Alessandra Keller feiert den Sieg in Lenzerheide, Hatherly doppelt nach
Keller verwirklicht Traum
Das Rennen der Elite-Frauen startet hektisch. Einige Fahrerinnen stürzen, darunter Puck Pieterse und Savilia Blunk. Weltmeisterin Jenny Rissveds hält sich von Beginn an aus dem Chaos heraus. Die Schwedin setzt sich leicht ab, bekommt aber bald Gesellschaft von Blunk (USA), die zeitweise die Führung übernimmt, und später auch von Alessandra Keller, die in der dritten Runde aufschliesst.
Blunk fällt in der vierten Runde zurück und bildet mit Laura Stigger (AUT), Evie Richards (GBR) und Samara Maxwell (NZL) die Verfolgergruppe. Bis in die fünfte Runde fahren Keller und Rissveds gemeinsam vorneweg, während Richards die Lücke von rund 30 Sekunden zeitweise halbieren kann.
In der siebten von acht Runden schliesst Richards zu Rissveds auf, nachdem Keller sich abgesetzt hat und allein führt. Doch in der Schlussrunde muss die Britin wegen eines Defekts abreissen lassen und wird am Ende Vierte.
Keller verwaltet ihren Vorsprung von rund 15 Sekunden und gewinnt als erste Schweizerin das Weltcup-Rennen in Lenzerheide, vor Jenny Rissveds und Savilia Blunk. «Es war sehr hektisch zu Beginn, Puck stürzte und ich fuhr fast über sie. Es gab viele Stürze, deshalb fokussierte ich mich auf meine Fahrt und meine Linie. Als ich mich von Jenny absetzte, war ich bis ins Ziel nur noch im Tunnel und nahm fast nichts mehr von aussen wahr. Kurz vor dem Ziel schaute ich mich noch ein paar Mal um, um sicher zu sein, dass ich genügend Vorsprung habe. Dann war ich mega erleichtert und glücklich und liess mich von den Fans lautstark ins Ziel tragen. Es war schon immer ein Traum, hier zu siegen, und jetzt kann ich es noch kaum glauben», freut sich Alessandra Keller.
Rissveds zeigt sich trotz Platz zwei zufrieden: «Ich bin sehr, sehr müde nach all den intensiven Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaften. Hier musste ich sehr tief schürfen und gleichzeitig energiesparend fahren, um mir diesen Podestplatz zu sichern. Ich bin sehr stolz auf meine Fahrt.»
Mit Platz fünf erreicht Laura Stigger ein starkes Resultat, und auch Jolanda Neff zeigt mit Rang zehn, dass weiterhin mit ihr zu rechnen ist. Direkt dahinter klassieren sich Ronja Blöchlinger auf den Plätzen elf und zwölf. Linda Indergand wird bei ihrem letzten Schweizer Auftritt 19. und schwärmt von der Atmosphäre: «Es war unglaublich, eine super Stimmung, die mir das Gefühl gab, ich wäre auf Platz eins unterwegs. Überall hörte ich meinen Namen, es war wunderschön!»
Hatherly wie an der WM – Schurter mit schönem Abschied
Zu Beginn des Männer-Rennens bestimmen die Franzosen Luca Martin, Adrien Boichis und Victor Koretzky das Tempo an der Spitze. Doch ausgerechnet bei Mitfavorit Koretzky zerplatzen die Siegesträume. Der Franzose erleidet in Runde vier einen massiven Laufradschaden, verliert viel Zeit und am Ende sogar zwei Runden.
In derselben Runde schafft Weltmeister Alan Hatherly den Anschluss nach vorne. Dort bleibt der Südafrikaner aber nicht lange und setzt sich in ähnlicher Manier von seinen Kontrahenten ab wie schon an den Weltmeisterschaften vor einer Woche. Dahinter formiert sich eine vierköpfige Verfolgergruppe mit Charlie Aldridge, Boichis, Simon Andreassen und Simone Avondetto.
Hatherly geht mit einem Vorsprung von 1:10 Minuten in die letzte Runde. Als ihm die Kette runterfällt und sich nicht sofort wieder einhängen lässt, schrumpft der Abstand zwar um mehr als 30 Sekunden, doch mit 32 Sekunden Vorsprung fährt er den Sieg in Lenzerheide sicher ins Ziel. «Dass mir die Kette runterfiel, passierte mir noch nie zuvor. Aber solche Dinge können in einem Rennen geschehen. Zum Glück war mein Vorsprung gross genug, sodass meine Führung nicht in Gefahr war», sagt Alan Hatherly und ergänzt: «Der Sieg hier ist besonders für mich. 2018 wurde ich hier U23-Weltmeister, und deshalb wollte ich unbedingt noch einmal in Lenzerheide gewinnen.»
Adrien Boichis freut sich über Platz drei: «Das war ein super Weekend für mich, mit dem zweiten Platz im Short Track und jetzt Platz drei im Cross Country. Es war auch ein sehr tolles Rennen mit Alan Hatherly, dem ich zu folgen versuchte. Und dann noch der Abschied von Nino Schurter. Seit ich Kind war, zählt er zu meinen grössten Idolen, ich habe fast jedes seiner Rennen verfolgt, besonders seinen Sieg hier an den Weltmeisterschaften 2018. Umso schöner, dass die Stimmung jetzt wieder so grossartig war.»
Als bester Schweizer wird Vital Albin auf Platz acht gefeiert. Lange sieht es so aus, als könnten er, Luca Schätti und Fabio Püntener noch den Anschluss an die Top 5 schaffen, doch dafür reicht es nicht mehr. Mit den Rängen acht bis zehn zeigen die drei Schweizer dennoch eine starke Leistung. Albin geniesst die Atmosphäre: «Es war grossartig mit all den Zuschauern hier. Die super Stimmung half definitiv, um besser leiden zu können. Es war ein mega schönes Rennen. Eine Zeit lang dachte ich, die Top 5 lägen noch drin, aber mit Platz acht vor heimischem Publikum bin ich sehr zufrieden.»
Bester Deutscher ist Luca Schwarzbauer auf Platz 15, sein Landsmann Julian Schelb wird 22., zwei Positionen vor Nino Schurter, der vom Publikum mehr gefeiert wird als der Sieger. Grund dafür ist seine herausragende Karriere, die mit dem Weltcup in Lenzerheide endet.
«Es ist wunderschön, diese Atmosphäre noch einmal erleben zu dürfen. Es ist für mich der perfekte Ort, um meine Weltcup-Karriere zu beenden», freut sich Nino Schurter, gesteht aber auch seine Zweifel vor dem Rennen: «Seit der WM fühlte ich mich nicht gut, schlief die letzten drei Nächte schlecht, es waren so viele Emotionen. Rennen fahren und gleichzeitig die Karriere beenden, diese Situation habe ich echt unterschätzt. Heute Morgen hatte ich sogar noch Schiss, zu viel Zeit zu verlieren und es wegen der 80-Prozent-Regel nicht mal ins Ziel zu schaffen. Ich bin dann aber gut ins Rennen gestartet, habe zwischendrin etwas Federn gelassen, dann aber wieder in den Flow gefunden und konnte es sogar richtig geniessen – besser, als wenn ich nochmals vorne gefahren wäre!»
Erster Sieg für Lopez de San Roman
Die Amerikanerin Vida Lopez de San Roman hat in Lenzerheide ihren ersten Weltcupsieg im U23-Cross-Country gefeiert. Die 19-Jährige, die zuvor in Les Gets und bei den Weltmeisterschaften jeweils Zweite geworden war, entschied das Rennen mit einem Angriff auf der Schlussrunde.
Zusammen mit Serienführerin Valentina Corvi (Canyon CLLCTV XCO) hatte sie sich früh vom Feld abgesetzt. Auf der letzten Runde beschleunigte Lopez de San Roman am Anstieg und setzte sich 24 Sekunden von Corvi ab.
Im Kampf um Platz drei setzte sich Sara Cortinovis (Ghost Factory Racing) gegen Marta Cano Espinosa (Trek Future Racing) und Ella Maclean-Howell (Cube Factory Racing) durch.
Lopez de San Roman erklärte: «Es kam wirklich auf die letzte Runde an. Wir waren bis dahin komplett gleichauf. Ich habe auf den Serpentinen attackiert, ein paar Sekunden gewonnen und dann einfach voll durchgezogen.»
Corvi führt die Gesamtwertung zwei Rennen vor Schluss mit 123 Punkten Vorsprung an und kann sich beim nächsten Weltcup in Lake Placid den Titel sichern.
Treudler dominiert Heimrennen in Lenzerheide
Der Schweizer Finn Treudler (Cube Factory Racing) hat in Lenzerheide einen Doppelsieg gefeiert. Nach seinem Erfolg im Kurzrennen am Freitag setzte sich der frisch gekrönte U23-Weltmeister auch im Cross-Country durch.
Der 22-Jährige attackierte früh und fuhr schnell einen deutlichen Vorsprung heraus. Rens Teunissen Van Manen (KMC Ridley MTB Racing Team), Sieger von Val di Sole, verkürzte zwischenzeitlich, musste sich aber mit 34 Sekunden Rückstand mit Rang zwei begnügen.
Um den dritten Platz kämpften die Dänen Heby Gustav Pedersen (Wilier-Vittoria Factory Team) und Mikkel Lose. Pedersen behauptete sich mit sechs Sekunden Vorsprung.
Treudler baute seine Führung im Gesamtweltcup auf 422 Punkte aus und steht damit bereits vorzeitig als Gesamtsieger fest. «Es war ein spezieller Moment, vor diesem Publikum zu starten, die Stimmung war unglaublich», sagte er. «Ich musste heute wirklich hart pushen und bin sehr zufrieden mit meiner Leistung. Nach diesen intensiven Wochen freue ich mich nun auf etwas Ruhe.»