Der MTB-Sport rennt mit 32-Zoll ins nächste Desaster | Ride MTB

Der MTB-Sport rennt mit 32-Zoll ins nächste Desaster

Wie weiter mit den Laufradgrössen?

Eine neue Laufradgrösse, das klingt im ersten Moment nach Innovation. Auch wenn sie auf den Trails aktuell noch ein seltenes Bild sind, sind 32-Zoll-Räder plötzlich in aller Munde. Doch bei genauerer Betrachtung wird klar: Die Einführung eines neuen Standards ist das Dümmste, was dem Mountainbikesport jetzt passieren kann.

Man nennt dieses Krankheitsbild «Fear of missing out», kurz: Fomo. Gemeint ist die Angst davor, etwas zu verpassen. Viele von uns kennen das aus dem Alltag. Für die Fahrradbranche war genau dieses Phänomen jedoch der Hauptgrund für die Katastrophe im Nachgang an die Corona-Pandemie. Niemand wollte im beispiellosen Boom auch nur ein Promille seines Marktanteils den anderen überlassen. Die Folge? Fast alle Hersteller sind blindlings in die Überproduktion gerannt und haben dadurch im Kollektiv eine grundsolide Branche ins Schlingern gebracht. Das ist die toxische Seite von «Fear of missing out».

Ein neuer Standard zur absoluten Unzeit

Zurück zur neuen Laufradgrösse. Für die Bike-Industrie gibt es kaum etwas Aufwändigeres und Teureres als die Etablierung eines neuen Standards. Es erfordert neue Produktionsanlagen und Gussformen. Bisherige Kompatibilitäten werden über Bord geworfen. Entwicklungsfehler führen zu Garantiekosten. Ersatzteile und Komponenten müssen doppelt auf Lager geführt werden. Undsoweiter undsofort.

Kurzum: Ein neuer Standard verschlingt enorm viel Geld. Und im Fall der Fahrradindustrie kommt dieses Szenario zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Nämlich exakt dann, wenn sich die Branche gerade von den wirtschaftlichen Turbulenzen der letzten Jahre erholt. Der Grund für diesen kollektiven Irrweg ist erneut «Fear of missing out». Man zieht unreflektiert nach, um bloss keine Marktanteile zu verschenken. Bloss das Feld mit den neuen Laufrädern nicht den anderen überlassen! Das ist betriebswirtschaftlich eigentlich blanker Unsinn, das hat keine andere Branche härter erfahren müssen als die Fahrradindustrie – die unreflektiert ein zweites Mal den gleichen Fehler macht und wie Lemming einander hinterherrennt.

Der Rattenschwanz für uns Biker

Eine neue Laufradgrösse ist indes nicht nur für die Industrie ein Problem. Sie wird den Alltag von uns Mountainbikern viel stärker und unangenehmer beeinflussen, als uns aktuell lieb ist. Die praktischen Konsequenzen sind weitreichend:

  • Transport-Chaos: Aufhängevorrichtungen im öffentlichen Verkehr oder in Bike-Hotels werden schlichtweg nicht mehr passen.
  • Auto und Camper: Zahlreiche teure Fahrradträger am Auto oder an Wohnmobilen sind plötzlich nicht mehr kompatibel.
  • Bike-Shuttles: Die Anhänger der lokalen Shuttle-Unternehmen, die mühsam auf 27.5 und 29 Zoll optimiert wurden, müssen weitgehend umgebaut oder komplett neu konstruiert werden.
  • Reisen: Teure Transporttaschen für Flug- oder Zugreisen sind für 32-Zoll-Bikes zu klein und damit unbrauchbar.
  • Lokale Händler: Fachhändler müssen ihr Warenlager (Reifen, Gabel, Felgen, Speichen plus Komplettbikes) nochmals erheblich erweitern. Das bindet dringend benötigtes Kapital, das gerade in der aktuellen Marktlage an allen Ecken und Enden fehlt.

Es mag durchaus sein, dass die neuen Laufräder ein besseres Überrollverhalten und ein sattes Fahrgefühl liefern. Es mag sein, dass sie vor allem weniger geübten Fahrern deutlich mehr Sicherheit auf verblockten Trails ermöglichen. Und es mag auch sein, dass die 32-Zoll-Räder im professionellen Rennsport entscheidende Zehntelsekunden bringen. Aber bitte nicht jetzt!

Lungenentzündung der Fahrrad-Branche

Die Einführung dieser Laufräder gleicht einem Schuss ins eigene Knie des Mountainbikesport. Es ist, als läge jemand mit einer schweren Lungenentzündung im Krankenhaus und würde gleichzeitig versuchen, täglich ein hartes Intervall-Training zu absolvieren. Man muss kein Mediziner sein, um festzustellen: Das kommt nicht gut.

Und genau so geht es aktuell dem Mountainbikesport. Die Branche leidet spürbar an wirtschaftlichem «Long-Covid», leistet sich aber mit den neuen 32-Zoll-Laufrädern völlig unnötig ihre eigene, gefährliche Form des Intervall-Trainings. Der treibende Grund für all das hat einen Namen: Fear of missing out. Und als wäre das nicht genug: Die Mountainbike-Ingenieure haben kürzlich nun auch noch 30.5-Zoll-Laufräder ins Rennen geschickt. Es ist das fünfte Laufradmass für Mountainbikes.


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