Erwin Wildhabers grosses Erbe
Eine Bike-Tour hätte es sein sollen, wie Thomas Frischknecht, Andreas Seeli und Erwin Wildhaber schon unzählige gemeinsam gemacht haben. Mit dem Rad zur Stattbodenalp, dann zu Fuss auf den Chöpfenberg. Doch der Ausflug wurde für die drei zum Horror-Trip. Wildhaber rutschte im Abstieg unglücklich aus, riss Frischknecht und Seeli mit, und allesamt rutschten sie unkontrolliert über mehrere hundert Meter steiles Wiesengelände ab. Wildhaber verlor dabei offenbar das Bewusstssein, stürzte über eine Felswand und zog sich dabei tödliche Verletzungen zu, während Frischknecht und Seeli schwer verletzt zum Stillstand kamen und die Rettungsflugwacht alarmieren konnten.
Neben dem Tod von Burry Stander hat kaum eine andere Tragödie im Mountainbikesport soviel Bestürzung ausgelöst wie der tödliche Unfall von Erwin Wildhaber. Grund dafür war Wildhabers Persönlichkeit: Er galt als eine der symphatischten Personen des Rennzirkus, war stets gut aufgelegt und für ein Spässchen zu haben. Seine Hilfsbereitschaft war grenzenlos, er hätte wohl selbst Nino Schurters härtesten Konkurrenten im Notfall mit ganzer Kraft als Mechaniker zur Seite gestanden. Wildhaber hat eine Freundlichkeit und eine Lockerheit in den Rennsport gebracht wie sonst niemand. Dies ist mit ein Grund, warum sein plötzlicher und tragischer Abgang derart viel Betroffenheit im Mountainbikesport ausgelöst hat.
Es passt zu Erwin Wildhaber, dass er selbst über seinen Tod hinaus den Mountainbikesport prägt. So hat die Schweigeminute vor dem Weltcuplauf in Albstadt seinen «Ziehsohn» Nino Schurter derart aus der Fassung gebracht, dass er im Wettkampf einen Fehler nach dem anderen beging und schliesslich das Rennen statt als Sieger unter «ferner liefen» beendete. In Andenken an seinen Mechaniker wuchsen Schurter in der Folge aber Flügel, und er setzte zu einer Siegesserie an mit dem Gesamtweltcupsieg und dem Weltmeistertitel als Folge. Der Tod Wildhabers hat Schurter einen Extraschub Motivation und Kraft gegeben. Denn nichts anderes als eine Siegesserie hätte sich Erwin Wildhaber als Vermächtnis gewünscht.
Noch eindrücklicher als Schurtes Umgang mit der Tragödie ist die Stärke, die sein Sohn Marcel Wildhaber an den Tag gelegt hat. Es war seine Form der Trauerarbeit, möglichst schnell wieder auf die Rennstrecken zurückzukehren. Denn genau dies hätte sein Vater wohl als letzten Wunsch geäussert. Weniger als einen Monat nach dem tragischen Unfall stand Marcel Wildhaber wieder auf dem Siegerpodest bei Radquer-Rennen und setzte später bei den Eliminatorrennen im Mountainbike-Zirkus nach. Der 28-Jährige gehört heute zu den weltschnellsten Sprintern. Und dies trotz des Schicksalschlages vor genau einem Jahr. Auch er hat in Andenken an seinen Vater zu neuen Kräften gefunden.
Es ist die Eigenart starker Persönlichkeiten, dass sie weit über ihren Tod eine prägende Wirkung haben. Erwin Wildhaber war eine solche. Mit seiner Hilfsbereitschaft, seiner Freundlichkeit und seinem Humor hat er die Rennszene des Mountainbikesports mehr geprägt als alle Medaillenträger, Seriensieger und Superstars zusammen. Der Jahrestag des tragischen Unfalls am Chöpfenberg ist eine passende Gelegenheit, sich dieser Tatsache wieder einmal bewusst zu werden. Und sich Erwin Wildhaber als Vorbild zu nehmen, in der (Mountainbike-)Welt eine positive und fröhliche Spur zu hinterlassen.