Epic-Blog: Von Jelzin, Schlangen und nassen Wurzeln
Beim ersten Blick aus dem Fenster ist in Leukerbad noch alles trocken. Doch bereits ein Frühstück später sind die Strassen nass: Wie angekündigt regnet es. Doch in die Regenkleider zu steigen lohnt sich nicht, die Niederschläge lassen bereits nach. Heute steht wieder ein Massenstart auf dem Programm, was Anita und ich besonders mögen – NICHT. Wir fahren die ersten Kilometer mit den Lucky-Star-Fahrern Tanja und Nicolas, machen uns auf den Trails aber schon bald alleine auf die Socken. Uns erwartet nun die gleiche Abfahrt wie wir sie gestern ins Rhonetal runtergedüst sind – der «Jelzin». Wir nennen diese schon seit Jahren so. Abgeleitet von Jeizinen, von wo man den Trail erreicht. :D
Jelzin enttäuscht uns natürlich auch heute nicht und wir jagen wieder lachend dem Rhonetal entgegen. Anita beschliesst kurz eine Bodenprobe zu nehmen. Im tiefen Staub ist das schnell mal passiert. Ausser ein paar verlorenen Sekunden und kleinen Kratzern an der Tapete bleibt der Sturz folgenfrei. Was nach dem «Jelzin» kommt, hat nicht mehr viel mit Flow zu tun. 20 Kilometer der Rhone entlang schrubben gehören hier halt dazu. Mit der Meinung, dass das kein Spass ist, sind wir zum Glück nicht alleine. Dazu kommt noch, dass der Wind, der uns offensichtlich den Regen vom Leib hält, uns auch kräftig ins Gesicht bläst.
Anita lässt sich auch von einem Sturz nicht die Laune verderben.
Nun geht es hoch hinaus: Für uns per Shuttle und Sessellift, während die Epic-Fahrer 2'000 Höhenmeter am Stück über Visperterminen nach Giw hochdrücken. Ich ziehe meinen Helm vor allen die diesem «Saucheib» von Aufstieg die Stirn bieten. Oben in Giw nehmen wir Flow-Fahrer das Rennen wieder auf und mischen uns unter die Epic-Fahrer. Zuerst steil, dann immer angenehmer windet sich der Trail dem Hang entlang durch die unglaublich schöne Landschaft. Zusätzlich haben wir eine herrliche Sicht aufs Rhonetal runter. Nach rund einer halben Stunde hoch und runter beginnt endlich die lange Abfahrt. Eine super Abfahrt, aber ich wünsche mir schon fast mein Enduro-Bike anstatt meines Twentyniner Trailbikes. Unten mit leicht harten Unterarmen angekommen, sagt Anita voller Erfurcht zu mir: «Jetzt stell dir mal vor wie viele hier mit dem Hardtail runterfahren.» Nun ja, als alter Cross-Country-Racer kann ich mir das vorstellen und bin froh nicht mehr mit dem Hardtail solche Abfahrten meistern zu müssen.
Bequem mit dem Sessellift nach Giw.
Nach der langen Abfahrt wechseln wir für ein kurzes Stück auf die Hauptstrasse und sollten dann über die Bahnlinie das Flussufer wechseln. Jedoch stehen wir jetzt vor einer geschlossenen Bahnschranke. «Na toll» denke ich mir und Anita spricht es aus. Doch auch hier sind auch andere Epic-Teilnehmer davon betroffen und wie von der Organisation angekündigt, gehören solche Sachen dazu. Im nachfolgenden Aufstieg nach Stalden merke ich, dass Anita langsam etwas mühe bekundet. Dann kommen noch Rhythmusbrecher wie ein umgestürzter Baum dazu. Anita kämpft wacker weiter. Da Bergziege spielen aber nicht ihre Lieblingsdisziplin ist, kippt mit der Müdigkeit auch langsam die Laune. Auf dem nächsten Trail rede ich anscheinend zu viel. «Hey, sei bitte einfach still! Ich will einfach diesen Abschnitt hinter mich bringen», macht sie mir unmissverständlich klar. Ich denke mir nicht viel und geniesse still den schönen, ebenen Trail.
Bald darauf erreichen wir den nächsten grossen Verpflegungsposten und somit auch unser Checkpoint. Ich bin definitiv nicht traurig über die Rast, denn die letzten Kilometer haben an meinen Reserven gezerrt und auch Anita grinst wieder zufrieden. Erst recht, als sie kurz darauf ihre Beine von einem der Perskindol-Masseure lockern lässt – ja auch für so was ist am Swiss-Epic gesorgt.
Ladys first – ich verzichte auf die wohltuende Massage.
Rund 15 Minuten später pedalieren wir weiter in Richtung Shuttle nach Grächen. Wenn auch gemütlich, müssen wir noch ein paar Minuten hochpedalieren. Plötzlich schauen zwei Teilnehmer ganz gespannt an die Stützmauer am Strassenrand. Eine kleine Kreuzotter scheint wohl etwas am falschen Ort zu sein und ist wohl auf der Suche nach einem sichereren Plätzchen. Ich bin fasziniert von diesem schön gezeichneten Reptil, Anita hingegen findet es weniger toll – sie mag keine Schlangen. ;)
Süss, aber für mich lieber nicht als Haustier. ;)
Ich lasse die kleine Schlange wieder in Ruhe und steige kurz darauf ungebissen in den Shuttle-Bus. Kreuzottern sind Giftschlangen, aber kaum gefährlich. Einen Arztbesuch wollte ich trotzdem nicht riskieren.
Der Shuttle-Bus bringt uns in den Etappenort Grächen, wo für uns aber noch nicht Feierabend ist. Es beginnt nun doch zu Regnen und wir werden zur Gondelbahn geschickt mit der wir zur Hannigalp hochgondeln. Eigentlich bin ich Müde und müsste nicht noch einmal runterbrettern. Doch nach unserem letzten Start dieses Tages ist die Müdigkeit schnell verflogen. Anita folgt mir an meinem Hinterrad durch den Regen zum ersten Trail. Wie gewohnt zügig rein, sehe ich schon die nackten Wurzeln glänzen. «Scheisse, die sind schon richtig nass», denke ich mir und rufe nur noch: «Einfach nicht bremsen!» Wir lassen unsere Bikes einfach arbeiten und nehmen nach dieser ersten Wurzelpassage ein wenig Geschwindigkeit raus. «Das war schon fast etwas zu schnell», ruft mir Anita leicht mahnend zu.
Mit gemässigterem Tempo düsen wir nach Grächen runter – ohne Sturz und Schaden, dafür mit einem weiteren Etappen-Sieg, welchen ich am heutigen Tag keinesfalls erwartet hätte.
Die vierte und vorletzte Etappe mit Start und Ziel in Grächen dürfte wieder ein zähes Stück Arbeit werden, wofür sich die Strapazen aber lohnen werden. Denn uns werden wiederum traumhafte Trails und herrliche Aussichten auf die atemberaubenden 4000er Gipfel prognostiziert.