Long-Covid der Bike-Branche: Gier war nur ein Teil des Problems
2020 und 2021 waren keine normalen Marktjahre. Es war eine Ausnahmesituation historischen Ausmasses. Grenzen geschlossen, Lieferketten zerrissen, Fabriken stillgelegt. Gleichzeitig explodierte die Nachfrage. Fahrräder waren plötzlich nicht nur Sportgerät. Sondern Freiheitsersatz, Ferienersatz, Sozialersatz. Und vor allem: Niemand wusste, wie lange das dauert.
Heute ist leicht zu sagen, man hätte erkennen müssen, dass eine Pandemie endet und das Geld wieder in Fernreisen statt in Mountainbikes fliesst. Damals war die Perspektive zeitweise komplett verstellt. Die Vorstellung einer raschen Rückkehr zur Normalität wirkte zwischendurch fast naiv. Begriffe wie Endemie waren abstrakt, das Hier und Jetzt war brutal akut. Angst vor Krankheit und Tod machte die Runde. Wochen- und monatelanges Masketragen war angesagt. Die Situation war so intensiv, dass eine Ende kaum denkbar erschien.
Bestell oder stirb!
Hinzu kam der systemische Druck: Wer bei Komponentenherstellern wie Shimano oder Sram nicht früh und gross bestellte, riskierte zwei Jahre lang keine Ware zu erhalten. In einem Markt, in dem Lieferfähigkeit über Marktanteile entscheidet, ist Zurückhaltung kein moralischer Akt – sondern ein strategisches Risiko. Dass einige Schweizer Hersteller bereits im Herbst 2020 einen kühlen Kopf bewahrten, spricht für ihre Erfahrung. Sie akzeptierten, dass ein Nachfragehoch nicht automatisch ein Strukturwandel ist. Sie bestellten mit Augenmass und stehen heute stabiler da. Das war klug. Aber es war auch leichter gesagt als getan in einer Phase, in der selbst Epidemiologen keine klare Timeline, sondern nur neue Virus-Varianten und den Weg in den nächsten Lockdown aufzeigen konnten.
Zudem spielte das Zinsumfeld eine Rolle. In den Jahren 2020 und 2021 herrschte faktisch Nullzinsumfeld. Kapitalbindung war günstig. Kapital war billig. Lagerbestände schienen kein existenzielles Risiko. Erst mit steigenden Zinsen wurde aus gebundenem Kapital ein schmerzhaftes Problem. Diese Kehrtwende war für viele Unternehmen in dieser Geschwindigkeit nicht absehbar.
Kühle Köpfe: die knappste Ressource
Gier mag ein Faktor gewesen sein. Aber Angst vor Knappheit, Fehleinschätzung eines Ausnahmemarktes, systemischer Wettbewerbsdruck und eine historisch einzigartige Krisensituation gehören ebenso zur Wahrheit. Die klügste Reaktion wäre gewesen, das Hoch mit Zurückhaltung zu geniessen. Doch in einer Zeit, in der niemand wusste, wann und wie die Welt wieder aufmacht, war kühler Kopf eine seltene Ressource. Wer heute urteilt, sollte das nicht vergessen.