Chaostage beim YT Mob: Weltcup-Team beendet nach Insolvenz die Saison in Eigenregie
Beim letzten Downhill-Weltcup in Lenzerheide fuhr der Ire Oisin O'Callaghan in einem privaten Troy Lee Jersey, das er sich erst kurz vor dem Start in einem örtlichen Bikeshop gekauft hatte. Den Ärmel in den irischen Nationalfarben, den er als amtierender Landesmeister tragen darf, hat er kurzerhand von seinem YT-Teamdress abgeschnitten und mit Sicherheitsnadeln an das neue Leibchen geheftet. «Ich wollte im Rennen keine Marke repräsentieren, die mich nicht bezahlt», erklärt O'Callaghan dazu in einem bemerkenswerten Video, das am Donnerstag auf der kanadischen Plattform Pinkbike veröffentlicht wurde. Erstmals geben in diesem Beitrag Mitglieder des YT Mobs, also des Weltcup Downhill Teams der Forchheimer Marke YT Industries, Einblick in ihre Situation. Und die ist nach der Pleite ihres Arbeitgebers alles andere als rosig.
Die beiden Weltcup-Fahrer Andreas Kolb und Oisin O'Callaghan sowie ihr Teammanager Gunnar Franke sprechen offen über die belastende Zeit, die sie momentan durchleben. Alle drei berichten unisono, dass sie selbst erst über die Pressemitteilung Mitte Juli von der Insolvenz von YT erfahren haben. Besonders für Kolb eine bittere Erkenntnis, war er doch erst zu Saisonbeginn vom Atherton Rennstall zum deutschen Team gewechselt. Für einen Vierjahres-Vertrag bei YT habe er einige besser dotierte Angebote ausgeschlagen, erzählt er. Er wollte sich lieber langfristig binden. Dass sich YT damals bereits in gehörigen finanziellen Turbulenzen befunden haben muss, wurde ihm nicht mitgeteilt. Er habe aber schon zu Saisonbeginn erste Anzeichen wahrgenommen, erzählt der Österreicher.
Fahrer müssen Kosten selbst abdecken
Im Moment müsse er für alle seine Kosten selbst aufkommen, sagt Kolb im Video. Und das dürfte ins Geld gehen, denn der Weltcup Tross befindet sich nun in Nordamerika. Am Wochenende steht in Lake Placid (USA) das vorletzte Rennen am Programm, zwei Wochen später steigt das Saisonfinale im kanadischen Mont-Sainte-Anne. In einem offenkundigen Akt der Solidarität steht das verbleibende YT Mob-Team zusammen. Mechaniker und Coaches sind mit in Übersee. Ob diese derzeit noch von YT bezahlt werden oder ob diese Kosten letztlich auch bei den verbliebenen Fahrern hängenbleiben, werde sich in den kommenden zwei Wochen zeigen, sagt Kolb. Er habe zum Glück noch andere Sponsoren wie Schladming, 100 % und Bell, die ihn weiter unterstützen.
Auch O'Callaghan fährt die Saison als Privatier zu Ende, das YT-Jersey zieht er nicht mehr über, wird aber noch am Tues Teambike sitzen. Im Gespräch mit Wyn-TV-Macher Wyn Masters spricht der Ire vom Teamgeist, der den YT Mob nun noch zusammenhalte. Man segle mit vereinten Kräften ein sinkendes Schiff, beschreibt er bildhaft. Allerdings komme der Support derzeit allein von den einzelnen Teammitgliedern, allen voran Manager Franke, und nicht von der Marke YT.
Kolb und Höll reden mit neuen Teams
Wie es nach dieser Saison weitergeht, ist noch offen. Kolb lässt im Video durchblicken, dass er bereits bei einem neuen Rennstall untergekommen sein dürfte. Details dazu werden Mitte Oktober, also nach dem Saisonfinale, bekanntgegeben. Auch O'Callaghan hofft, auf Basis seiner soliden Leistungen für 2026 ein neues Team finden zu können, wie er sagt.
Ein YT Mob Mitglied fehlt im Pinkbike-Beitrag allerdings: Valentina Höll. Die Seriensiegerin aus Österreich, die heuer in Champery zum vierten Mal in Folge Weltmeisterin wurde und derzeit die Gesamtwertung anführt. Auf Nachfrage von Ride-MTB will sie nur so viel zur aktuellen Situation sagen: «Ich versuche, die Saison noch so gut wie möglich zu beenden, ich bin aktuell führend im Gesamtweltcup, darauf fokussiere ich mich. Für die nächste Saison haben wir einige gute Angebote, eines ist sehr vielversprechend. Aktuell werde ich, wie Andi Kolb, nicht bezahlt und muss die Kosten auch selber übernehmen.» Höll wurde bereits mit einem möglichen Wechsel zu Commencal/Schwalbe/Les Orres, wo auch die Schweizerin Lisa Baumann unter Vertrag steht, in Verbindung gebracht. In Lake Placid wird sie im Pit ihres Langzeit-Sponsors SRAM unterkommen, da ihr persönlicher Mechaniker wegen Krankheit nicht mit nach Nordamerika kommen konnte.
YT-Gründer will Unternehmen zurückkaufen
Von YT Industries gab es am Freitag auf Nachfrage ebenfalls keine Auskunft. Wer mehr zu den Hintergründen der wirtschaftlichen Probleme beim Direktversender erfahren will, dem sei die Lektüre des Blogs von Jeff Brines empfohlen. Dort wird gut erklärt, wie die Marke in die finanzielle Schieflage geraten sein dürfte. Offenbar hat sich das Geschäftsmodell als Direktversender von vergleichsweise günstigen Komplettbikes unter Ausschaltung des stationären Handels und mit teurem Marketing nicht gerechnet. Auch die Übernahme eines Mehrheitsanteils durch den Private-Equity-Investor Ardian im Jahr 2021 konnte am Niedergang nichts ändern. Nachdem Ardian im Juli angekündigt hatte, YT nicht weiter zu finanzieren, musste das Unternehmen Insolvenz beantragen.
Aktuell bemüht sich YT-Gründer Markus Flossmann darum, das Unternehmen wieder zurückzukaufen und neu aufzubauen. Er war 2021 als CEO abgetreten und 2024 in dieser Rolle zurückgekehrt. YT hatte im Juli 2025 beim Amtsgericht Bamberg ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung beantragt - wobei dies nur das in Deutschland angesiedelte Mutterhaus betraf, die US-Tochter arbeitet weiterhin. Als Gründe nannte die YT-Geschäftsführung Nachwirkungen des Corona-Booms, harten Preiswettbewerb und Lieferprobleme bei einem zentralen Zulieferer. Dieser Schritt hatte unschöne Folgen für Neukunden, weil Zahlungen vor dem Verfahrensbeginn als Teil der Insolvenzmasse galten und zunächst nicht erstattet wurden. Flossmann garantiert nun aber, dass alle, die bereits für ein Bike angezahlt haben, dieses erhalten werden oder ihr Geld zurückbekommen. Wie es für die rund 150-köpfige Belegschaft aussieht, ist unklar. Ein Großteil von ihnen ist mittlerweile freigestellt.