Trag ihm Sorge: Der Daumen ist dein Anker am Lenker | Ride MTB

Trag ihm Sorge: Der Daumen ist dein Anker am Lenker

Daumen Belastung Mountanbike

Foto: Gemini

Der Daumen ist als Emoji zwar zu grosser Prominenz gelangt, viele Mountainbiker sind sich aber nicht bewusst, wie wichtig diese zwei Finger für sie sind. Ob sie auch besonders gefährdet sind, und was wir für gesunde Daumen tun können, erklärt Patrick Noack, Leiter Medical Team von Swiss Cycling und Arzt am Swiss Olympic Medical Center.

Welche Körperteile sind besonders wichtig, um Mountainbike fahren zu können? Je nach Perspektive rückt eine andere Region ins Zentrum. Die Füsse halten uns auf den Pedalen, die Hände am Lenker, die Arme federn, was die Dämpfung am Bike nicht schluckt, Rücken und Rumpf sind zentral, um das Gleichgewicht und generell eine stabile Position zu halten. Der wichtigste Muskel, werden andere argumentieren, ist das Gehirn, das aufgrund des Bilds, das die Augen einfangen und den Signalen des Gleichgewichtsorgans dem Körper die entscheidenden Befehle gibt.

Ein Unfall hat mich dazu gebracht, mich über ein Körperteil schlau zu machen, an dem ich bisher noch nicht sehr oft herumstudiert habe: der Daumen. Jeder, der sich diesen schon ernsthaft verletzt hat, weiss, ohne wird es schwierig Dinge richtig zu greifen. Zum Beispiel den Lenker auf ruppigen Abfahrten.

«Der Daumen macht aus der Hand gewissermassen eine Klammer», erklärt Patrik Noack, Verbandsarzt von Swiss Cycling und Sportarzt im Swiss Olympic Medical Center. Und so kräftig der dickste Finger einer Hand wirkt, wenn es dumm läuft, hält er der Belastung nicht stand, was dann eine längere Bikepause zur Konsequenz hat. Ist der Daumen das unterschätzte Körperteil der Mountainbikerinnen, die Achillessehne der Gravity-Jünger?

Die Suva, die in der Schweiz Arbeite und Freizeitunfälle versichert, hat die Zahlen dazu. Handgelenke, Hände und Finger sind nicht selten betroffen, wenn sich Mountainbiker verletzen, jedoch nicht so oft, wie Oberarme und Schultern. Zwischen Handgelenk und Fingerkuppen muss der Daumen mehr als die Hälfte der Verletzungen verdauen.

Sollten wir also unsere Daumen gezielt kräftigen, was können wir zur Prävention von Daumenverletzungen tun und droht uns im Alter Arthrose angesichts der Belastung, die die Daumen am Lenker aushalten müssen? Patrik Noack beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist der Job der Daumen beim Biken, speziell bergab auf ruppigen Trails?

Der Daumen macht aus der Hand gewissermassen eine Klammer. Die vier Finger ziehen auf der einen Seite des Lenkers, der Daumen bildet auf der anderen Seite das Widerlager. Dadurch entsteht ein geschlossener Griff. Gerade beim Downhill ist das entscheidend. Der Fahrer muss Bremskräfte, Schläge und Drehmomente am Lenker kontrollieren und gleichzeitig mit Zeige- beziehungsweise Mittelfinger bremsen. Der Daumen trägt deshalb wesentlich zur Stabilität des Griffs bei, auch wenn die eigentliche Griffkraft nicht allein aus dem Daumen kommt.

Ein guter Biker versucht, den Lenker nur so fest wie nötig zu halten. Zu viel Griffspannung ermüdet Unterarm und Hände und verschlechtert die Feinmotorik. Technisch gute Fahrer absorbieren einen grossen Teil der Schläge über Arme, Schultern, Beine und die Bewegung des Bikes, statt alles mit den Händen festzuhalten.

Sind Daumen dafür von Natur aus stark genug, oder trainieren Profis sie speziell?

Für einen gesunden Menschen ist der Daumen grundsätzlich sehr gut für diese Aufgabe konstruiert. Seine Stärke liegt weniger in einem einzelnen besonders kräftigen Muskel als im Zusammenspiel zahlreicher Muskeln und stabilisierender Bänder sowie seiner Oppositionsfähigkeit, also der Möglichkeit, den Fingern gegenübergestellt zu werden.

Ein isoliertes „Daumentraining“ gehört meines Wissens nicht zum Standardtraining von MTB-Profis. Trainiert werden eher Griffkraft, Unterarmmuskulatur, Handgelenksstabilität und die gesamte obere Extremität. Das trainiert den Daumen automatisch mit.

Wie stark werden Sehnen, Gelenke und Knochen des Daumens belastet – kannst du einen anschaulichen Vergleich machen?

Beim normalen Fahren hält der Daumen einen ständig vibrierenden und immer wieder ruckartig bewegten Gegenstand fest. Das ist eine lange, repetitive Belastung. Beim Sturz ändert sich die Situation schlagartig. Bleibt der Daumen am Lenker hängen oder wird er gewaltsam abgespreizt, können innerhalb eines Sekundenbruchteils Kräfte auftreten, für die Gelenk und Bänder nicht ausgelegt sind. Dann entsteht der klassische Mechanismus einer Verletzung des ulnaren Seitenbandes am Daumengrundgelenk, umgangssprachlich auch „Skidaumen“ genannt. Bei höherer Energie können statt beziehungsweise zusätzlich zum Band auch Knochen oder Gelenkflächen verletzt werden.

Ist der Daumen die Achillesferse des Mountainbikers?

Ich würde ihn nicht so bezeichnen. Die Hand als Ganzes ist exponiert, aber der Daumen ist nach den vorhandenen epidemiologischen Daten kein herausragender Einzel-Hotspot. Das zeigt eine grosse aktuelle Verletzungsüberwachung im Nachwuchs-MTB-Sport sehr deutlich. Über fünf Saisons waren Hand/Handgelenk mit 23,2 Prozent aller Verletzungen die häufigste Körperregion, praktisch gleichauf mit Kopf/Gehirn mit 23,0 Prozent. Schulter/Schlüsselbein folgten. Die Studie unterscheidet aber nicht ausreichend fein, um daraus eine belastbare Häufigkeit speziell für den Daumen abzuleiten.

Bei Elite- und Freizeitfahrern sind zudem obere und untere Extremitäten insgesamt häufig betroffen. Downhill weist erwartungsgemäss ein höheres Verletzungsrisiko als Cross-Country auf. Eine systematische Übersichtsarbeit über 17 MTB-Studien kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die oberen Extremitäten besonders häufig verletzt werden. Brüche spielen dabei eine relevante Rolle.

Die Suva-Statistik der Verletzungen beim Mountainbiken zeigt: Nur Oberarme und Schultern sind noch häufiger betroffen als Handgelenke, Hände und Finger.

Wie häufig sind Daumenverletzungen bei MTB-Rennfahrern?

Hier würde ich vorsichtig sein. Eine belastbare Zahl speziell für den Daumen kann ich aus der verfügbaren Literatur nicht ableiten. Man kann gut belegen, dass Hand- und Handgelenksverletzungen beim Mountainbiken häufig sind. Man kann daraus aber nicht seriös schließen, dass beispielsweise jeder zehnte Rennfahrer irgendwann seinen Daumen verletzt. Eine Studie mit 765 MTB-bedingten Notfallkonsultationen und 1079 Einzelverletzungen fand zahlreiche Handverletzungen, wobei Mittelhandknochen und deren Gelenke besonders häufig betroffen waren.

Bei den Downhill-Weltmeisterschaften 2023 verletzten sich innerhalb von fünf Tagen 10,4 Prozent der 230 untersuchten Elitefahrer mindestens einmal. Auch diese Studie liefert aber keine Grundlage für eine spezifische Daumen-Inzidenz.

Aus persönlicher Erfahrung würde ich nicht sagen, dass der Daumen an der Hand der meistverletzte Finger ist.

Wenn es zu einer Daumenverletzung kommt, sind dann eher Bänder, Sehnen oder Knochen betroffen?

Typische relevante Verletzungen würde ich in drei Gruppen einteilen: 
·      Bandverletzungen, insbesondere das ulnare Kollateralband des Daumengrundgelenks („Skidaumen“)
·      Frakturen, etwa an den Daumengliedern oder am ersten Mittelhandknochen, einschließlich Gelenkfrakturen
·      Luxationen beziehungsweise Gelenkverletzungen. 
·      Sehnenverletzungen sind ebenfalls möglich, stehen bei einem typischen MTB-Sturz aber nicht an erster Stelle.

Ob bei Mountainbikern insgesamt Bandverletzungen oder Frakturen häufiger sind, lässt sich anhand der derzeit verfügbaren MTB-Daten nicht seriös beantworten, weil die Studien den Daumen meist nicht separat ausweisen.

Droht durch jahrzehntelanges Biken Arthrose im Daumen?

Dafür sehe ich derzeit keine überzeugenden Daten, die intensives Mountainbiken als eigenständigen Risikofaktor für Daumenarthrose belegen. Das sollte man von akuten Verletzungen trennen. Ein schwer verletztes Gelenk, beispielsweise eine Gelenkfraktur oder Luxation, kann langfristig das Risiko einer posttraumatischen Arthrose erhöhen.

Chronische Beschwerden der Hand beim Radfahren sind durchaus bekannt. Ein klassisches Beispiel ist allerdings nicht der Daumen, sondern eine Druckschädigung des Ulnarisnervs an der Hand, die sogenannte Handlebar Palsy oder Lenkerlähmung.

Sollten Freizeit-Biker ihre Daumen trainieren?

Für einen beschwerdefreien Fahrer würde ich kein isoliertes Krafttraining nur für den Daumen zur Pflicht erklären. Sinnvoller ist ein umfassendes Training von Griffkraft, Unterarm, Handgelenk, Schultergürtel und Rumpf. Ebenso wichtig ist Ermüdungsresistenz. Ein Fahrer muss den Lenker auch am Ende einer langen 
Abfahrt noch kontrollieren können, ohne sich daran festzuklammern.

Nach einer Daumenverletzung sieht es anders aus. Dann gehören Beweglichkeit, Kraft, Koordination und Stabilität des Daumens gezielt in die Rehabilitation – abgestimmt auf die konkrete Verletzung und gegebenenfalls mit Handtherapie oder Physiotherapie.

Was kann man sonst zur Prävention tun?

Der vielleicht wichtigste Punkt ist Fahrtechnik. Nicht mit maximaler Kraft klammern, eine aktive Position auf dem Bike halten und Schläge über Arme und Beine aufnehmen. Dazu kommen eine passende Cockpit-Einstellung wie Lenkerbreite und -rotation, Griffdurchmesser sowie Position und Reichweite der Bremshebel und gut passende Handschuhe. Bremshebel sollten so eingestellt sein, dass man zuverlässig mit einem oder zwei Fingern bremsen kann, ohne den sicheren Griff um den Lenker unnötig aufzugeben.

Bei einem Sturz ist die Sache schwieriger. Der Instinkt, sich mit der Hand abzufangen, ist enorm stark. Gleichzeitig kann ein Daumen verletzt werden, wenn die Hand den Lenker noch umschliesst und der Daumen gewaltsam abgespreizt oder verdreht wird. Deshalb lassen sich solche Verletzungen nicht vollständig verhindern.

Wie würdest du Bedeutung und Gefährdung des Daumens für Biker zusammenfassen?

Der Daumen ist beim Mountainbiken biomechanisch enorm wichtig, epidemiologisch aber nicht als besondere „Achillesferse“ belegt. Die exponierte Einheit ist vielmehr Hand und Handgelenk. Und ein schwerer Schaden am Daumen entsteht nicht durch die tausenden normalen Schläge während den Abfahrten, als durch einen ungünstigen Kraftimpuls beim Sturz.