Die MTB-Hersteller haben an Bodenhaftung verloren | Ride MTB

Die MTB-Hersteller haben an Bodenhaftung verloren

Marco Toniolo, MTB-Mag

Die Mountainbike-Industrie steckt in einer Krise. Nicht bloss wegen den übervollen Lager. Sie hat sich regelrecht verirrt und den Kompass verloren, meint Gast-Kommentator Marco Toniolo.

Was Radfahrer heute wollen, deckt sich immer weniger mit dem, was die Industrie ihnen anbietet. Die Kluft wächst – aus betriebswirtschaftlichen, kommunikativen und kulturellen Gründen. Und sie ist nicht mehr zu übersehen.

1. Die Preisblase

Dass die Preise explodieren, ist keine neue Erkenntnis – wohl aber, wie weit sie sich von der Realität der Kundinnen und Kunden entfernt haben. Ob gestiegene Produktionskosten, Positionierungsstrategien oder interne Fixkosten: All das ändert nichts daran, dass ein zu teures Fahrrad schlicht nicht gekauft wird. Punkt. Wer für einen 200-Gramm-Fahrradhelm den Preis eines hochwertigen Integralhelms für Motorradfahrer aufruft, sollte sich fragen, ob hier nicht etwas grundlegend aus dem Ruder gelaufen ist. Und doch zeigt ein Blick in die Preislisten der grossen Marken: Dieses Verständnis fehlt vielerorts noch immer.

2. E-Bikes – verpasstes Potenzial

E-Bikes sollten einst das Mittel sein, um auch Autofahrende aufs Rad zu bringen. Doch nach dem Corona-Hype ist Ernüchterung eingekehrt. Viele sind zurück in ihre alten Gewohnheiten gefallen oder gleich auf den deutlich günstigeren Elektroroller umgestiegen. Die Branche reagiert trotzdem, als gäbe es nur noch motorisierte Mountainbikes. Dabei vergisst sie jene, die das Mountainbiken einst gross gemacht haben: sportliche Fahrer, Wochenend-Abenteurer oder junge Menschen, die schlicht ein bezahlbares Mountainbike für den Einstieg suchen. Stattdessen überbietet man sich in Akkugrösse und Motorpower. Die Seele des Sports? Zunehmend ignoriert.

Inzwischen dominieren auf den Trails Senioren mit E-Mountainbikes, während junge Leute vom Sport kaum noch abgeholt werden. Man hätte den Coolness-Faktor des Mountainbikens bewahren und gleichzeitig neue Zielgruppen erschliessen können. Dank der Motorisierung hat sich das Alter, bei dem die Sportart ein Thema ist, um mindestens zehn Jahre verlängert. Das ist gut so. Schade ist nur, dass man gleichzeitig die traditionellen Mountainbiker vergessen hat und deren Zeitfenster faktisch um 30 Jahre verkürzt wurde. Diee Branche hat im ausschliesslichen Fokus auf die Wachstumszahlen ihren Kompass verloren. Mountainbiken heute, nüchtern betrachtet, ein Sport für gut situierte Senioren.

3. Markenklamotten für die Kuhweide

Wer am Wochenende auf dem Trail unterwegs ist, weiss: Es geht weniger um Style und mehr ums Fahren. Doch schaut man sich die Bekleidung großer Marken an, könnte man meinen, Mountainbiken sei eine Modeschau für finanzkräftige Zielgruppen. T-Shirts für 80 Euro, Bikeshorts für 100. Die Realität? Viele greifen längst zu günstigeren Alternativen. Doch statt sich auf diese Realität einzustellen, hält die Industrie stur am Highend-Kurs fest. Fast so, als hätten viele Product Manager seit Jahren keinen Fuss mehr auf einen echten Trail gesetzt.

4. Die Social-Media-Blase

In kaum einem Bereich spiegelt sich die Entfremdung von der Basis so deutlich wie in den sozialen Medien. Die Fahrradbranche setzt auf ästhetisch perfekt inszenierte Influencer, die eher in Fitnessstudios als auf Alpenpässen zuhause sind. Halbseidene Reels mit halbnackten Models auf 15’000-Euro-Bikes mögen Likes bringen, aber keine Kunden. Ihr Marketing konzentriert sich auf Sichtbarkeit statt Relevanz, auf Reichweite statt Community.

Plattformen wie Instagram sind zu reinen Showrooms geworden, in denen mehr geblendet als informiert wird. Dabei ist ein Mountainbike ein technisches Produkt, das Vertrauen, Verständnis und echte Information braucht. Doch statt sich mit der Zielgruppe auseinanderzusetzen, drückt man auf «Boost», schaut sich die Like-Zahlen an und hält das für Erfolg.

5. China versteht die Kunden – die Branche nicht

Während sich die westliche Fahrradbranche mit sich selbst beschäftigt, drängen chinesische Anbieter mit Tempo, Effizienz und einem klaren Blick für den Markt nach vorn. Aliexpress macht vor, wie man funktionale Produkte zu günstigen Preisen vertreibt. Die chinesische Marke DJI hat innerhalb kurzer Zeit den E-Antriebsmarkt aufgewühlt. Während die Etablierten in ihren bisherigen Strukturen verharren, setzen andere längst neue Standards.

Die Fahrradbranche hat sich in eine Blase aus Lifestyle, Technikfetisch und Preisillusionen manövriert. Der Kontakt zur Basis ist vielerorts abgerissen. Wer ihn wieder herstellen will, muss sich eine einfache Frage stellen: Was brauchen Radfahrer wirklich – und nicht nur: Was lässt sich besser vermarkten?


Der Autor Marco Toniolo ist Herausgeber von MTB-Mag, der wichtigsten Mountainbike-Plattform Italiens. Er verfolgt den Mountainbikesport seit über zwanzig Jahren als Journalist. Den Original-Artikel (auf Italienisch) gibt es auf:
mtb-mag.com


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