Skepsis bis Ablehnung: Das sagen Verbände zur Sport Schweiz Studie
Unabhängig davon, ob wir die 200’000 während der Pandemie-Jahre dazugewonnenen Mountainbiker als Ausreisser ansehen, bleibt der Fakt: Diese Anzahl Menschen war regelmässig auf dem Bike unterwegs und sie ist es vier Jahre später nicht mehr. Ob es die gleichen sind, die schon wieder raus sind, weiss niemand. Die Stichprobe wird bei jeder Durchführung der Studie Sport Schweiz neu gezogen.
Drei Organisationen haben ein vitales Interesse daran, dass viele Menschen in der Schweiz in ihrer Freizeit radfahren. Die Mountainbiker sind zwar nur eine Sparte unter mehreren, jedoch nach wie vor die grösste. Allein die Verkaufszahlen über die letzten zehn Jahre zeigen: Es sind viel mehr auf den dicken Reifen unterwegs als auf schmalen Rennvelopneus. Die Graveler erhalten zwar einen grossen Teil der Aufmerksamkeit, sind aber ebenfalls noch lange nicht so viele wie die Mountainbikerinnen.
Velosuisse glaubt an die Zukunft des Mountainbikes
Rund ein Drittel der verkauften Fahrräder in der Schweiz sind Mountainbikes mit oder ohne Motor. Das ist seit vielen Jahren so. Velosuisse, die Vereinigung der Fahrradhändler in der Schweiz hat deshalb die Studie genau gelesen und weitere Erhebungen herbeigezogen.
«Die Zählstellen zeigen, dass nicht weniger Velo gefahren wir als vor vier Jahren, sondern mehr», sagt Velosuisse-Geschäftsführer Martin Platter. Ein weiteres positives Indiz sei, dass die Werkstätten der Mechaniker ungebrochen stark ausgelastet seien. Auch das spreche für eine rege Nutzung des Velos. «Offenbar betrachtet ein Teil der Velofahrenden die eigenen Fahrten nicht als Sport», interpretiert Platter.
Trotz der grossen Bedeutung, die Mountainbikes im Verkauf nach wie vor haben, betont er: «Unser primäres Anliegen ist, dass möglichst viele Leute möglichst viel Velo fahren.» Die Branche könne mit Produkten Anreize setzen dies zu tun. Als Beispiel nennt er 32-Zoll-Bikes und neue Motorenkonkurrenz aus China und weitere Innovationen, die sich in der Pipeline befänden. «Diese werden sich zeitverzögert auswirken», ist er überzeugt. Das Mountainbike auf dem absteigenden Ast sieht der langjährige Mountainbiker und Mountainbike-Publizist Platter nicht.
Swiss Cycling nimmt die Herausforderung an
Ein grosses Interesse am Mountainbike hat auch Swiss Cycling. Der nationale Sportverband ist verantwortlich dafür, dass die Schweiz stetig neue Athletinnen und Athleten an die Weltspitze bringt. Nicht nur auf dem Mountainbike, sondern auch auf der Strasse, der Bahn und weiteren Schauplätzen. Das Mountainbike ist aber für viele Kinder der Einstieg in den Radsport, auch wenn sie später Strassen- oder Bahnrennen fahren. Zudem hat sich Swiss Cycling auch eine Rolle in der Förderung der Mountainbike-Infrastruktur und dem Breitensport auf die Fahne geschrieben und will diesem Bekenntnis Taten folgen lassen.
Urs Joller ist der neue Bereichsleiter Politik und Infrastruktur bei Swiss Cycling. Zu den Zahlen sagt er: «Wir hatten einen ausserordenltich Peak währen der Pandemie. Da hatten wir die Chance den Leuten die Sportart näher zu bringen. Einige haben wohl wieder aufgehört.» Als möglichen Grund sehen er und der Verband die Infrastruktur. «Viele sind mal mit dem Bike hinaus in die nähere Umgebung. Manchen ist diese wohl relativ schnell wieder langweilig geworden, weil es in ihrer Region wenig Attraktives gibt.» Vielleicht auch inspiriert durch sein Jobprofil sieht Joller in der Infrastruktur einen Schlüssel, um die Mountainbiker bei der Stange zu halten und neue für den Sport zu begeistern.
Ein weiterer Grund, den Sport aufzugeben, sieht er die Ressentiments gegen das Mountainbike. «Menschen werden angegangen, in Situationen, in denen sie keine Gefahr sind und nichts Verbotenes tun. Swiss Cycling erwartet deshalb im Zug der Umsetzung des Veloweggesetzes ein klares Bekenntnis der Kantone zur Koexistenz auch auf Wanderwegen. «Wenn man nur in den Ferien auf attraktiven Wegen fahren kann, ist es ein teures Hobby», erklärt er. Zugleich sieht er das Veloweggesetz, das die Kantone mit unterschiedlicher Intensität umsetzen, als Gelegenheit, die es beim Schopf zu packen gelte.
Eine Krise leiten weder Velosuisse noch Swiss Cycling aus den Umfrageergebnissen ab. Dass es Arbeit bedeutet und auch neue Ansätze braucht, damit die Menschen in der Schweiz weiterhin in namhafter Zahl Mountainbike fahren, ist allen klar.
Schweizmobil anerkennt den Biker-Schwund nicht
Schweizmobil hält fest, dass die Resultate gar nicht vergleichbar seien, da die Stichprobe der 2022 publizierten Studie Sport Schweiz Light mit 2130 sehr viel kleiner sei als jene der Vollversionen, die 2020 und 2026 veröffentlicht wurden. An diesen nahmen über 15'000 Personen teil. Dazu ist zu sagen, dass auch 2130 Befragte repräsentative Resultate zulassen. Diverse repräsentative Befragungen werden in der Schweiz mit zwischen 1000 und 2000 Teilnehmerinnen durchgeführt.
Ob eine Stichprobe repräsentativ ist, hängt aber natürlich von weiteren Faktoren ab, etwa, ob Alters- und andere Gruppen entsprechend ihren Anteilen an der gesamten Bevölkerung vertreten sind. Schweizmobil erklärt dazu: «Im Vergleich zur Befragung SportSchweiz 2019 sind in dieser Sondererhebung «light» 25-34-Jährige überrepräsentiert und über 60-Jährige unterrepräsentiert, Ausländer:innen deutlich unterrepräsentiert. Zudem: unterschiedliche Erfassung der Sportarten.» Mit SportSchweiz 2019 meint Schweizmobil die 2020 publizierten Ergebnisse, die im Jahr davor erhoben worden waren.
Aus Sicht von Schweizmobil seien nur die mit der gleichen Methode der Stichprobenziehung durchgeführten Studien von 2008, 2014, 2020 und 2026 vergleichbar. Im Vergleich zwischen 2020 und 2026 zeigt sich, dass der Anteil der regelmässig Mountainbikenden nur um 0,1 Prozent abgenommen hat. «In absoluten Zahlen ist dies ein Anstieg von 550'000 auf 585'000 Personen», betont die nationale Fachstelle gegenüber Ride. Zugleich sei der Anteil derjenigen, die Mountainbiken als Hauptsportart bezeichnen, angestiegen, von 2 Prozent auf 2,2 Prozent. Sodann weist Schweizmobil darauf hin, dass sich zwischen den Sprachregionen auffällige Unterschiede zeigen: In der Deutschschweiz ist der Anteil des Mountainbikes um 0,9 Prozent gestiegen. In der französischsprachigen hingegen haben 2,3 Prozent weniger angegeben, regelmässig biken zu gehen, in den italienischsprachigen Landesteilen sogar 4,7 Prozent weniger.
Die nicht vergleichbaren Umfrageresultate sind also nur noch ein Hinweis darauf, dass in den Coronajahren mehr Menschen Mountainbike gefahren sind als davor und danach. Die in jenen Jahren leer gekauften Läden deuten klar darauf hin, dass dem so war. Der Autor dieses Beitrags räumt aber ein, dass sich der Rückgang danach nicht exakt beziffern lässt. Weshalb sich das MTB-Geschehen von der lateinischen in die Deutschschweiz verlagert hat, ist eine andere Frage, die an dieser Stelle nicht vertieft wird.
Keine Antworten von Pro Velo und Imba Schweiz
Pro Velo erklärt auf Anfrage von Ride, dass ihr Fokus klar das Radfahren im Alltag sei, weshalb sie zu der Zahl der Mountainbikerinnen nicht Stellung nehme.
Die Imba Schweiz, die vor Kurzem bekannt gegeben hat, sich künftig auf die internationale Vernetzung mit anderen Trail-Förder-Organisationen zu konzentrieren, hat auf die Anfrage folgerichtig nicht reagiert.