So macht ein brutaler Aufstieg die Abfahrt besser | Ride MTB

So macht ein brutaler Aufstieg die Abfahrt besser

Monte Acuto Ligurien

Je härter der Aufstieg, desto süsser die Abfahrt. Diese Regel mag nicht für alle stimmen. Für mich und alle, die Schwerarbeit im Sattel etwas abgewinnen können, kommen hier ein paar Gedanken zu einer viel zu anstrengenden Tour in Ligurien.

800 Höhenmeter sind für einen trainierten Mountainbiker nicht viel, auch ohne Motor. Als Belohnung eine Abfahrt von 350 Tiefenmetern macht die Tour schon fast zu Reinfall. Diese 800 Höhenmeter in Ligurien haben mir aber so viel abgefordert, dass mir diese Tour an der ligurischen Küste immer in Erinnerung bleiben wird. Als gelungenes Abenteuer, das mich alles andere vergessen liess.

Den ersten Versuch, den Monte Acuto von Ceriale aus über den Grat zu erreichen muss ich aus Zeitgründen abbrechen. Meine Familie hätte sonst ohne mich zu Abend essen und ich möglicherweise ohne brauchbare Beleuchtung die letzten Kilometer in der Dunkelheit zurücklegen müssen. Der Pettirosso Trail, den ich eigentlich fahren will, muss warten.

Das Problem ist, dass der Weg zum Gipfel eine rote bis schwarze Abfahrt ist. Die bergauf zu bezwingen ist. Die ersten 250 Höhenmeter gehen noch fahrend, wenn auch mit permanentem Suchen nach der fahrbaren Linie. Danach ist Schieben und Tragen angesagt, unterbrochen von kurzen fahrbaren Abschnitten.

Nach dem ersten Versuch, der einen Gipfel früher – auf dem Monte Croce – endet, denke ich mir noch: Das tu ich mir nicht nochmals an. Die meist wenig steile Abfahrt über loses Geröss, scharfkantige Felsplatten und rutschigem Schottersand hat was, mehr aber auch nicht. Es gibt auch einen anderen Weg zum Pentirosso Trail. Dieser führt über rund 15 Kilometer Asphalt, dann noch mehrere Kilometer Bergweg unbekannten Untergrunds. Wahrscheinlich auch keine planierte Forststrasse.

Zen-Hike-a-Bike

Wie viel attraktiver ist es da, den Gratweg über drei Gipfel nochmals zu gehen. Das Projekt kreist im Kopf, ein paar Tage später ist der richtige Zeitpunkt dafür. Anders als beim ersten Mal gebe ich mir Zeit auf den fahrbaren 250 Höhenmetern, reflektiere, wie man einen solchen Aufstieg angehen muss, um die Reserven zu schonen: Langsam, ohne mit Rohkraft im Wiegetritt über die Stufen zu klettern, lieber mal eine 30-Sekunden-Pause einlegen, um den Puls unten zu halten. Die Aussicht geniessen, hinnehmen, dass der Weg nicht so schnell unter mir vorbeizieht, wie ich das von meinen sonstigen Touren gespeichert habe. Ausserdem ist es ja auch noch verdammt heiss hier, trotz Wolken deutlich über 30 Grad.

Auf der Krete angekommen beginnt das Schieben. Und bald darauf das Tragen, dann wieder schieben. Zwischendurch sind ein paar Dutzend Meter fahrbar. So geht es die nächsten eineinhalb Stunden. Schieben bis es zu mühsam wird, das Vorderrad über Blöcke und Stufen zu hieven, tragen bis das Terrain wieder flacher wird, vielleicht kurz aufsteigen, wenig später akzeptieren, dass es keinen Sinn macht, hier zu fahren. Schieben – tragen – fahren. Immer und immer wieder. Auch hier gilt: Geduld, der Gipfel kommt näher, aber es empfiehlt sich, den Aufstieg nicht als Kampf gegen die Uhr zu inszenieren, sondern Zen-mässig einen Fuss vor den anderen zu setzen. Und jede Pedalumdrehung wertzuschätzen, die der ligurische Bergrücken zulässt.

Nach zwei Stunden komme ich auf dem Monte Acuto an. Bis zum Einstieg in die Abfahrt fehlt auf der Karte nicht mehr viel. Ist ab hier vielleicht sogar alles fahrbar? Immerhin geht es zuerst über eine Wiese, vorbei an zwei Trockenstein-Bunkern. Vielleicht gibt es hier ja sogar eine der berühmten italienischen Militärstrassen.

Natürlich nicht. Der Berg gibt nochmals alles, was er mir schon vor die Füsse geworfen hat: Felder aus spitzen Felsen, fussballgrosse Brocken, die in losem Schotter liegen. Nicht immer ist klar, welche Steine fix sind und welche sich bewegen, wenn sie mit meinem Vorderreifen in Berührung kommen. Auch Tragen ist noch mehrmals nötig. Als ich schliesslich einen weiteren Wegweiser sehe, denke ich: Das muss der Abzweiger hinunter ins Tal sein. Der Pentirosso Trail, endlich.

Es zeigt sich dann, dass ich zu weit gewandert bin. Also zurück. Nur dank der digitalen Karte, in der ich meine eigene Position sehe, erkenne ich den Hauch eines Pfads, der der Beginn der Abfahrt ist. Was für eine Freude. Auf der Ride Trail Map ist der Weg schwarz gepunktet, Trailforks klassiert ihn ebenfalls schwarz ein und beschreibt ihn als Freeride-Trail im obersten Drittel, technisch mit Switchbacks im Mitteldrittel und flowiger im untersten Teil. Wie schwarz schwarz in diesem Fall ist, kann ich aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen auf den Trails der Umgebung schlecht einschätzen. Entscheidend für mich: Ich bin allein unterwegs. Das heisst, gefährlich stürzen ist verboten, safety first. Gleichzeitig habe ich keine Lust, nach der Bikewanderung in der Gluthitze auch die Abfahrt zu Fuss zu bestreiten.

Ein Trail zum Verlieben

Meine Befürchtungen, es könnte heikel werden, waren unbegründet. Zwar wird es immer mal wieder steil, felsig ist es meistens, oft regieren auch hier loses Geröll und ebensolcher Schotter. Aber der Pettirosso – zu Deutsch Rotkehlchen– ist ein Riesenspass: abwechslungsreich, zwischendurch etwas verblockt, aber ohne Tom-Oehler-Skills fahrbar, an den Switchbacks ist zu erkennen, dass Wegbauer am Werk waren, auch wenn der Singletrail sonst oft sehr wild wirkt. Berührungsängste mit Gestrüpp und Dornen sollte man auch nicht haben.

Ein, zwei Vernunftabsteiger muss ich mir eingestehen, den kleinen Drop springe ich nach kurzem Überlegen und Zurücksteigen. Vor allem aber folgt ein Trail-Postkarten-Motiv aufs andere, es ist ein Weg, den ich heiraten könnte. Dabei ist er nur 1,6 Kilometer lang und endet 350 Meter unterhalb des Einstiegs. Stilgerecht mit einer weiteren felsigen Steilstufe, die auf einen breiten Weg führt, der zu Zeiten mit mehr Regen wohl Teil des Bergbachs nebenan ist.

Ist der Pettirosso wirklich so gut, so abenteuerlich wie er mir in diesem Moment der Euphorie scheint? Oder rede ich mir das ein, weil der Aufstieg so kräftezehrend war? Ich brauche keine Antwort auf diese Frage, für mich ist der Trail mit dem Weg dorthin ein Abenteuer, das seinen festen Platz in meiner imaginären Tourengalerie erhält.

An dieser Stelle befiehlt wieder die Uhrzeit, welche Richtung einzuschlagen ist. Leider nicht der roten Abfahrt aufwärts folgend, um noch den Pizzo Ceresa und den Pizzo Ceresa Vertical Downhill mitzunehmen. Wieder ist der Abend fortgeschritten, der Sonnenuntergang nur noch eine Stunde entfernt.

Der Weg zum zweiten Gipfel ist rund 2,5 Kilometer lang und überwindet 350 Höhenmeter. Sehr wahrscheinlich nur zu einem kleinen Teil fahrbar. Ein kleiner Nachschlag an Demut – leider nicht heute. Stattdessen rolle ich den talauswärts führenden Trail bis zum Ende, der noch ein paar Schmankerln und Bachüberquerungen bereithält. Dann wird er zur Kiessstrasse und geht schliesslich in Asphalt über. 

Obwohl der höchste Punkt der Tour nur 753 Meter über Meer liegt, habe ich wegen des endlosen Auf-und-Abs zurück am Ausgangspunkt fast 1000 Höhenmeter auf der Uhr. Und Erinnerungen, die ich noch lange aufrufen und mit einem zufriedenen Grinsen auf den Stockzähnen geniessen werde.