Bremsen ohne Backup: Was passiert, wenn die Technik versagt?
In die E-Klasse baute Mercedes im Jahr 2002 eine elektrohydraulische Bremse ein. Ein Sensor mass, wie fest der Fahrer auf das Bremspedal trat, ein Computer errechnete die Bremskraft, eine elektrische Pumpe baute den Druck auf. Für den Fall eines Ausfalls hatte Mercedes eine Reserve eingebaut: eine gewöhnliche Hydraulik, in der wieder der Fuss den Druck aufbaut. Sie bremste allerdings deutlich schlechter. Der Fahrer musste deutlich kräftiger treten, der Bremsweg wurde länger, und gebremst haben nur noch die Vorderräder. Zwei Jahre später zeigte sich die Schwachstelle: Bei hoher Laufleistung und häufigem Bremsen konnte die Elektronik ausfallen, bei rund zwei von tausend Autos schaltete die Bremse in den Notbetrieb. In diesem Zustand krachte es mehrfach, der Konzern räumte mehrere Unfälle mit Blechschaden ein. Mercedes rief rund 680'000 Autos der E- und SL-Klasse in die Werkstätten, weil die Autos nicht regelmässig im Notbetrieb unterwegs sein dürfen. Ohne diese Reserve hätte der Ausfall der Elektronik den Ausfall der Bremse bedeutet. Die neue Technik versagte, die alte hielt stand.
Shimano liess sich im Jahr 2021 eine elektronische Bremse fürs Fahrrad patentieren. Der Finger am Hebel gibt nur noch das Signal, ein Elektromotor erzeugt die Bremskraft. Den Strom dafür liefert der Akku oder ein Dynamo in der Nabe. Von einem Backup-System, wie es Mercedes eingebaut hatte, ist in den publizierten Patentschriften nichts zu finden. Kaufen kann man die Bremse noch nicht. Zu künftigen Produktentwicklungen bei elektronischen Bremsen gebe es derzeit keine offiziellen Angaben, teilt der Shimano-Importeur Fuchs-Movesa auf Anfrage mit.
Im Jahr 2023 meldete die italienische Firma Raicam eine Fahrradbremse zum Patent an, die auch ohne Strom funktionieren soll. Dafür sorgt eine Feder: Fällt der Strom aus, drückt sie ein Ventil zurück, und der Bremshebel wirkt wieder direkt auf den Bremssattel. Es ist das Prinzip von Mercedes, verkleinert und für das Fahrrad angepasst.
Niemand verlangt eine Reserve
Für die Bremsen an E-Mountainbikes gilt in Europa die Pedelec-Norm, auf die auch die E-MTB-Norm verweist. Geprüft werden Festigkeit, Bremswirkung, Hitzebeständigkeit und gleichmässiges Ansprechen. Ob eine elektronische Bremse eine mechanische Reserve braucht, schreibt keine der beiden Normen vor. Das bestätigt Marcus Schröder vom deutschen Prüflabor EFBE. Die Normen schwiegen sich dazu aus, schreibt er. Eine Lücke im Schutz sieht er darin trotzdem nicht: Die Vorstellung, ein Prüflabor könne nur prüfen, wofür es eine Norm gebe, gehe an der Realität vorbei. Über jeder Produktnorm stehe die Pflicht aller Hersteller, nur sichere Produkte zu verkaufen. Fehle eine passende Norm, müsse der Hersteller selbst dafür sorgen, dass sein Produkt sicher ist. Prüfen lasse sich eine solche Bremse auch ohne Norm, mit einer Risikobeurteilung und mit Fachleuten für funktionale Sicherheit.
Die Pflicht zur Reserve leitet Schröder aus dem Maschinenrecht ab, unter das Pedelecs in der EU fallen. Ab dem 20. Januar 2027 gilt die neue Maschinenverordnung. Sie verlangt, dass weder ein Stromausfall noch ein abgerissenes Funksignal zu einer Gefahr führt. Geschrieben ist das für Maschinen vom Kran bis zur Werkzeugmaschine, ohne ein Wort zum Fahrrad. Schröder nennt die Forderung abstrakt, aber klar ableitbar. Wie die Reserve aussieht, bleibt dem Hersteller überlassen.
Die Lehre aus der Luftfahrt
Die europäischen Zulassungsregeln für Verkehrsflugzeuge verlangen ausdrücklich, dass ein einzelner Fehler nicht zur Katastrophe führen darf, in den USA gilt dasselbe Prinzip: Jedes kritische System braucht also mindestens eine Absicherung. Die Boeing 787 bremst seit Jahren elektrisch, abgesichert durch mehrere Steuergeräte. Was ein einzelner Sensor ohne Absicherung anrichten kann, zeigte die Boeing 737 MAX. In den Jahren 2018 und 2019 stürzten zwei Maschinen ab, 346 Menschen starben. Die Steuerungssoftware verliess sich auf einen einzigen Sensor. Lieferte er falsche Werte, drückte sie die Nase des Flugzeugs immer wieder nach unten. Seither vergleicht sie zwei Sensoren und lässt sich jederzeit übersteuern.
Mercedes liess die Hydraulik unter der Elektronik, Boeing baute der Software einen zweiten Sensor ein. Am Mountainbike fehlt eine solche Vorgabe.
Mercedes liess die Hydraulik unter der Elektronik, Boeing baute der Software einen zweiten Sensor ein. Am Mountainbike liegt ein Backup-System im Ermessen des Herstellers. Auch die heutige Hydraulikbremse fällt aus, wenn Öl austritt oder Luft in die Leitung gerät. Nur kündigt sich das an: Der Druckpunkt wandert, der Hebel kommt näher an den Griff, der Fahrer wird vorgewarnt. Ein elektronischer Ausfall kommt oft ohne Vorwarnung.