2-Jahre-Test: Lohnt sich eine korrigierte Sport-Sonnenbrille?
Ich bin kurzsichtig. Nicht stark, ich bin nicht einmal verpflichtet beim Autofahren Brille zu tragen. Trotzdem fühle ich mich wohler mit, auch auf dem Velo. Ansonsten bin ich ein konsequent inkonsequenter Brillenträger. Das grösste Problem habe ich in der Dämmerung und bei Dunkelheit. Da nimmt meine Sehstärke rapide ab.
Trotzdem sind mir Sportlinsen zu viel des Aufwands. Eine Sportsonnenbrille mit Korrektur schien mir seit Jahren die optimale Lösung. Besonders eine selbsttönende, die ich auch in der Nacht tragen kann. Es gäbe noch die Zwischenlösung des Korrekturclips, der in die Sportsonnenbrille geklemmt wird. Der hat aber den Ruf, noch schneller anzulaufen, als das Brillen sowieso schon tun, weil er so nah am Auge sitzt. Getestet habe ich diese Lösung nicht. Klar ist auch, optische Clips gibt es nur für bestimmte Brillenmodelle. Gut möglich, dass zur stylischen Lieblingsbrille kein passender Einsatz verfügbar ist.
Das erste Aha-Erlebnis hatte ich, als ich mich in einem Optik-Fachgeschäft schlau machte. Eine Sportsonnenbrille mit Korrektur kostet nicht so viel wie eine teure Sonnenbrille, sondern das Doppelte bis das Dreifach. Eigentlich logisch, ist ja eine Korrekturbrille. Nach dieser Erkenntnis legte ich das Projekt nochmals länger auf Eis. Der Zeitpunkt war für mich gekommen, als ich wegen eines neuen Arbeitsorts mehrmals pro Woche im Dunkeln mit dem Rennvelo unterwegs war. Die selbsttönende Korrekturbrille begann sich zu lohnen.
Beim Günstig-Optiker kostete die Julbo Rush mit Korrektur schliesslich rund 650 Franken. Verlieren verboten, sage ich mir immer wieder. Zwischendurch an den Helm klemmen – praktisch, aber gefährlich.
Den Ablauf im Optikgeschäft kennt jede Brillenträgerin. Nur das nach Sehtest, Modelle durchprobieren, auswählen und warten auf die Lieferung kein stilvolles Designerstück überreicht wird, sondern ein sportliches Plastikmodell. Eine Sportbrille halt.
Der erste Rundblick ist ein Schock
Der erste Rundblick ist dann für mich ein kleiner Schock. «Wie schlimm ist es?», fragt die Angestellte, die mir meine Verstörtheit ansieht. Um mich herum biegt sich alles, wie durch ein Weitwinkel-Objektiv. «Das liegt an den stärker gewölbten Gläsern und dem anderen Abstand der Linsen zum Auge als bei der normalen Brille», klärte sie mich auf. Ich vertraue darauf, dass sich meine Augen daran gewöhnen werden.
Nach zwei Jahren und ungezählten Stunden mit der Korrektur-Julbo fällt mir der Verzug nur noch sporadisch auf, nachdem ich die Brille abgelegt habe und wieder normal sehe. Julbo fügt auf Anfrage an, dass auch der andere Winkel der Gläser zu den Augen im Vergleich zur Alltagsbrille verantwortlich für die spezielle Optik sei. Durch perfektes Anpassen lasse sich das aber minimieren.
Bei Tageslicht kann ich nicht sagen, dass mein Blick auf den Trail und dessen Feinheiten auffällig deutlicher ist. Ich schätze vor allem, dass ich die Gämsen oder Steinböcke in der Ferne auch sehe, die für mich ohne korrigierte Gläser mit der Umgebung verschmelzen würden. Der Verzug der Linsen fällt mir hingegen beim Mountainbiken nicht auf, was daran liegen dürfte, dass ich besonders beim Herunterfahren ausschliesslcih mittig durch die Gläser auf den Weg vor mir schaue und die Augen nicht zur Seite rolle.
Die Nachteile
Auf Touren hat die Brille für mich einen klaren Nachteil: Als Kurzsichtiger brauche ich keine Sehhilfe, um meine Uhr, das Smartphone oder eine Karte zu lesen. Das Alter bringt es mit sich, dass ich mittlerweile die Brille absetzen muss, wenn ich auf der Karte ein Detail erkennen will. Unpraktisch, aber man gewöhnt sich daran. Die Lösung wären Gleitsichtgläser, die die Brille noch teurer machen würden.
Die Brille ist zudem deutlich schwerer als eine normale Sportbrille. Auf sehr ruppigen Trails rutscht sie mir auch mal nach vorn. Dagegen würde ein Brillenband helfen, dieses habe ich nach einem Versuch gleich wieder demontiert. Denn damit kann ich die Brille nicht mehr schnell von der Nase nehmen, um die digitale Karte oder die Anzeige auf der Uhr zu lesen. Das Zurück-in-Position-Schieben mitten im Gerüttel beherrsche ich inzwischen fast so gut wie die DH-Profis das Abziehen der Schutzfolie von der Goggle. Ideal ist das nicht, aber es geht.
Das Eintönen passiert bei Korrekturgläsern nicht anders als bei normalen Sonnenbrillen. Schnell änderndes Licht zwischen offenem Feld, Wald, Lichtung und wieder dichtem Blätterdach oder Schattenseite ist eine Herausforderung. Vor allem das Aufhellen geht mir manchmal nicht schnell genug. Dafür verdunkeln die Gläser bei bewölktem Himmel oder Nebel viel stärker, als ich das bräuchte. Den Grund erläutert ebenfalls ein Spezialist von Julbo: Die Gläser reagieren nicht auf Helligkeit oder Intensität des Lichts, sondern primär auf die UV-Strahlung. Weniger Tönung bei Wolken wäre nur mit insgesamt weniger dunkel werdenden Gläsern zu haben. Das ist keine Lösung, nicht zuletzt deshalb, weil ich die Brille auch im Schnee verwende. Eine weitere Besonderheit: Autoscheiben lassen kaum UV-Strahlen durch, weshalb die selbsttönende Sonnenbrille nicht zum Autofahren taugt. Die Gläser hellen auf, sobald du am Steuer sitzt.
Fazit: positiv mit Abzügen
Zusammenfassend: Angesichts der ungezählten Stunden im Sattel und im Schnee (dort nur aufwärts, runter doch lieber mit Goggle) hat sich die Investition gelohnt. Am meisten schätze ich die sportlichen Korrekturgläser in der Dämmerung und im Dunkeln. Bei bestem Sonnenlicht ist der Unterschied in meinem Fall nicht gross. Das dauernde Absetzen, wenn ich oft auf die Karte schauen muss, ist lästig und ebenso das Runterrutschen, wenn es rüttelt. Trotzdem ist für mich die Brille als nur schwach Kurzsichtiger die richtige Lösung. Und verloren habe ich die Sportgläser bis jetzt auch nicht.