Der Mountainbikesport hat seine Seele verloren
Wenn ich heute mit dem Mountainbike im Gelände unterwegs bin – und das ist nicht gerade selten –, dann erkenne ich meine eigene Sportart kaum wieder. Noch vor zehn Jahren war Mountainbiken für mich eine pulsierende Subkultur, heute wirkt es eher wie der Seniorennachmittag im Kurhaus.
Ich erinnere mich an die Zeit, als Mountainbiker als frischer Lichtblick im verstaubten Sommertourismus galten und die Fahrradindustrie durch die Mountainbike-Technologie aus ihrem Rennrad-Winterschlaf gerissen wurde. Wir waren der frische Wind, die Alpenrebellen, die Abenteurer. Kurzum: die coolen Socken auf zwei Rädern. Mountainbiken war keine Sportart, es war eine Lebensform.
Und heute? Wenn ich auf Trails unterwegs bin, sehe ich immer weniger von dieser ansteckenden Energie. Vor Freude johlende Biker, die sich auf kniffligen Singletrails obsessiv eine fahrbare Linie zurechtstochern? Ewig nicht mehr gesehen. Alpencrosser, die mit viel zu grossen Rucksäcken und noch grösseren Träumen Richtung Gardasee aufbrechen? Kaum noch unterwegs. Nightrides mit Stirnlampen im Wald, halblegal aber prickelnd? Eher nicht. Ich bin früher jeweils am 1. August nackt mit dem Bike vom Hausberg meines damaligen Wohnorts Biel runter zum Stadtrand gefahren. Das war zugegeben etwas verrückt, aber rückblickend ein Symbol, wie viel Spirit in dieser Sportart steckte.
Heute, wenn ich mal auf junge Mountainbiker treffe, dann sitzen sie zusammengepfercht in Shuttlebussen, brav angeschnallt, Fullface-Helm im Schoss, auf dem Weg zur nächsten Downhill-Konsumrunde. Im alpinen Outback dagegen herrscht aus meiner Warte gähnende Jugendleere. Was ich stattdessen en masse antreffe (nicht auf dem Trail, sondern auf der Schotterstrasse hoch zur Alm): Mountainbiker im gesetzteren Alter, Helm auf der Stirn, Sattel zu tief, emotional und technisch von der nächstbesten Wurzel überfordert. Mein subjektiver Eindruck: Aus der Rebellen-Gang ist ein Senioren-Treff geworden.
Der Motor: der Anfang vom Ende
Rückblickend gibt es für mich ein Schlüsseldatum, an dem der Mountainbikesport seine Seele an der Garderobe abgegeben hat: die Erfindung des E-Mountainbikes. Nein, das ist jetzt nicht dieses billige, selbstgerechte E-Bike-Bashing. Es ist eher eine nüchterne Feststellung: Der Motor hat in unserer Sportarte eine Rentnerschwemme ausgelöst. Ich gönne es jedem einzelnen Pensionär von Herzen, das Mountainbike als Faszination entdeckt zu haben. Ich bin sogar ein bisschen stolz, dass «meine» Sportart mittlerweile so breit abgestützt ist.
In meiner eigenen Familie habe ich erlebt, welche Faszination das Mountainbike bis ins hohe Alter hinein ausüben kann. Das ist schön, das ist berührend, und das ist aus gesellschaftlicher Sicht grossartig. Aber: Es hat den Charakter der Sportart markant verändert. Und zwar nicht in meinem Sinn.
Besonders deutlich wird das an einer kürzlichen Meldung aus dem Kanton Aargau: Dort kümmert sich eine Gruppe Pensionäre um den Unterhalt von Trails. Ich finde das erstklassig, bloss sehe ich auch das Signal, das dadurch ausgesendet wird: Es ist die Sportart der Alten.
Der Coolness-Faktor des Mountainbikesports ist durch die Rentnerschwemme faktisch implodiert.
Wäre ich heute Mitte zwanzig, würde ich wahrscheinlich auch zum Gravelbike greifen. Nicht wegen der Faszination sondern weil sich hier die Coolen konzentrieren. Mountainbiken hat dagegen seine Kanten verloren. Aus Abenteuer wurde Breitensport. Aus Rebellentum Allgemeinverträglichkeit.
Meine Analyse: Die Sportart hat sich in eine Richtung entwickelt, die mir nicht gefällt. Wir sind uncool geworden. Und das sagt einer, der selber über 50 Jahre alt ist und bei dem die eigene Coolness den Zenith längst überschritten hat. Einer, bei dem drei Viertel seiner Touren inzwischen in der motorisierten Abteilung stattfinden. Vielleicht bin ich also bloss einer dieser Alten geworden, der den guten, alten Zeiten nachtrauert und sich über Seinesgleichen moniert. Vielleicht bin ich exakt der Typ, den ich früher milde belächelt hätte: verklärter Rückspiegelblick, gepaart mit selektiver und verklärter Erinnerung. Und sehr wahrscheinlich bin auch ich nicht mehr die coole Socke von einst, sondern ein nostalgischer Kniestrumpf.
Shut up and ride!
Und doch, während ich so über die Entwicklung des Mountainbikesports nachdenke, fällt mir ein alter Werbeslogan aus den Anfangsjahren des Mountainbikens ein: «Shut up and ride!» Genau das werde ich tun: Das nächste Alpenabenteuer in Angriff nehmen. Vielleicht keinen Nackt-Ride mehr. Aber meine rebellische Seite, die lebe ich weiter. Sie hat mich mit und dank dem Mountainbikesport zu dem gemacht, was ich heute bin. Egal, wie cool meine Socke ist.