Das Long-Covid der Bike-Branche: die Gier
Die Menschen in der Fahrrad-Branche sind nicht zu beneiden. Seit der Covid-Pandemie steht kein Stein mehr auf dem anderen. Der Corona-Boost hat zu vollen Kassen und leeren Lagern geführt. Drei Jahre später zeigte sich die Lage genau umgekehrt: leere Kassen und volle Lager. Das Resultat: Viele Unternehmen stehen mittlerweile am Rand des Abgrunds. Und zwar von Chur bis China, vom kleinen Fachhändler bis zum globalen Rahmen- oder Komponentenhersteller.
Die Ursache für das Desaster ist ein urmenschliches Gefühl: die Gier. Die Fahrrad-Branche ist dem Reiz der Unersättlichkeit erlegen. Man glaubte nach der Pandemie, dass die Bäume in den Himmel wachsen. Und nun kriegt man dafür die Quittung.
Im Prinzip ist Gier nichts anderes als übertriebenes Wachstum. Und Wachstum ist für eine Firma lebenswichtig, um innovativ zu sein, um sich zu entwickeln, um sich zu verbessern. Kippt das Wachstum in die Gier, wird es zur Falle. Und diese hat in der Fahrradbranche zugeschnappt.
Dabei hätten das Szenario alle sehen können, es war ein Absturz mit Ankündigung. Nach den turbulenten Covid-Umsätzen wollte aber niemand einen Teil des Kuchens abgeben. Weil, wer nicht selbst in die Marktlücke sprang, dem stand gleich die Konkurrenz vor der Sonne. Deshalb bestellten die Bikeshops zu viel, deshalb produzierten die Hersteller zu viel. Niemand wollte hinten anstehen, und das führte dann unweigerlich in eine Überproduktion und offenen Auges ins Desaster.
Die missliche Situation der Fahrradbranche hätte vermieden werden können, wenn wir uns alle mit einem gesunden Wachstum zufrieden gegeben hätten. Doch die Goldgräberstimmung nach Covid machte uns krank. Wir wollten nicht einfach ein bisschen mehr, sondern sehr viel mehr. Und wir wollten kein Stück vom Kuchen abgeben. Das Virus, an dem die Fahrrad-Branche während der Pandemie erkrankte, war die Gier. Und gegen dieses gibt es keine Impfung.