anderes zu tun zu haben.

Zum Glück macht mir das Mountainibike genau gleich viel Spass wie anno dazumal. Egal, wer mir heute mit seinem Motörchen um die Ohren surrt. Und die Seniorinnen und Gemütlichen, die ihre Geld in E-Mountainbikes investieren, tragen dazu bei, dass es uns noch gibt. Dafür bin ich ihnen dankbar. Nostalgie bringt uns hingegen nicht weiter.