Überleben im Renn-Modus: Nathalie Schneitter in Kirgistan | Ride MTB

Überleben im Renn-Modus: Nathalie Schneitter in Kirgistan

Nathalie Schneitter Silk Road Mountain Race

Nathalie Schneitters lernt am Silk Road Mountain Race neue Dimensionen des Durchhaltens kennen.

Foto: Stephen Shelesky

Nathalie Schneitter, Ex-Weltcup-Fahrerin, E-MTB-Weltmeisterin, Cycle-Week-Veranstalterin, Velosuisse-Geschäftsführerin und und und – sie hat ihr Limit gesucht und wohl auch gefunden: am Silk Road Mountain Race in Kirgistan, über 2000 Kilometer und 35’000 Höhenmeter, auf Schotter, Geröll, durch Flüsse und Schneestürme. Ein Wettkampf im Survival-Modus.

«Vom E-Bike-Racing zum Ultracycling zu wechseln, ist wohl eher selten», ordnet Nathalie Schneitter ihr jüngstes Abenteuer ein. Silk Road Mountain Race ist dessen Name; 2056 Kilometer und 35’400 Höhenmeter durch Kirgistan. Auf diesem Abschnitt der Seidenstrasse hat sich seit Marco Polos Abenteuern nicht viel verändert.

Das Format: fixed route, unsupported, single-stage. Wer in Ultracycling-Terminologie nicht so zuhause ist: Die Strecke ist vorgegeben, individuelle Unterstützung ist nicht erlaubt und es gibt keine Etappen mit Pausen dazwischen, sondern nur den einen Start bei Kilometer null, von da an dauert das Rennen, bis das Ziel erreicht ist oder die Wettkämpferin aufgibt.

Nathalie Schneitter hat in den letzten Jahren etwas Erfahrung im Ultracycling gesammelt, das Hope 1000 durch die Schweiz (1000 Kilometer, 31’000 Höhenmeter) in neuer Rekordzeit beendet, beim Ultra-Gravel-Rennen Badlands in Südspanien (600 Kilometer durch die Wüste) neue Dimensionen von Hitze kennengelernt. Doch das Silk Road Mountain Race ist eine andere Schuhnummer.

Tempo vs. Schlaf

Das Höhenprofil sieht aus wie die Skyline einer mittelalterlichen Stadt mit Türmen, Zinnen und Fahnenmasten. Es ist ein einziges Auf und Ab, von unter 1000 auf fast 4000 Meter, mehrheitlich unbefestigt. Nur der GPX-Track zeigt, wo es lang geht, ein Weg ist oft nicht erkennbar. In der tief gelegenen Steppe gehen die Temperaturen über 30 Grad, auf den Bergen fallen sie unter null.

«Velofahren macht glücklich», ist Nathalies Mantra. Im kirgisischen Niemandsland wird es auf eine harte Probe gestellt. Auch deshalb, weil ein beträchtlicher Teil der Strecke nicht fahrbar ist, auch nicht für eine Edeltechnikerin wie die langjährige Weltcup-Fahrerin, die nach ihrer Cross-Country-Karriere Enduro- und E-Cross-Country-Rennen auf höchstem Niveau gefahren ist.

Und obwohl gewisse Situationen in diesem Rennen lebensgefährlich sind, funktioniert sie im Race Mode, wie sie berichtet. Sie bewegt sich in den Top 10 Overall und kämpft mit einer Konkurrentin um die Führung im Ranking der Frauen. «Ich fuhr etwas schneller, sie schlief dafür weniger», fasst sie das Kopfankopf-Rennen zusammen. Konkret gönnt sich Nathalie im Schnitt viereinhalb Stunden Schlaf pro 24 Stunden, ihre Rivalin begnügt sich mit deren drei.

17 bis 21 Stunden pro Tag ist Nathalie in Bewegung, zeigen ihre Strava-Daten. Der Rest geht für Essen auftreiben, schlafen, ein Minimum an Körperpflege drauf. Dass sie am ersten Tag schon nach zwölfeinhalb Stunden Feierabend macht, erklärt sie so: «Der Start war um 9 Uhr und ich bevorzuge einen Schlaf-/Fahr-Rhytmus, der dem Tageslicht entspricht. Die erste Nacht durchzufahren war keine Option.» 

Verpflegung gibts mehrheitlich fahrend. Erlaubt ist die Unterstützung, die allen Teilnehmern offensteht, eine Übernachtung im Hotel etwa oder ein Einkauf im Lebensmittelladen. Nur hat natürlich niemand Zeit, im Hotel zu nächtigen und Läden gibt es auf den 2000 Kilometern nur eine Handvoll. Bei einem Abschnitt von 160 Kilometer ohne Verpflegungsmöglichkeit, geht ihr der Proviant aus. «Drei Riegel waren etwas wenig dafür, musste ich feststellen», erzählt sie. Fehler macht sie viele auf den 2000 Kilometern, weiterfahren tut sie trotzdem, egal was Gelände und Natur ihr vor die Füsse werfen.

Drei Kontrollposten gibt es auf der ganzen Strecke. Dort gab es Verpflegung durch den Veranstalter. Nathalies Bewegungsdaten zeigen, dass sie in einem von ihnen gerade mal 18 Minuten verbracht hat. Ein Foto zeigt sie mit Helm und Bike-Handschuhen beim Essen. Ihr Kommentar: «Zum ersten Mal in meinem Leben ist mein Talent viel und schnell essen zu können hilfreich.» An den beiden anderen Checkpoints habe sie aber rund fünfeinhalb Stunden verbracht, dabei geschlafen, zwei Mahlzeiten verdrückt, geduscht, sich frisch angezogen, das Kontroll-Paperwork erledigt und ihre Vorräte aufgestockt.

Aufgeben? In der Wildnis unmöglich

Praktisch während des ganzen Rennens sind Nathalies Füsse nass, unter anderem weil sie rund 100 Flüsse durchwaten muss. Dabei ist die Nässe das kleinste Problem: «Wenn du da das Bike nicht richtig hältst, und dem Wasser zu viel Angriffsfläche bietest, spült es dich einfach weg.» Eine Kollegin muss deshalb das Rennen aufgeben. Als Treibgut im Strom verletzt sie sich am Knie. Nathalie gerät einmal in die Unterkühlung, weil sie vor lauter Müdigkeit vergisst, sich warm anzuziehen, bevor sie sich für einen Powernap am Wegrand in den Schnee legt. In den wachen Momenten stellt sie die Sinnfrage und weiss, dass ihr in diesem Moment sowieso nichts anderes übrig bleibt, als weiterzufahren durch die menschenleere Wildnis.

Die härtesten Stunden seien aber nicht die mit den Füssen im Wasser sondern jene beim Schieben gewesen. Sieben Stunden lang wuchtet sie ihr Bike die unfahrbare Geröllpiste über den Ukok-Pass, der sie mit einem Schneesturm begrüsst. Um zwei Uhr morgens. Ihr Glück ist, dass sie im Gegensatz zu den meisten anderen Teilnehmern ein Mini-Zelt dabei hat und nicht bloss einen Biwaksack. So bekommt sie auch im Schneetreiben ein paar Stunden Schlaf, während die Konkurrenz in der Plastikhülle schlottert.

Die letzten 255 Kilometer zieht sie in rund 22 Stunden non-stop durch. Die Euphorie des nahen Ziels, sofern man 255 Kilometer Distanz als nah ansehen will, verleihen ihr neue Kräfte, die sie dann auch wieder aufbraucht, weil dieser Schlussabschnitt weitere 6000 Höhenmeter beinhaltet. Zum Vergleich: Die Königsetappe der Tour de France 2026 war 170 Kilometer lang und enthielt 5400 Höhenmeter. Auf Asphalt, nicht über Schotter und Geröll. Und ohne Schnee.

Irgendwie arbeitet sich Nathalies Rennorganismus trotzdem Meter um Meter Richtung Ziellinie. Als Zehnte von 230 gestarteten Frauen und Männern ist sie im Ziel. Und als schnellste Frau. Ihre Rivalin folgt nur einen Rang hinter ihr, aber rund 18 Stunden später.

Zweieinhalb Wochen später spürt sie noch immer nicht alle Zehen, aber sonst habe sie sich gut erholt, meint sie, «auch wenn ich jetzt nicht gerade zum nächsten Rennen starten möchte.» Dafür hat sie dieses Mal genug geschlafen, um nach ihrer Rückkehr direkt wieder richtig arbeiten zu können. Der NZZ hat sie vor Kurzem erzählt, sie habe nach früheren Ultracycling-Rennen zwei Monate gebraucht, bis sie sich wieder konzentrieren konnte, wegen des extremen Schlafmankos, das sie angehäuft hatte.