Enduro Jura – oder wie man aus einem Enduro-Rennen ein Happening macht
Für das Enduro Jura fährt man dorthin wo Fuchs und Hase sich gute Nacht wünschen – nach Les Moussières. Warum ausgerechnet in dieser abgelegenen Region ein Rennen veranstaltet wird, kann man zunächst nur mit einem grossen Enthusiasmus und der Liebe zum Enduro-Sport erklären. Ein Stück weit stimmt das sicher, doch liegt es der Region am Herzen, diese Touristisch wieder zu beleben. Warum auch nicht. Der französische Jura hat landschaftlich einiges zu bieten und ist für Radsportler wie auch für Erholungssuchende noch ein kleiner Geheimtipp. Wenn auch klein, ist ein Mountainbike-Rennen mit internationalem Charakter eine gute Werbeplattform für dieses Vorhaben.
Als Vater des Rennens steht der französische Enduro-Profi und BMC-Fahrer François Bailly-Maitre. Mit seinen Helfern veranstaltet der frühere Cross-Country-Fahrer das Enduro Jura bereits zum zweiten Mal. Dafür hat Bailly-Maitre die besten Trails zu Abfahrtsetappen verbunden, die runter nach Saint Claude führen. Wo keine Trails vorhanden waren, wurden eigens für das Rennen welche gemacht, und dass auch möglichst viele davon gefahren werden können, müssen die Fahrer nur wenige und kurze Transfers zu den jeweiligen Etappen aus eigener Kraft meistern.
Nicht normal – besser
Das Enduro Jura geht nicht ganz als normales Enduro-Rennen durch, es ist weit mehr. Das fängt beim Startgeld von 230 Euro an: Zwar ist das weit höher als für die meisten Enduro-Rennen zu bezahlen ist, doch müssen sich Fahrer hier um nichts kümmern. Rennen, Unterkunft und Verpflegung – ja sogar die Abendunterhaltung ist beim Enduro Jura im Preis inbegriffen. Einzig um die Hin- und Rückreise muss man sich selber kümmern. Empfangen werden die Teilnehmer mit einem Welcome Drink und der Presenting Partner Julbo überreicht jedem Fahrer ein kleines Geschenk ehe es ins Hotel geht.
Alle Fahrer sind im selben Hotel untergebracht wodurch eine entspannte und familiäre Atmosphäre herrscht. So ist kaum zu spüren, dass am anderen Tag ein anstrengendes Rennen ansteht. Man redet, lacht, gönnt sich während dem Fachsimpeln ein Bier – keine Spur von nervösem Knistern. Das einzige was knistert, sind die Gewitterwolken die sich während der Nacht entleeren.
Rutschchaos auf den Strecken – Souveräne Organisation
Regen fällt am Morgen des ersten Renntags keiner mehr, doch die Jura-Trails sind total aufgeweicht. Das Rennen dürfte wohl eine regelrechte Schlammschlacht werden. Bevor es zu dieser kommt, gibt es beim Riders Briefing einige Instruktionen François mit auf den Weg – in französisch und englisch. Denn auch neben dem grössten Anteil an französischsprachigen Fahrern, sind doch einige aus englischsprachigen Ländern angereist.
Die Strecken sind durch den Regen tatsächlich abschnittweise zu Rutschbahnen. Das Rennen machen die Weltklassefahrer Damien Oton, Jerôme Clementz und Remy Absalon unter sich aus. Dabei brennen die drei Zeiten in den Schlamm, die einige Fahrer nicht mal bei trockenen Bedingungen erreichen würden. Aber schliesslich ist das auch deren Job. Apropos – François Bailly-Maitre macht seinen Job als Organisator noch immer top. Nach jeweils zwei Abfahrtsetappen finden sich alle Teilnehmer beim Treffpunkt in Saint Claude ein. Von dort fahren später Bike-Transporter und Busse die Fahrer zum nächsten Etappenstart hoch. Vorher gibt es aber die Möglichkeit am reichhaltigen Verpflegungsbuffet sich zu stärken – einzig die Kaffeemaschine macht bei dem feuchten Wetter etwas zicken.
Abendunterhaltung unter Freunden
Nach fünf Etappen, total verdreckt und durchnässt, sind alle Teilnehmer froh im Hotel zurück zu sein. Der Regen hat glücklicherweise aufgehört und die wärmende Sonne zeigt sich. Die Bikes werden vor dem Hotel gewaschen und die dreckigen Kleider verschwinden in den Waschsäcken ehe die langersehnte Dusche ruft.
Nach einer kurzen Siesta ruft der bereits der Apéro bei dem sich die Organisation erneut nicht lumpen lässt. Keiner der Teilnehmer spricht vom Wetter: Es wird gelacht und um die Wette erzählt, wer auf den schlammigen Strecken wohl die lustigsten Pirouetten mit dem Bike zeigten. Bei einem guten Happening darf der Geschicklichkeitsparcours natürlich nicht fehlen. Eine Startlinie, ein Zitterbalken mit Knick, eine Ziellinie und ein Kinder-Bike sind die Zutaten für die Show. Wer Herausforderung am schnellsten meistert gewinnt ein Trailfox-Enduro-Bike von BMC – nicht schlecht. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt, als die zierliche Melanie Pugin die Männer mal eben in den Schatten stellt.
Auch der dritte Abschnitt des Abends ist für die Teilnehmer wie auch die Helfer der Wichtigste: Das Essen wird serviert – ein leckeres Menu bestehend aus einem Hauptgang mit Kartoffelgratin, Fleisch und Gemüse, dem typisch französischen Käse-Gang und einer köstlichen Schockolade-Tarte.
Sahnehäubchen im Schlamm
Starke Gewitter brachten über Nacht wieder viel Niederschlag – also keine Besserung in Sicht. Der zweite Renntag beginnt wieder gleich wie der erste, nur werden statt fünf, drei lange Etappen gefahren. Der Schlamm macht die ohnehin schon technisch anspruchsvollen Strecken noch schwieriger. Doch schwärmen danach wieder praktisch alle Fahrer davon – wie hoch wohl der Spassfaktor im Trockenen wäre?
Am Ende der zwei Renntage gewinnt Damien Oton vor Jérôme Clementz und Rémy Absalon. Die drei gehören zu den weltbesten Enduro-Athleten, zeigen am Enduro Jura aber deutlich, dass sie zu dieser Familie gehören. High Five mit den Hobbyfahrern und auch deren Leistungen zu achten, ist für die Enduro-Stars kein Müssen, sondern eine Tugend.
Bei den Frauen macht sich die Lokalmatadorin Melanie Pugin ihre Trail-Kenntnisse zu nutzen und gewinnt vor den Zwillingen Anita und Carolin Gehrig.
Das Enduro Jura hat trotz seiner jungen Geschichte bereits Kultstatus erlangt. Blendet man das Wetter fairerweise aus, ist das Rennen rundum gelungen und hat mit seiner «Rundumsorglos-Package» so manchen erfahrenen Enduro-Fahrer überrascht. Die Region dürfte dank dem Rennen tatsächlich etwas an Bekanntschaft gewinnen, ist sie mit ihrer schönen Landschaft und den spannenden Trails für Touren-Biker durchaus eine Reise wert.