Enduro, wo hast du dich verloren?
Ach Enduro, du warst mal eine richtig coole Rennsportdisziplin. Nicht falsch verstehen, du bist es in vielerlei Hinsicht immer noch. Aber auf der grossen Rennsport-Weltbühne hast du deutlich an Strahlkraft verloren. Ich blicke zurück ins Jahr 2013, dich gab es aber schon vorher, und so hole ich etwas weiter aus. Unsere erste Begegnung hatten wir im Jahr 2006, an einer Art Mountainbike-Rallye im Rahmen des Roc d’Azur im Süden Frankreichs. Seither hat sich unglaublich viel verändert. Du hast dich damals etwa so rasant entwickelt, wie es der Gravelsport heute tut. Und die Euphorie, die dieser aktuell ausstrahlt, das war genau deine Ausstrahlung damals – rund um das Jahr 2013.
Es war auch das Jahr, in dem die Disziplin klarer definiert wurde und mit dem Auftakt der Enduro World Series in der Toskana, in Punta Ala, ihren ersten grossen Höhepunkt erlebte. Alle wollten dabei sein, ihre Zeilen in dieser neuen Geschichte schreiben. Mit diesem allerersten EWS-Rennen zogst du Grössen wie Greg Minnaar, Nicolas Vouilloz, Anne-Caroline Chausson oder Tracy Moseley an – und mit ihnen rund zehn weitere Weltmeister aus verschiedensten Mountainbike-Disziplinen. Ja, sogar ich durfte mich dazuzählen. Wie die meisten der fast 500 Teilnehmer hatte ich nichts mit dem Rennausgang zu tun. Die Euphorie, an dieser allerersten Ausgabe dabei gewesen zu sein, war jedoch unbeschreiblich. Diese Euphorie trugen Fachmedien in Form cooler Fotostorys hinaus in die Welt und entfachten das Feuer bei den Rennsport-Fans. Selbst wenn du eine eher wenig zuschauerfreundliche Sportart bist – dein Vibe wurde dank der Medien weltweit spürbar.
Während ich nur vereinzelt die Begegnung mit dir suchte, reisten andere dank dir um die Welt und bestritten Rennen um Rennen, Stage um Stage gegen die Uhr. Sie erlebten grossartige Tage auf ihren Bikes, steckten Stürze weg, schlossen langjährige Freundschaften, halfen sich gegenseitig bei Defekten zwischen den Etappen und entwickelten den hochgelobten «Spirit of Enduro». Ja, dieser wurde später von einigen Marken als Marketingslogan stibitzt, doch dieser Spirit war so echt wie der Enduro-Rennsport selbst.
Deinen Höhepunkt mit der World Series hattest du um das Jahr 2016 herum. Du warst eingespielt, deine Rennen auf der ganzen Welt verteilt. Sie waren lang, anspruchsvoll und knüppelhart. Und trotzdem hatten viele Enduro-Athleten auch nach sieben oder acht Stunden Renntag noch ein breites Grinsen im Gesicht – von März in Chile bis Oktober in Finale Ligure. Wohl auch deshalb widmen aktuell viele ehemalige Enduro-Racer genau diesem Jahr einen fetten Instagram-Post. Fast immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Früher war zwar nicht alles besser – aber vieles fühlte sich richtiger an.
In den darauffolgenden Jahren hast du dich stärker verändert als je zuvor. Deine Macher verlangten von den Teams zunehmend hohe Beträge, um sich Enduro World Series Team nennen zu dürfen. Wir Weekend Warriors mussten entweder Qualifikationsrennen bestreiten oder uns mit den Hobby-Kategorien EWS100 oder EWS80 zufriedengeben. Nein, das war nicht dasselbe, auch wenn diese Veränderung vielleicht teilweise notwendig war. Viel schlimmer aber war etwas anderes: Man wollte aus dir etwas machen, das du nie warst.
Lieber Enduro, du bist wie die Rallye im Automobilsport: hart, komplex, fordernd und unglaublich faszinierend. Aber Rallye ist nicht die Formel 1. Und genauso wirst du nie die Stufe von Cross Country oder Downhill erreichen. Und das ist völlig in Ordnung. Deine Fans lieben dich so, wie du bist. Hätten das deine Macher doch bloss erkannt. Stattdessen wurdest du in die UCI Mountainbike World Series integriert und damit unter das Dach von Warner Bros Discovery Sports gestellt. Und dort geht es um Geld. Um viel Geld. Geld, das im Enduro-Rennsport in dieser Form schlicht nicht vorhanden ist. Und anstatt ein gesundes, finanzierbares Mikroklima für Fahrer und Teams zu schaffen, wurdest du regelrecht gemolken. Das Resultat kennen wir beide: fünf offizielle Weltcup-Teams – was für ein Jammer!
Weisst du, Enduro, das schmerzt mich. Nicht aus Nostalgie, sondern weil ich überzeugt bin, dass es anders gegangen wäre. Und trotzdem sehe ich einen Funken Hoffnung. Einzelne Rennen wurden zuletzt wieder so gestaltet, wie sie einst waren: lange Tage auf dem Bike, echte Prüfungen für komplette Athleten. Und ja, ich glaube auch, dass du weiterhin eine offizielle Weltcup-Serie haben kannst. Aber nur, wenn du den Mut hast, wieder mehr du selbst zu sein. Vielleicht bedeutet das, dich von Warner Bros Discovery Sports zu lösen. Vielleicht bedeutet es, kleiner zu werden, um wieder glaubwürdiger zu sein. Sicher aber bedeutet es, dich nicht länger verbiegen zu lassen.
Lieber Enduro, du warst nie dafür gemacht, maximal zu sein. Sondern ehrlich. Und genau darin lag und liegt deine grösste Stärke.