Ride verliert seinen einflussreichsten Abonnenten
Walter Giger war enorm stolz auf Ride. Auf die Leidenschaft, die darin steckte. Auf die Eigenständigkeit, von der das Magazin nie abwich. Und von der Begeisterung, die Ride auf so viele andere Menschen übertragen konnte. Nun ist Walter Giger Anfang November nach kurzer Krankheit quasi in seinen letzten Bike-Trail in unsere Erinnerung eingebogen. Er hat es mehr als verdient, in Ride gewürdigt zu werden. In einem Magazin, das ihm so viel bedeutet hat. Und das er als Vater von Ride-Herausgeber Thomas Giger auf eine Art geprägt hat wie nur wenig andere.
Ein intimer Nachruf von Thomas Giger
An einen Moment seiner letzten Zeit im Kantonsspital Chur mag ich mich ganz besonders erinnern. Walter war schon schwach und hat sich gewehrt gegen diese Krankheit, deren komplizierte Bezeichnung ich mir nie merken konnte. Intellektuell war er immer wieder voll präsent. Ein Gespräch fiel dann auf die PFAS. Diese Ewigkeitschemikalien waren bis am Schluss ein Forschungsthema, bei dem er als Chemiker förmlich aufgeblüht ist. Seine Augen haben sich verändert. Plötzlich war da wieder dieses Feuer. Gewissermassen von Null auf Hundert. Was man in seinen Augen erkannte, das war seine Leidenschaft. Wenn er etwas gemacht hat, dann hat er dafür gebrannt.
Die Chemie war für ihn kein Beruf, es war eine Leidenschaft. Will heissen: Er hat viel gearbeitet. Sein Arbeitsplatz an der Eawag war für ihn fast ein bisschen ein zweites Zuhause. Im Nachhinein habe ich begriffen: Chemiker war nicht sein Beruf, sondern seine Leidenschaft. Wie eigentlich alles, was er gemacht hat. Als Kind habe ich ihn immer wieder an Wochenenden ins Büro begleitet. Bloss: Ich habe mich nicht wirklich für sein Labor interessiert. Mich faszinierte die elektrische IBM-Schreibmaschine und das übergrosse Xerox-Kopiergerät. Damit habe ich auf Staatskosten meine ersten Zeitschriften produziert. Die ich dann recht erfolglos in der Primarschule meinen Mitschülern verkaufen wollte. Walter war so gesehen mein wichtigster Förderer. Er hat mir den Boden geebnet, um dann meinen eigenen Weg gehen zu können. Er hat mir das Kopiergerät erklärt, aber bedienen musste ich es selber. Wie mit mir, so war er auch mit deinen Mitarbeitern, mit den Studenten, mit befreundeten Alpinisten. Walter hat so vielen Personen den Weg geebnet. Das ist ein ganz besonderes Vermächtnis.
Vertrauen führt zu Verantwortung
Aber meine Kindheit fand nicht etwa in Walters Büro statt. Vielmehr draussen in der Natur. Ich mag mich dabei an eine Szene erinnern. Wir bestiegen den Chistenstein in Graubünden. Das war leichte Kletterei, aber ich war noch ein Kind. Und: Wir gingen ungesichert ohne Seil. Das gab dann am Abend hitzige Debatten. Ich mag mich erinnern, wie stolz ich war, dass Walter mir vertraut hat. Walter war kein Helikoptervater, der uns vor allem Möglichen und Unmöglichen schützen wollte. Auf diese Weise hat er uns den Umgang mit Risiken näher gebracht und gezeigt, was Eigenverantwortung heisst.
Viel später haben wir dann gemeinsam den Piz Palü bestiegen. Wir sind zusammen bis auf den Ostgipfel. Danach habe ich alleine die Überschreitung zu den beiden anderen Gipfel gemacht. Ich überschritt den exponierten Grat alleine und ungesichert, er hat zugeschaut. Das tönt fahrlässig. Ich sehe das anders: Er hat mir voll vertraut. Walter wusste, dass ich für mich Verantwortung übernehmen kann. Dieses Vertrauen hat mich dann viele Jahre später mehr geprägt, als uns damals bewusst war. Ich habe das Studium abgebrochen und Ride gegründet. Das war erneut Klettern ohne Seil. Aber ich wusste, wie das geht.
Die gemeinsame Zeit auf Bergtouren waren rückblickend leider recht kurz. Denn bei mir war da plötzlich dieses Mountainbike, das meine Form des Alpinismus neu definierte. Mit dem Mountainbike ist in mir aber etwas erwacht, das ich von Walter abgeschaut habe: die Leidenschaft. Und es ging mir dabei ähnlich wie ihm. Leidenschaft bedeutet nicht Selbstverwirklichung. Leidenschaft ist erst dann wertvoll, wenn man sie teilen kann. Walter hat diese Leidenschaft seinen Studenten, Forscherkollegen und Bergfreunden weitergegen. Ich tue es ihm jetzt als Herausgeber von Ride gleich. Ich weiss, auf dieses Magazin war er immer enorm stolz. Nicht weil es so gut aussieht. Sondern weil er wohl erkannt hat, wie ich auf diese Weise meine Leidenschaft mit so vielen anderen Menschen teile. Genau wie er.
Leidenschaft als Geschenk
Ich habe meine Leidenschaft aber nicht nur all meinen Lesern weitergeben, sondern irgendwann auch ihm. Als das Klettern und Bergsteigen für Walter schwieriger wurden, ist er zum angefressenen Mountainbiker geworden. Zu seinem 75. Geburtstag haben wir ihn dann ein bisschen gegen seinen Willen ein E-Bike geschenkt. Es war nachträglich gesehen vielleicht das schönste Geschenk, das wir ihm machen konnten. Denn wir schenkten ihm nicht ein Fahrrad, sondern eine neue Leidenschaft.
Zu deinem 80. Geburtstag sind meine Schwester und ich in Zermatt mit ihm aufs Oberrothorn und dann mit dem Mountainbike über den Europaweg nach Täsch. Für jene, die diese Route nicht kennen: Hier kommt auch manch Zwanzigjähriger an seine Grenzen. Ich kann mir rückblickend kein besseres Erlebnis vorstellen als diese gemeinsame Bike-Tour. In Zermatt hat sich die Szene am Chistenstein aus der Kindheit quasi mit umgekehrten Vorzeichen wiederholt. Was für ein schöner Bogen!
Es war dann Anfang November für mich ein bitterer Anblick, Walter ans Bett gefesselt zu erleben. Was mir half war der Blick zurück. Ich wusste, dass er sein Leben ausgekostet hast. Wer soviel Leidenschaft gelebt hat, darf im Guten gehen. Auf seinem Telefon habe ich dann ein Foto entdeckt von einem Plakat, auf dem steht: «Es geht nicht darum, dem Leben mehr Jahre zu schenken. Sondern den Jahren mehr Leben.» Nichts taugt besser als Sinnbild für sein Leben.
Als Naturwissenschaftler wiederum war für Walter immer klar: Es gibt kein Leben nach dem Tod. Ich sehe das genau gleich. Diese endgültige Vergänglichkeit macht mir den Abschied von ihm nicht einfacher. Dafür hinterlässt er ein Vermächtnis, das ich immer in mir tragen werde: die Leidenschaft. Walter lebt so auf jedem Bike-Trail, auf jeder Gipfelbesteigung und in jeder Pulverabfahrt in mir weiter. Diese verbindende Leidenschaft ist das grösste Geschenk, das er mir machen konnte.
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