Erst die Teams, dann der Weltcup: Ist Enduro-Racing noch zu retten? | Ride MTB

Erst die Teams, dann der Weltcup: Ist Enduro-Racing noch zu retten?

Trailblazers Enduro-Race

Lars Büngen an der ersten Enduro-Weltmeisterschaft im Val di Fassa im Jahr 2024. Foto: Emmanuelle Larfi

Den Enduro-Weltcup gibt es nicht mehr. Für Knut Büngen zeichnete sich das lange ab. Zwei Jahre lang fragte er rund 200 Firmen um Geld für sein Enduro-Team, die Simplon Trailblazers. Meist musste er zuerst erklären, was Enduro überhaupt ist.

«Mountainbike? Ah, Cross-Country.» Nein, die anderen. «Dann Downhill.» Auch nicht. «Enduro? Also Motocross?» So oder ähnlich liefen seine Gespräche mit möglichen Sponsoren, erzählt Knut Büngen. «Muss ich einem Sponsor zuerst erklären, von welchem Sport ich rede, ist das Gespräch schon vorbei», sagt er.

Büngen war vier Jahre Teamchef und Inhaber eines Schweizer Enduro-Teams, zuerst unter dem Namen Giant Swiss Enduro Team, später als Simplon Trailblazers. Im Jahr 2025 sass er im Board der Teammanager des Enduro-Weltcups. Neben seiner Arbeit im Projektmanagement suchte er mit einem Pensum von 40 bis 60 Prozent nach Geld von ausserhalb der Bikebranche. Ein Enduro-Team sei ab 100'000 bis 150'000 Euro im Jahr machbar, sagt er. Ehrlich gerechnet brauche es 200'000 bis 250'000. Angefragt hat er KMU genauso wie Victorinox, Kärcher oder Würth.

Gesucht: ein Freak mit Geld

Die Absagen hätten sich geglichen, sagt Büngen. Ein Bauunternehmer aus dem Kanton Schwyz unterstütze lieber den Fussballklub im Dorf, weil er dort etwas zurückbekomme. Victorinox habe abgewinkt, man beteilige sich im Skisport, wenn überhaupt. Bei einer IT-Firma kam er bis zum Chef. Auf UMB war er gekommen, weil ihr Logo auf dem Helm von Skicross-Olympiasieger Ryan Regez klebte. Der Chef liess seinen Marketingverantwortlichen die Reichweite des Teams prüfen. Danach hörte Büngen nie wieder etwas. Regez war UMB das Geld wert, Enduro nicht.

Einmal kam es doch zu einem Termin, bei einem Anbieter elektrischer Lieferwagen. Die Fahrten zu den Weltcups und Teamcamps hätten elektrisch und werbewirksam sein sollen. Als klar wurde, wie viele Fahrzeuge und Kilometer das Team brauchte, winkte die Firma ab.

Geld von aussen gebe es im Enduro nur, wenn ein Unternehmer jemanden im Team kenne, ein Kind, einen Verwandten. Oder wenn er selbst ein Freak sei, der den Nischensport spannend finde. Messbare Werbewirkung kaufe dort niemand ein. Wer einen Geldgeber finde, habe vor allem Glück gehabt. Ein Glücksfall, der das Team getragen hätte, war unter Büngens rund 200 Anfragen nicht dabei. Laut offizieller UCI-Liste setzen im Jahr 2026 nur noch fünf registrierte Teams Enduro-Fahrer ein, im Jahr 2025 waren es noch zwölf.

Im Jahr 2021 stand Büngens Team im schottischen Tweed Valley zum ersten Mal am Start der Enduro World Series. «Das war wie eine Fussball-Weltmeisterschaft für uns alle», sagt er. Den Grund dafür sieht er in Chris Ball, dem Mitgründer der Serie. Rede man zehn Minuten mit Ball, sei man überzeugt, egal wovon. Mit diesem Talent habe Ball selbst Leute ausserhalb der Branche für Enduro begeistert, auch Discovery. Noch im selben Jahr stieg der Medienkonzern bei Balls Firma ein. Büngen dagegen fand von aussen einzig einen Partner für Sporternährung.

Am Tropf der Bikemarke

«Wackelt die Marke, ist das Team weg», sagt Büngen. Bei ihm war es Simplon. Von der Bikemarke kam mehr als die Hälfte des Budgets. Im September 2024 meldete Simplon Insolvenz an. In die Strategie der neuen Eigentümer passte kein Enduro-Team mehr.

Selbst innerhalb der Branche fand er wenig Gehör. Im Herbst 2025 habe ihm die frisch gekrönte Enduro-Weltmeisterin per Handschlag zugesagt. Er rief einen Komponentenhersteller an, dessen Material sie bereits fuhr, und fragte, ob dieser sein Engagement nun aufstocke, wie er erzählt. In der Leitung sei es still geworden. Dann die Gegenfrage: «Wer?» Die Fahrerin war mit Material des Herstellers Weltmeisterin geworden, ausgerüstet von einer eigenen Tochterfirma. Gewusst habe man davon nichts, geworben schon gar nicht. Ob da überhaupt Interesse war? «Null», sagt Büngen. Einen Ersatz für den Hauptsponsor fand er nicht und stellte das Team ein.

Herz statt Reichweite

Auf der Strasse tragen die Spitzenteams die Namen von Detailhändlern, Getränkeherstellern und Bauzulieferern, etwa Lidl-Trek, Red Bull-Bora-Hansgrohe oder Soudal Quick-Step. Im Mountainbike ist das die Ausnahme, auch im Cross-Country und im Downhill. Von den je 20 Teams mit fixem Startplatz im Weltcup 2026 trägt die grosse Mehrheit den Namen einer Bike- oder Komponentenmarke. Büngen nennt die wenigen anderen als Vorbild, etwa Ford beim Cross-Country-Team von Decathlon. «Das ist modern, das ist ein neuer Horizont», sagt er.

Ganz oben steht für ihn ein Schweizer Cross-Country-Team: Thömus-Maxon von Ralph Näf. Schon im Jahr 2018 gehörte das Beratungsunternehmen KPMG zu dessen Hauptpartnern. Doch auch Näfs Modell begann nicht mit einer Reichweitenrechnung. Über einen langjährigen Freund sprang Thömus ein, gedacht als Nothilfe für ein, zwei Jahre. Am Anfang stand also genau das, was Büngen im Enduro als einzigen Weg beschreibt: einer, der will.

Cécile Ravanel gewann in den Jahren 2016 und 2017 die Gesamtwertung der Enduro World Series. Heute führt sie mit Cédric Ravanel ein eigenes Team, er als Manager, sie als Trainerin. Die beiden zogen eine andere Konsequenz als Büngen. Cédric habe Büngen einmal gesagt, er wolle keinen anderen Job. Um die Zukunft zu sichern, setzten die beiden auf Downhill. Im Jahr 2022 meldeten sie ihr Team zusätzlich als offizielles UCI-Downhill-Team an. Auch die frühere Schweizer Enduro-Meisterin Lisa Baumann wechselte die Disziplin. Heute fährt sie nur noch Downhill.

Im August 2026 gaben Warner Bros. Discovery und die UCI das Ende des Enduro-Weltcups bekannt. Die Disziplin sei mit einem gezielteren Ansatz besser bedient, begründeten sie. Auf eine Anfrage zu den Gründen verwies die UCI auf diese Mitteilung. Weniger als einen Tag nach dem Aus kündigte Crankworx eine eigene globale Enduro-Serie ab dem Jahr 2027 an. Kalender und Format sind noch offen. Büngen fragt sich, wer den Fahrern die Reisen bezahlen soll.