Aargau und Luzern wollen Trails, aber der Widerstand lebt
Der Lindenberg ist ein klassisches Hometrail-Revier. Der Hügelzug verläuft zwischen dem Baldeggersee im Westen und dem Reusstal im Osten. 16 Gemeinden, zehn auf Aargauer und sechs auf Luzerner Boden, grenzen an, rund 46’000 Menschen leben in der Region. Gemäss Sport Schweiz Studie müssten also rund 4600 Menschen in der Gegend regelmässig auf das Mountainbike steigen.
Einer von ihnen ist Philip Gassner aus Hämikon LU. Er bikt seit 25 Jahren am Lindenberg und schätzt, dass andere dies schon seit mindestens 30 Jahren tun. «Am Wochenende kommen dann noch Leute von weiter her mit dem Velo oder dem Auto, um am Lindenberg zu biken,» Der Nutzungsdruck ist also beträchtlich.
Nun sind die Kantone Aargau und Luzern für Mountainbiker schwieriges Terrain, ihre Regelungen zu befahrbaren Wegen strikt, die Koexistenz hat einen schweren Stand, Trailbauprojekte haben es schwer. Singletrails werden natürlich trotzdem gefahren. Und wie an anderen Orten auch brachte der Corona-Boom den Dampfkessel zum Explodieren. «Konflikte gibt es schon viel länger, Nagelbretter hatten wir schon vor zehn Jahren auf gewissen Trails», erzählt Gassner, «während Corona ist es eskaliert». Es seien unzählige neue Trails entstanden, zusätzlich zu jenen, die seit Jahrzehnten genutzt werden.
Auf der Ride Trailmap ist die Gegend allerdings ein weisser Fleck. Nur die Tour Luzerner Hinterland kratzt am südlichen Ende des Lindenbergs. Auf Trailforks sind ein paar Trailstücke verzeichnet.
Zum Glück gibts den Trailbefehl vom Staat
2021 gründet Philip Gassner mit Biker-Freunden einen Verein mit dem unverdächtigen Namen Sport- und Freizeitförderung Lindenberg. Ursprüngliches Ziel: Der Bau einer legalen Strecke. «Wir rechneten mit Widerstand, dieser war dann aber noch viel grösser, als wir dachten», fasst er die ersten Jahre zusammen. Nach drei Jahren Kampf ohne Fortschritt wurde den Ehrenämtlern klar, dass sie ihr Ziel alleine nicht erreichen würden.
Ihre neue Strategie überrascht, aber eigentlich ist sie logisch: «Wir wollten einen öffentlichen Auftrag für das, was wir vorhatten». Klar, das Veloweggesetz verpflichtet die Kantone auch ein Freizeit-Netz zu schaffen. Die Sport- und Freizeitförderer klopften bei verschiedenen Behörden an und wurden schliesslich bei den Regionalplanungsverbänden RPV fündig. Im Prinzip sind das Standortförderungs-Organisationen, die im öffentlichen Auftrag etwas für die Wirtschaft und die Lebensqualität in ihren Gebieten tun. Idee Seetal heisst jene, die die Gegend auf der Luzerner Seite des Lindenbergs bearbeitet und diese nahm das Projekt unter ihre Fittiche. Auf Aargauer Seite trägt der RVP Oberes Freiamt das Vorhaben mit.
Gassner und seine Mitstreiter wussten auch schon, wie sie das Projekt weiter voranbringen wollten: Mit einem NRP-Projekt, jenem Fördergefäss des Bundes, das unterstützt, was einer Region Auftrieb verleihen kann. Die Abkürzung steht für Neue Regionalpolitik, diese ist seit langem auch im Mountainbikesektor aktiv, beispielsweise mit den verschiedenen Zyklen von graubündenBike. Der Bund finanziert jeweils die Hälfte, die andere Hälfte müssen die Lokalen Beteiligten, Gemeinden, Kantone und Private aufbringen.
Den Auftrag, das Trailnetz bis zur Baubewilligung zu entwickeln, erhielt die St.Galler Firma Bikernetzwerk. Erste Anhörungen haben stattgefunden, Gemeinden, Forst- und Umweltämter, Jagdorganisationen haben Stellung genommen, aktuell arbeiten die Biker an ihrer Antwort auf die Stellungnahmen.
Ziel: Möglichst wenig bauen
Die Grundidee ist laut Gassner: «Möglichst viel Koexistenz auf bestehenden Wegen, die Legalisierung von seit Jahrzehnten gefahrenen Trails und möglichst wenig Neubau von Bikestrecken.» Wichtig sei auch, dass ein Netz entstehe und nicht nur eine Strecke. «Man kann das auch etappieren, aber das Angebot muss letztlich den Einwohnern aller 16 Gemeinden etwas Attraktives in ihrer Nähe bieten.» Es versteht sich von selber, dass ein Netz sehr viel leichter zu schaffen ist, wenn bestehende Wege dieses bilden, als wenn alles neu gebaut wird.
Die Jäger sind laut Gassner aktuell jene, die am meisten Einwände haben. «Die Gemeinden sind froh, dass wir etwas tun, um die Mountainbiker zu kanalisieren, die Forstbehörden ebenfalls.» Er verrät, dass in den Gesprächen mit einzelnen Jagdvertretern diese offen für die Vorschläge der Biker seien. «Wenn sie dann aber mit konkreten Ideen zu ihren Mitgliedern gehen, kommt doch wieder Ablehnung zurück.»
Das Schöne sei, dass das jetzt nicht mehr nur ihr Problem sei, sondern auch das der Spezialisten vom Bikernetzwerk und der Regionalplanungsverbände, schmunzelt Gassner. Die mühsame Suche nach einem Kompromiss haben die Mountainbiker offiziell den Profis und Behörden übergeben. Die NRP und die RPV tragen das Projekt «Mountainbikeangebote Lindenberg». Tatsächlich arbeiten sie aber weiterhin mit. «Wir Biker können uns nicht aus der Verantwortung ziehen. Schlussendlich profitieren wir alle von einer tragfähigen Lösung, darum arbeiten wir weiter mit, wenn auch nur im Hintergrund.» Einigkeit herrsche darüber, dass es eine Lösung brauche. «Denn alle wissen, die Biker kriegt man nicht mehr aus dem Wald. Solange die Gegner jeden Lösungsansatz blockieren, wird es keine Kanalisierung geben.»
Der optimale Fahrplan sieht so aus, dass noch 2026 ein Wegnetzentwurf zustande kommt, der dann den Grundeigentümern vorgelegt werden kann. Da erwartet Philip Gassner ebenfalls grosse Vorbehalte. Ende 2027 soll die Projektphase abgeschlossen und ein bewilligungsfähiges Projekt ausgearbeitet sein. Er geht nicht davon aus, dass es so schnell gehen wird. Entscheidend ist: Es gibt einen öffentlichen Auftrag, es ist Geld gesprochen worden, für das ein Resultat erzielt werden muss. Die Gegner haben die Wahl, einen Kompromiss zu ermöglichen oder als Verhinderer einer Lösung in die Geschichte einzugehen.