Red Bull Rampage: Wann ist genug genug? | Ride MTB

Red Bull Rampage: Wann ist genug genug?

Vor über zehn Jahren stellte ich in meinem Blog die Frage, wie weit die Red Bull Rampage gehen darf. Die Antwort blieb offen. Heute sitzt nach einem weiteren Rampage-Crash Adolf Silva im Rollstuhl. Dazwischen liegen unzählige spektakuläre Runs und weitere schwere Stürze. Vielleicht ist es Zeit, die Frage neu zu stellen: Wann ist genug genug?

Die Red Bull Rampage gehört zum Mountainbiken wie kaum eine andere Veranstaltung. Sie fasziniert, sie polarisiert und sie treibt den Sport voran. Und ja, auch ich werde wieder – widerwillig aber sensationsgetrieben – vor dem Bildschirm sitzen und staunen, wenn sich die besten Freerider der Welt die Felswände Utahs hinunterstürzen.

Ein Ende der Rampage zu fordern, wäre deshalb zu einfach. Aber genauso einfach wäre es, jeden schweren Unfall als unvermeidbaren Bestandteil des Freeridens abzuhaken.

Vor elf Jahren schrieb ich an dieser Stelle über den Zirkus Maximus des modernen Extremsports. Anlass war Paul Basagoitia. Ein kleiner Fehler bei der Rampage 2015 genügte. Er brach sich einen Brustwirbel, verletzte das Rückenmark und war zunächst von der Hüfte abwärts gelähmt. Später lernte er wieder gehen und Fahrrad fahren.

Zehn Jahre später folgte die nächste brutale Erinnerung. Adolf Silva versuchte bei der Rampage 2025 einen doppelten Backflip über einen gewaltigen Drop, rotierte zu wenig und schlug schwer ein. Mehrere Wirbel waren gebrochen beziehungsweise verschoben, dazu kamen ein gebrochenes Brustbein und sechs gebrochene Rippen. Silva verlor das Gefühl unterhalb der Brust und sitzt heute im Rollstuhl.

Glück darf kein Sicherheitskonzept sein

Dazwischen gab es genügend Warnschüsse. Graham Agassiz zertrümmerte sich 2016 bei einem missglückten 360er das Becken. Gee Atherton flog im Jahr 2023 nach dem Versuch eines gigantischen Drops mit dem Helikopter ins Krankenhaus. Gebrochene Wirbel und Schädelfrakturen waren die Folge. Dass solche Stürze nicht noch häufiger mit einer Querschnittlähmung oder schlimmer enden, ist nicht nur Können. Es ist manchmal schlicht Glück. Und genau da beginnt das Problem.

Die Rampage soll nicht verschwinden. Aber sie muss sich fragen, welche Art von Progression sie belohnt. Heute fliessen Linienwahl und Schwierigkeit, Tricks und Stil, Flüssigkeit und Kontrolle sowie die Grösse der Sprünge in die Bewertung ein. Wer gewinnen will, braucht also nicht bloss die technisch anspruchsvollste Linie. Spektakuläre Airtime gehört zum Spiel. Vielleicht wäre genau hier der wichtigste Hebel.

Warum muss der nächste Drop noch höher und der nächste Sprung noch weiter sein? Warum nicht technische Schwierigkeit stärker belohnen? Eine haarsträubend steile, natürliche Linie, bei der jeder Zentimeter Präzision verlangt, kann fahrerisch anspruchsvoller sein als ein nochmals grösserer Sprung. Schwierigkeit muss nicht automatisch Höhe bedeuten. Und Schwierigkeit muss nicht bedeuten, dass der Sturzraum nicht vorhanden ist.

Auch beim Schutz darf die Rampage konsequenter werden. Ein Rückenprotektor verhindert keine Querschnittlähmung und macht einen Sturz aus zwanzig Metern nicht harmlos. Trotzdem wirkt es angesichts der möglichen Konsequenzen befremdlich, dass Fahrer bei einem der gefährlichsten Mountainbike-Events der Welt teilweise auf umfassenden Oberkörperschutz verzichten. Ein verbindlicher Mindeststandard wäre zumindest ein Zeichen, dass Sicherheit nicht vollständig der Show untergeordnet wird.

Die Rampage soll bleiben

Freeride lebt vom Risiko. Wer dieses komplett beseitigt, beseitigt auch einen Teil dessen, was diesen Sport ausmacht. Niemand verlangt Fangnetze an jedem Drop oder Schaumstoffmatten in der Wüste Utahs. Will man das Risiko komplett beseitigen, dürfte die Rampage nicht mehr stattfinden, ja nicht mal mehr Downhill-Weltcups. Und das wäre ebenso undenkbar.

Aber Progression muss nicht zwangsläufig bedeuten: höher, weiter, schneller. Die Rampage hat den Mountainbike-Sport über zwei Jahrzehnte geprägt. Vielleicht besteht ihre nächste grosse Leistung nicht darin, den noch grösseren Sprung hervorzubringen. Sondern darin, zu zeigen, dass sich Freeride weiterentwickeln kann, ohne dass irgendwann jemand den ultimativen Preis für unsere Unterhaltung bezahlt.

Denn diese Möglichkeit ist da. Und spätestens dann wäre die Frage «Wann ist genug genug?» zu spät gestellt.

Hohes Tempo und kopfüber hoch über dem Boden, solche Sprünge faszinieren an der Red Bull Rampage. Die Konsequenzen eines Sturzes können aber verheerend sein.