Epic-Blog: gut, schlecht und ausgebrannt
Balz und ich sind wie immer ein bisschen spät dran als wir uns am Morgen an den Start der vierten Etappe stellen. Unsere Körper tun uns langsam weh und dementsprechend langsam bewegen wir uns. Als der Startschuss fällt sind wir aber hellwach. Balz hat mich noch vorgewarnt, das es gleich eine Rampe hochgeht die zunehmend steiler wird. Zum Einfahren hat es nicht gereicht. Meine Beine fühlen sich jedoch erstaunlich frisch an ich komme recht gut die erste Steigung hoch. Nach dem steilsten Stück geht es gleich in einen Suonen-Singletrail rein. Trotz dem leicht feuchten und stellenweise recht rutschigen Untergrund finden wir schnell unseren Speed. Anders als gestern fühle ich mich heute wach und bin glücklich, dass wir heute so gut gestartet sind. In unzähligen Spitzkehren führt der Weg in Richtung Stalden, welches wir streifen und nach einem kurzen Aufwärtsstück den Shuttle-Bus erreichen. Wir geben uns ein Highfive – so kann der Tag weiter gehen.
Für das nächste Stück nehmen wir die Bergbahn von Saas Grund zur auf 2'400 m.ü.M gelegene Bergstation Kreuzboden. Die Abfahrt startet rasant und technisch. Balz entdeckt einige kreative Linien, für mich etwas zu wild und ich gehe beinahe über den Lenker. «Alles gut gegangen», denke ich mir und fahre vollgas weiter. Weiter unten treffen wir auf einige Epic-Fahrer. Diese haben in dem rasanten Downhill-Stück mehr zu kämpfen als wir, am Rand stehen immer wieder Teilnehmer mit Plattfüssen; die Querabschläge lassen Grüssen.
Bald ist der temporeiche Teil vorüber und wir finden uns in einem langen Aufstieg hoch über Saas Fee führend. Hier wollen wir keine Zeit vertrödeln und lieber unsere Führung im Klassement festigen. Zu meinem Glück ist die Steigung ganz in Ordnung und wir kommen schnell voran. Oben angekommen möchte ich mir schon fast ein Kränzchen winden – ich finde ich habe mich wacker geschlagen. Balz hat mich immer wieder geschoben und so das Ganze etwas erträglicher gemacht.
Ich freue mich auf die lange Abfahrt die jetzt folgt, sicher eine der längsten des Perskindol-Swiss-Epic. Wir düsen auf einem traumhaften Fichtennadel-Trail daher, doch immer sind Querabschläge verbaut, just in dem Moment wo man auf die nächste Spitzkehre bremsen sollte. Da passiert es auch schon «Pffffffff» – ein Plattfuss!! Auf Fluchwörter verzichte ich an der Stelle. Balz hält sofort an und zieht schnell Flicken und CO2-Kartusche aus dem Rucksack. Das Loch in der Seitenwand machen wir schnell aus und drücken eine Latexwurst rein. «CO2-Patrone hinten nach und weiter geht’s» denke ich mir, als Balz eben diese ansetzt spritzt die Latexmilch trotzdem auf alle Seiten raus. Es muss trotzdem ein Schlauch rein und da wir die Kartusche vergebens geleert haben, wird jetzt gepumpt. Es dauert lange zwei Minuten bis der Reifen endlich prall ist. Tanja und Nicolas, das gesamtzweite Mixed-Team, ist auch schon vor einer guten Minute vorbeigezogen und Balz klagt über saure Arme.
Als hätten wir nicht schon genug Zeit liegen gelassen, will sich das Hinterrad nicht wieder einzubauen lassen: Das Schaltauge ist derbe verbogen. Mit Gewalt biegt es Balz wieder hin, doch drückt dieses nun die Achse vom Gewinde weg sodass ein festschrauben der Steckachse eine weitere Minute kostet.
Endlich wieder auf dem Bike, wollen wir keine Zeit mehr verlieren und jagen auf den Schotterstrassen an Saas Fee vorbei, danach mit einer Gruppe über die Haupstrasse ohne einmal aufzuschauen. Die weiteren sehr anstrengenden Kilometer bis zum Checkpoint wechseln wir kein Wort. Wir versuchen den Schaden im Gesamtklassement möglichst klein zu halten und geben alles und noch etwas mehr. Endlich beim Checkpoint angekommen fallen wir uns in die Arme, aber ich merke Balz ist etwas angesäuert. Für mich hat sich die Sache erledigt, Balz nagt aber noch etwas weiter daran.
In Kalpetran steigen wir noch einmal in den Shuttle-Bus der uns nach Grächen fährt. Der Tag ist jedoch noch nicht zu Ende und wir nehmen in Grächen noch einmal die Gondelbahn zur Hannigalp hoch wo uns die gleiche Schlussabfahrt wie gestern erwartet was uns prinzipiell freut. Doch wollen wir den Tag so schnell wie möglich hinter uns bringen. Ich misstraue meinem Schlauch im Hinterrad etwas und fahre verhaltener als auch schon. Trotzdem sind wir schnell unterwegs und überholen einige Flow-Fahrer die vor uns gestartet sind. Ausser dem Südamerikaner der es scheinbar überhaupt nicht eilig hat, lassen uns alle schnell passieren. Im Ziel sind wir beide komplett ausser Atem und hängen uns ausgepumpt über unsere Lenker. Balsam für unsere Ohren sind die Worte des Speakers: «Nur knapp vier Minuten verloren und immer noch mit fünf im Vorsprung.» Die fünf Minuten wollen wir morgen unbedingt verwalten und am Fusse des «Horu» nach Zermatt bringen.
Fotos 1,2,4+5 ©Lightmoment.ch