In Gränichen schaufeln Rentner Trail um Trail
Zehn Meter ist die magische Zahl, wenn es um den Trailbau in der Region Gränichen AG geht. «Wir dürfen maximal zehn Meter von den Waldstrassen entfernt bauen», erklärt Beat Stirnemann. Und schiebt nach: «Meistens bauen wir ja gar nicht, sondern legen nur Spuren frei, die dann eingefahren werden.»
Der Wald in der hügeligen Gegend zwischen Aarau und dem Hallwilersee hat etwas Märchenhaftes. Das Relief ist perfekt für spannende Singletrails. Doch der Spielraum, den der Kanton, die Gemeinden, der Naturschutz, die Eigentümer und die Jagdgesellschaften den Mountainbikern zugestehen, ist eng.
Trotzdem hat Gränichen seit 1990 ein internationales Rennen, mit Beat den ehemaligen Schweizer National-Coach und mit seiner Tochter Kathrin die aktuelle Trainerin der Frauen. Sein Sohn Mathias fuhr bei Scott Sram und gewann mit Nino Schurter Cape Epic. Beat war auch die treibende Kraft für den regionalen Trainingsstützpunkt von Swiss Cycling in Gränichen. Regelmässig sind Weltklasse-Nachwuchsfahrerinnen und Elite-Athleten in den Wäldern um das Aargauer Dorf unterwegs.
Seit bald 20 Jahren steht den Talenten der «Mountainbike-Lehrpfad» zur Verfügung, der einmal im Jahr zur Rennstrecke des Swiss Bike Cup in Gränichen wird. «Acht Jahre hat es für Bewilligung, Planung und Bau gebraucht», erzählt Beat. Der Racing Club Gränichen muss dafür seit 2007 jährlich 100 Stunden Arbeit zugunsten des Waldes leisten. «Den Fussballvereinen mähen sie den Rasen. Wir müssen nicht nur unsere Anlage selber bezahlen und betreiben, sondern auch noch den Wald darum herum pflegen», zieht Beat den Vergleich zu jenem Sport, den nur etwas mehr als halb so viele regelmässig ausüben wie das Mountainbiken.
Trail-Konzept oder Trail-Korsett?
Beat Stirnemann ist seit Jahrzehnten eine prägende Figur im Schweizer Mountainbikesport. Ende der 2010er Jahre nahm er den nächsten Kampf auf. Es war klar, dass die jungen Mountainbikerinnen mehr brauchen als den Lehrpfad, der kein durchgehender Singletrail ist, sondern lauter kurze, technisch anspruchsvolle Passagen, die durch Forststrassen verbunden sind. Das reicht besonders den Trailbikern nicht. Im unteren Suhren- und Wynental, wie die Gegend heisst, herrschte das übliche Katz- und Maus-Spiel zwischen Trailbikern und Forstarbeitern. Es wurde ein bisschen geschaufelt, eingefahren, die Forstarbeiter schlossen einen Trail, während sich die Bikerinnen schon auf den nächsten Pfaden vergnügten.
Beat durch seine jahrelange Arbeit als Veranstalter, Nachwuchs- und Elite-Trainer bestens vernetzt, fand, es müsse sich etwas ändern. Ein weiteres Mal besprach er sich mit allen, die im Wald etwas zu sagen haben, den Lead hatte die Abteilung Walderhaltung des Kantons Aargau. So entstand ein Trail-Konzept, zu dem diese nach einigen Jahren Ja sagen konnten.
Weil ein weiteres Mal sämtliche Kosten und sämtlicher Arbeitsaufwand am lokalen Mountainbikeverein, dem Racing Club Gränichen, hängen blieben, hatte Stirnemann die Idee, eine Trailbuilder Crew zusammenzustellen, die bereit ist, gratis und an Wochentagen im Wald zu arbeiten: Es sind Pensionierte aus der Region, die für ein Mittagessen Stunden im Wald rechen, schaufeln, Wegweiser aufstellen, Holz zur Seite räumen.
Das Prinzip: Entlang von definierten Forststrassen werden kurze, mehr oder weniger technische Singletrail-Abschnitte realisiert, die vorher einem öffentlich ausgeschriebenen Verfahren unterzogen wurden. Manchmal mehrere hundert Meter, oft nur zwanzig bis dreissig. Die eingangs erwähnten zehn Meter sind die Messlatte, die besonders von einigen Jägern konsequent eingefordert werden. Vereinzelt schafften es die Beteiligten bestehende Singletrails zu offizialisieren. Diese führen dann auch mal auf einer eigenen Linie durch das Gelände.
Lieber eine Spur mehr im Waldboden als zu viel Spielraum
Doch wo die Zehn-Meter-Linie gilt, wird sie durchgesetzt. So müssen die Trailbuilder demnächst einen Singletrail zurückbauen, der auf einem alten, aber aufgegebenen Weg verläuft, weil er sich an ein paar Stellen zu weit von der darunter liegenden Forststrasse entfernt. Es sind vielleicht fünfzehn Meter, aber das sind fünf zu viel. Hätten die Trailbuilder, statt den mit Kies befestigten historischen Weg zu nutzen, zwischen diesem und der Strasse eine weitere Spur in den Wald gezogen, wäre es ok gewesen.
Die Trailbuilder nehmen es schulterzuckend zur Kenntnis. Dann bauen sie halt woanders. Es ist eindrücklich, wie viele Trail-Abschnitte sie seit 2023 gelegt und mit dem einen oder anderen Sprung/Welle oder Anlieger veredelt haben. Die Route von einem Ort namens Böhler führt an den Waldrand ins 200 Meter tiefer gelegene Suhr und ist rund neun Kilometer lang. «Davon fährst du inzwischen fast sieben Kilometer auf Singletrails», rechnet Stirnemann vor.
Unzählige Mountainbike-Wegweiser zeigen, wo es in den nächsten Singletrail hineingeht, manchmal ist es auch nur eine auf einen Baum gesprayte Markierung. Manche Abschnitte tragen sogar einen in ein Holzschild gefrästen Namen wie «Houzi», «Chänu», «Snake» oder «Spetzchehri». Sponsoren bezahlen einen tiefen dreistelligen Betrag dafür, dass sie ebenfalls auf dem Schild erscheinen.
An diesem Morgen hämmern Beat und Trailbuilder Thomas «Irina Kalentyeva» in den Waldboden. Die ehemalige russische Weltmeisterin ist jetzt Namensgeberin eines neuen Trail-Abschnitts und seit langem die Ehefrau von Roger Märki, der mit seinem Unternehmen Möbel Märki den Radsport seit Jahrzehnten fördert. Beat war Manager seines Mountainbike-Teams. Das Firmenlogo prangt über dem Namen der Olympia-Dritten von 2008.
So fahren sich die Trails
Ride hat die Route vom Böhler nach Suhr im Anschluss an das Treffen mit den Trailbuildern getestet. Die Singletrails machen Spass, zwischendurch, wo die Wegweiser noch nicht aufgestellt sind, erinnert die Suche nach dem nächsten Einstieg an Bike-OL. Vor allem aber sind es Cross-Country Trails, die fast ausnahmslos in beide Richtungen gefahren werden können. Die Bremse braucht man dafür eher selten und es gibt Sprünge, deren Anfahrt bergauf führt. Wer im CC-Modus permanent mit maximalem Pedaldruck unterwegs ist, wird fliegen, die abwärtsorientierten Trailbiker rollen über die Wellen.
Am Ende folgt mit dem Canyon doch noch ein Abschnitt, auf dem es ziemlich spektakulär bergab geht und den Beats Trailbuilder mit so vielen Linien und Sidehits versehen haben, dass man ihn mehrmals fahren muss, um alle Features auszuprobieren.
Nächstes Projekt sind laut Beat Stirnemann Abfahrten in die Dörfer am Aargauer Jurasüdfuss. Zugleich müssen die bestehenden Trails gepflegt werden. Den Rentnern geht die Arbeit nicht aus, im Gegenteil. Und schon gar nicht Beat Stirnemann, der als Co-Präsident von Mountainbike Aargau auch noch daran arbeitet, die Bedingungen für die MTB-Gemeinde im ganzen Kanton zu verbessern.