Schutz zum Aufblasen: Jetzt erobern Airbags den Mountainbikesport
Vom Auto an den Körper
Airbags sind keine neue Erfindung. Erste Patente für aufblasbare Rückhaltesysteme entstanden bereits in den 1950er-Jahren, ihren Durchbruch schafften sie Jahrzehnte später im Automobil. Heute sind sie dort selbstverständlich und die Grundidee hat längst weitere Einsatzgebiete erobert.
Statt nur innerhalb eines Fahrzeugs schützen Airbags inzwischen direkt am Körper. Sensoren überwachen permanent Bewegungen und Beschleunigungen. Erkennt die Elektronik einen Sturz, bläst sich innerhalb von Millisekunden ein Luftpolster auf. Der entscheidende Vorteil: Während klassische Protektoren permanent getragen werden müssen, kann sich ein Airbag erst dann zum grossflächigen Schutzschild verwandeln, wenn er tatsächlich gebraucht wird.
Motorrad und Ski machen es vor
Besonders weit ist die Entwicklung im Motorrad-Rennsport. Alpinestars sammelt seit 2003 Daten aus dem Strassenrennsport und brachte sein Tech-Air Race System im Jahr 2009 in die MotoGP. Seit dem Jahr 2018 sind Airbags dort für die Fahrer obligatorisch. Sie müssen mindestens Schultern und Schlüsselbein schützen.
Auch der alpine Skisport hat nachgezogen. Im Weltcup sind Airbags in den schnellen Disziplinen Abfahrt und Super-G vorgeschrieben. Die aktuellen FIS-Spezifikationen verlangen zudem, dass das Airbag-System einen Rückenprotektor nach europäischer Norm beinhaltet. Was einst als exotische Zusatztechnik begann, ist damit fester Bestandteil der Schutzausrüstung geworden.
Der Downhill entdeckt den Airbag
Nun erreicht diese Entwicklung den Mountainbike-Rennsport. Bereits seit einiger Zeit arbeitet Dainese an einer Airbag-Lösung für den Downhill. Auch andere Konzepte zeigen, wohin die Reise geht. Das schwedische Unternehmen Airforestry präsentierte beispielsweise ein Helmkonzept mit aufblasbaren Elementen, während das System von Aerobag ein unscheinbares Oberteil bei einem Sturz innerhalb von Millisekunden in eine Protektorenweste verwandelt.
Den bislang konkretesten Schritt macht nun Alpinestars. Der italienische Hersteller hat sein Tech-Air MX mit einem eigenen Downhill-Algorithmus ausgestattet. Seit 2022 wurden dafür Daten von professionellen Mountainbikern gesammelt. Fahrer wie Loïc Bruni und Jordan Williams haben das System bereits im Rennbetrieb eingesetzt.
Alpinestars erkennt den Abflug
Das Tech-Air MX arbeitet vollständig autonom. Sechs Sensoren, darunter ein dreiachsiger Beschleunigungssensor und ein dreiachsiges Gyroskop, analysieren die Bewegungen des Fahrers mehrere hundert Mal pro Sekunde. Der neue Algorithmus soll dabei typische Downhill-Situationen erkennen: Kontrollverlust, Instabilität durch das Gelände oder Bewegungsabläufe, die auf einen bevorstehenden Aufprall hindeuten.
Erkennt das System einen Sturz, wird der Airbag je nach Grösse des Protektors innerhalb von rund 32 bis 45 Millisekunden ausgelöst. Er schützt Schultern, Brust und Rücken. Alpinestars spricht von bis zu 82 Prozent weniger übertragener Aufprallenergie gegenüber einem konventionellen passiven Brustprotektor.
Der Downhill-Modus wird über die Tech-Air-App auf das System geladen. Der Akku hält laut Hersteller bis zu 30 Stunden. Nach einer Auslösung lässt sich die Gaskartusche austauschen, bis zu sechs Auslösungen sind vor einem Service möglich, sofern der Airbag unbeschädigt bleibt. Brust und Rücken verfügen zusätzlich über passive Protektoren.
Zeit für ein Obligatorium?
Damit stellt sich allerdings eine grundsätzliche Frage. Während der Downhill-Sport immer schneller und das Material immer leistungsfähiger wird, hinkt das Regelwerk beim Körperschutz hinterher. Oberkörperprotektoren sind im UCI-Downhill weiterhin kein generelles Obligatorium.
Das steht zunehmend im Kontrast zu anderen Hochgeschwindigkeitssportarten. Die MotoGP schreibt Airbags seit dem Jahr 2018 vor, der alpine Ski-Weltcup inzwischen ebenfalls. Dort hat man nicht gewartet, bis jeder Athlet freiwillig zur zusätzlichen Schutzausrüstung greift, sondern technische Standards definiert und daraus Regeln geschaffen.
Genau diese Chance bietet sich nun auch im Downhill. Systeme von Dainese, Alpinestars und anderen Herstellern zeigen, dass Airbags den Sprung vom Experiment zum einsatzfähigen Produkt schaffen. Noch müssen sich Zuverlässigkeit, Tragekomfort und Praxistauglichkeit langfristig beweisen. Doch wenn sich die Technologie bewährt, sollte die UCI nicht nur über ein Obligatorium für Rückenprotektoren nachdenken. Sie könnte gleich den nächsten Schritt machen und den Airbag zum Standard im Downhill-Weltcup erklären.