Enduro: vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind
Nur mehr fünf Teams haben sich für den UCI Enduro-Weltcup 2026 (EDR) registriert. Im Jahr zuvor waren es immerhin noch zwölf. Und auch das Label «Weltcup» scheint etwas hoch gegriffen, angesichts von nur mehr vier mitteleuropäischen Ländern – Frankreich, Italien, Österreich und die Schweiz – auf die sich die insgesamt sechs Rennen verteilen. Zum Vergleich: 2022 umfasste der Rennkalender der damals noch Enduro World Series (EWS) genannten Rennserie noch elf Rennen, inklusive dem Format «Trophy of Nations» sogar zwölf, auf drei Kontinenten in zehn Ländern. Was ist in diesen vier Jahren passiert?
Die UCI
Ein oft ins Treffen geführter Grund für den raschen Abstieg des Enduro-Weltcups soll die Übernahme der Rennserie durch den Radsport Weltverband (UCI) sein. Ab 2023 firmierte die Rennserie nämlich unter dem Dach der UCI MTB World Series, statt wie bisher als eigenständige Serie organisiert zu werden. Mit diesem Wechsel gingen auch die Übertragungsrechte der Rennen an den UCI-Partner Warner Bros Discovery. Statt der genannten elf bzw. zwölf Rennen 2022, waren es in der Saison 2023 dann plötzlich nur mehr sieben Rennen in vier Ländern – aber immerhin noch zwei Kontinenten, da man zwei Stopps in Australien beibehielt. In Europa wurde nur mehr in Frankreich, Italien und Österreich gefahren.
Vom Ausverkauf des Enduro-Sports wurde damals gesprochen, den der Gründer der EWS, Chris Ball, mit der Übernahme durch die UCI zu verantworten habe. Ball hatte die EWS 2012 gegründet, im Jahr 2013 fanden die ersten Rennen statt. Er war zwar das Gesicht des Sports, hinter der EWS standen allerdings mehr Menschen als alleine Ball. Viele meinen den Anfang vom Ende schon vor der UCI-Übernahme festzumachen. Nämlich 2019/2020, als man auf der EWS die Profis von den Amateuren trennte – was aus organisatorischen Gründen nötig wurde. Doch damit ging ein wichtiger Teil des «Spirit of Enduro» verloren. Und zwar die Möglichkeit, zusammen mit seinen Idolen Rennen zu fahren.
Die Medien
Seit jeher hatte der Enduro-Rennsport mit dem Problem der Medialisierung zu kämpfen. Ein Rennen, das über mehrere Stages verläuft und wo die Action zeitgleich an verschiedenen Orten passiert, ist nur schwer live zu übertragen. Die Versuche, dem entgegenzuwirken waren vielfältig. Man probierte es mit Zusammenfassungen im Anschluss, was aber nicht die Spannung des live Mitfieberns ersetzen kann. Das Live-Timing zu beobachten hat zwar bis zur UCI-Übernahme halbwegs funktioniert. Doch es bedarf schon besonderer Hingabe zum Sport, um sich daran zu ergötzen.
Auch für Zuseher vor Ort war es immer etwas schwierig, die Spannung eines Rennens mitzuerleben. An ikonischen Plätzen, wie etwa in Finale Ligure, kam Stimmung auf, weil sich die Zuseher dort versammelten und die vorbeirasenden Fahrer anfeuerten. Im Zielgelände eines Enduro-Rennens war von Stimmung aber immer eher wenig zu spüren, vergleicht man den Sport etwa mit Downhill- oder XC-Rennen. Im Vorjahr versuchte man das zum Beispiel in La Thuile mit einer spektakulären Night-Stage zu ändern. Immerhin ein Versuch.
In der kommenden Saison verliert der Enduro-Rennsport mit Jack Moire und Ed Masters zudem zwei Video-Blogger und Fahrer, die mit ihren YouTube-Videos von den Rennen Enduro-Fans begeistern konnten. Zumindest mehr, als es die offizielle Berichterstattung geschafft hatte. Dieser Verlust wird schmerzlich.
Die E-Bikes
Auch E-Mountainbikes werden von manchen als Grund für die Probleme des Enduro-Weltcups gesehen. Denn sie in die Rennserie zu integrieren, hat nicht den Erfolg gebracht, den sich die Hersteller und Organisatoren erhofft hatten. Zuletzt fanden sich kaum mehr als 30 Starter, bei den Damen wurden manche Rennen überhaupt gestrichen mangels Konkurrenz. Österreichs Anna Spielmann, die sich 2024 noch den Gesamt-Weltcuptitel im E-Enduro geholt hatte, fährt 2026 kein Rennen der Serie mehr, wie sie sagt. Der E-Enduro-Weltcup interessiere die UCI nicht, ist Spielmann überzeugt. Und das spüre man als Athletin. Sie konzentriert sich daher in der heurigen Saison auf die European E-MTB Enduro Tour, die immerhin fünf Stopps umfassen wird. Sowie die von Hersteller Bosch ins Leben gerufene Bosch e-MTB Challenge, die Rennen im Rahmen von Großevents wie dem Bikefestival in Riva del Gards oder bei Crankworx in Whistler bietet.
Die Bike-Hersteller
Weltcup-Teams kosten viel Geld. Sich ein XC-, ein Downhill- und zusätzlich ein Enduro-Team zu leisten, übersteigt die finanziellen Möglichkeiten vieler Bike-Hersteller in Zeiten der Post-Corona-Krise. Vor allem, weil die Werbung, die man durch ein Enduro-Team lukrieren, kann, mangels der zuvor thematisierten Berichterstattung überschaubar ist. Bernhard Kerr, Teammanager von Pivot, hat schon vor zwei Jahren in einem Interview sehr deutlich gesagt, dass ihm Sponsoren ganz offen erklären, mit Enduro-Rennen sei kein Geld zu verdienen. Dadurch wurde das Format zum reinen Kostenfaktor.
Fazit: es ist kompliziert
Woran der Enduro-Rennsport krankt, ist eine Kombination aus ungünstigen Faktoren, wie den genannten. Das Format an sich hat für die Ausübenden weiterhin Charme. Davon zeugen auch die Startlisten vieler Rennen, die nach wie vor weit über 100 Teilnehmer aufweisen. Auch im EDR sind nach wie vor viele Privateers am Start, die den «Spirit of Enduro» hochleben lassen. Wie man diesen Funken auf die Zusehenden überspringen lassen kann, scheint aber noch unklar.
Gerne hätten wir an dieser Stelle auch die Meinung der UCI zur Krise im Enduro-Rennsport und seiner Zukunft publiziert. Doch leider blieben mehrfache Anfragen zum Thema seit Tagen unbeantwortet. Immerhin: Totgesagte leben länger, heißt es. Und wie tot der Downhill-Rennsport bereits war, ist vielen noch in schlechter Erinnerung. Er hat es dennoch geschafft, sich wieder ins Rampenlicht zu katapultieren. Möge Enduro ein ähnliches Comeback gegönnt sein.