Felsentrail wird zur Kies-Autobahn – ist das die Zukunft des Zuger Bikenetzes? | Ride MTB

Felsentrail wird zur Kies-Autobahn – ist das die Zukunft des Zuger Bikenetzes?

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Seit 2026 hat der Kanton Zug ein offizielles Bikenetz. Die Mountainbiker müssen auf einige liebgewonnene Trails verzichten. Umso erschreckender, was aus dem zum Netz gehörenden Felsentrail gemacht worden ist. Der Kanton führt nun nachträglich ein Baubewilligungsverfahren durch. Aber der Schaden ist angerichtet.

Eigentlich sind Martin Wismer und Mudi Kubba-von Jüchen zufrieden mit dem offiziellen Bikenetz des Kantons Zug. Es hätte viel schlimmer kommen, sind sie sich einig, viel mehr Singletrails hätten für Biker gesperrt werden können. Zur Erinnerung: Im Kanton Zug gelten seit Anfang 2026 nicht einzelne Fahrverbote, sondern erlaubt ist das Fahrradfahren nur noch auf jenen Wegen, die im Richtplan als Bikewege ausgewiesen sind. Eine digitale Karte des Kantons ist obligatorische Grundlage der Tourenplanung.

Doch dann steht im Winter 2026 ein Bagger auf dem Felsentrail, einem feinen, mäandernden Pfad an einer Geländekante am Zugerberg, der über mehrere Felsplatten führt. Slickrocks mit Sicht auf den See, ein Kunstwerk eines Trails – bis der Bagger kam. Ein paar Monate später ist das Werk vollbracht. Aus dem Felsentrail ist eine Kiesautobahn geworden, eine meterbreite Kofferschicht ist der neue Untergrund. Und heftiger noch: In die Felsplatten sind Tritte gehauen, die Slickrocks in grobschlächtige Steintreppen verwandelt geworden. Der Felsentrail in seiner ursprünglichen Form sei auch die E-MTB-Teststrecke von Specialized gewesen, erzählen Martin und Mudi beim Treffen auf dem Trail.

Auf dem Weg dorthin und danach präsentieren die beiden routinierten Mountainbiker, Martin auch aktiver Swiss Cycling Guide, was die Zuger Singletrails noch immer ausmacht: wurzlige, knorrige, stellenweise ruppige Wege mit Switchbacks im steilen Gelände. Zum Wandern und zum Biken gleichemassen attraktiv. Martin und Mudi schätzen, sie hätten rund zwanzig Prozent ihrer Lieblingstrails verloren. Mountainbiker in der Region Ägeri habe es schwerer getroffen. Die Velovereine Ägeri und Baar mussten sich für Mini-Trail-Abschnitte Sonderbewilligungen einholen, um weiterhin mit dem Bike-Nachwuchs in ihrer Region trainieren zu können.

Baubewilligung fehlte

Nach dem Schock des verschandelten Felsentrails fragen sich manche, ob das die Zukunft der nun offiziellen Bikewege im Kanton sei und befürchteten die flächendeckende Umbau der Zuger Singletrails zu etwas schmaleren Waldstrassen. Dass die Anliegen der Zuger Trailbiker nur die einer Minderheit sind, hatte die Abstimmung gezeigt, die die IG Mountainbike Zug erwirkt hatte: Gegen das neue Waldgesetz mit der Bestimmung, dass nur auf einem neuen offiziellen BIkenetz gefahren werden dürfe, hatte sie das Referendum ergriffen. Die Vorlage war an der Urne chancenlos.

Beim Felsentrail zeigt sich nun aber, dass nicht nur die Biker ein Problem mit dieser Form der Umgestaltung haben. So bestätigt das Amt für Wald und Wild des Kantons Zug auf Anfrage von Ride, dass die Korporation Zug nachträglich ein Baugesucht für die Arbeiten eingereicht habe, welches zurzeit in Bearbeitung sei. Anders gesagt, die Grundeigentümerin hat den Weg ohne Baubewilligung umgebaut. Die Korporation erklärt sich in der Zuger Zeitung: Der Weg habe bei Holzarbeiten Schaden genommen und sei danach «wieder instandgestellt» worden. Zur Instandstellung gehört offenbar auch, in Millionen Jahre alten Fels Treppenstufen zu fräsen sowie ein Kiesbett in den Waldboden einzulassen.

Das Amt für Raum und Verkehr erklärt: «Wie so oft bestehen zwischen den verschiedenen Anspruchsgruppen Interessenkollisionen; zum Beispiel in Bezug auf die Sicherheit der verschiedenen Wegnutzenden, die Anforderungen an den Unterhalt sowie die Walderschliessung und -bewirtschaftung, die Nutzungsanliegen von Bikenden und Wandernden oder auch bezüglich des Natur- und Landschaftsschutzes.» 

Die Sicherheit für die verschiedenen Wegnutzenden ist auf der Kiesautobahn aber sicher nicht gestiegen, da diese im Gegensatz zum alten Felsentrail so gut wie keine fahrtechnische Schwierigkeit bietet und deshalb zum flotten Rollen geradezu einlädt. Auch dürften kaum alle Wandernden einverstanden sein, dass Treppen und breite Kieswege attraktiver sind, als naturbelassene Pfade. Und inwiefern dieser massive Eingriff in den Weg dem Natur- und Landschaftsschutz dient, ist auch eher schwer ersichtlich. Einziges ziehendes Gegenargunent: Die Kiesautobahn ist wohl weniger erosionsanfällig als der alte, erdige Singletrail.

Welches Interesse hat wie viel Gewicht?

Zur Frage, ob die Umgestaltung des Felsentrails ein Vorbild für die weiteren Wege des Zuger Bikenetzes ist, antwortet das Amt für Raum und Verkehr, jeder Wegabschnitt sei aufgrund seiner Funktion, seiner Lage sowie der Anforderungen an Sicherheit, Natur- und Landschaftsschutz und Eigentümerinteressen einzeln zu beurteilen. Und was aus Mountaibike-Perspektive einer Drohung nahekommt: «Die Ausweisung als Bike-Route bedeutet nicht, dass der Charakter eines Weges unverändert bleiben muss.»

Immerhin versichert der Kanton, die Anliegen der verschiedenen Anspruchsgruppen ernst zu nehmen. Im Bezug auf den Felsentrail, der offiziell Wanderweg Mättli heisst, meldet das Amt für Raum und Verkehr, es werde im laufenden Bewilligungsverfahrne geprüft, ob die Kritik der Biker gerechtfertigt sei und wie diese zu gewichten sei. Anders gesagt, ob das Zuger Mountainbikenetz den Trailbikern gefällt, muss sich erst noch zeigen. Und es hängt nicht von ihnen ab, sondern davon, ob die weiteren Beteiligten der Ansicht sind, ein Singletrail dürfe so weiterbestehen, wie er aktuell aussieht.

Martin Wismer betont, die IG MTB Zug sei mit den anderen Stakeholdern im Dialog und glaube daran, dass die weiteren Zuger Trails so natürlich erhalten werden, wie dies möglich ist. Feststeht für sie – wie für wahrscheinlich jede Singletrail-Liebhaberin – dass der Felsentrail ein Beispiel ist, das sich nicht wiederholen sollte.