Fabian Giger: «Aufhören wäre die letzte Option gewesen». | Ride MTB

Fabian Giger: «Aufhören wäre die letzte Option gewesen».

Fabian Giger gehört zur Cross-Country-Weltspitze. Trotzdem war es nach dem Aus des Giant-Team's für den 27-Jährigen schwierig ein neues Team zu finden. Was Giger in dieser Zeit der Ungewissheit bei Laune gehalten hat und wie seine Olympia- und Zukunftspläne aussehen, verrät er im Interview.

Ride: Die kommende ist die vorolympische Saison. Wäre es dir lieber gewesen, wenn du die gewohnten Strukturen beim Giant-Pro-XC-Team weiterhin gehabt hättest, oder kommt nun der Wechsel zum Team Colnago-Südtirol gelegen?
Fabian Giger: Giant war schon ein super Team und es wurde mit den Jahren immer besser. Ich tat mich deshalb darum, dort wieder zu unterschreiben. Wie wir wissen kam es anders und ich musste mich um eine Alternative kümmern. Bei Colnago erwartet mich erneut eine super Betreuung und wiederum Top-Material. Letzteres war auch die Bedingung, da ich mich in diesem wichtigen Jahr nicht auf Tests einlassen will. Auch wenn ich gerne bei Giant geblieben wäre, bringt ein neues Team auch Vorteile, wie frischen Elan und neue Inputs.

Sind wegen deines neuen Arbeitgebers Veränderungen in deiner persönlichen Struktur erforderlich?
Nein, da es ein kleines Team ist, kann ich ein Stück weit das Programm beeinflussen. Kleine Änderungen dürfte es im Rennplan geben. Denn ich werde weniger Rennen in Deutschland, sondern mehr in anderen Ländern bestreiten. Das macht es aber auch wieder interessanter – andere Regionen, neue Rennstrecken und andere Hotels.

Die Olympischen Spiele gehören zu deinen Zielen. Hättest du auch daran festgehalten wenn du kein professionelles Team mehr gefunden hättest?
Ja sicher – aufhören will ich noch nicht. Nach jeder vermeintlichen Option, die sich in Luft aufgelöst hatte, machte ich mental einen Schritt zurück, bis auf die Stufe Einzelfahrer, was sicher die schlechteste Option gewesen wäre – die Karriere beenden wäre jedoch meine allerletzte Option gewesen. Nun bin ich umso glücklicher, dass ich zusammen mit Eva Lechner das Colnago-Südtirol-Team bilden kann. Dort habe ich alles was ich brauche, um Spitzenleistungen zu erbringen. Mit einem Solo-Projekt wäre einiges an Energie in die ganze Administration verloren gegangen.

Wären bei einem Solo-Projekt nicht auch Zweifel über die Erreichbarkeit deiner Ziele aufgekommen?
Nein, auch trotz dem Mehraufwand nicht. Das ist auch das schöne am Mountainbike-Rennsport. Hier kann ein Einzelkämpfer noch alles erreichen, während man im Strassenradsport ohne Team schon im Alter von 25 Jahren das Rad an den Nagel hängen kann.

Wenn du ein Jahr als Einzelfahrer in Betracht gezogen hast, ist bei dir die Freude am Rennen fahren doch grösser als wegen Team-Mangels den Bettel hinzuwerfen?
Auf jeden Fall! Grundsätzlich fahre ich Rennen weil ich es gerne mache. Ich sehe bei mir aber auch nach wie vor Verbesserungspotential und bin überzeugt, dass ich die Olympia-Qualifikation schaffen kann. Auch im Weltcup habe ich noch einige Ziele die ich erreichen will. Dies ist auch mein Antrieb. Finanziell habe ich für die Saison 2015 kein Riesenvertrag unterschrieben und einige würden an dieser Stelle sagen: «das geht doch nicht», aber schlussendlich will ich ja in der Rennszene bleiben. Ich fahre nicht nur wegen dem Geld, ich will noch einiges erreichen. Trotzdem werde ich künftig meine Fühler früher ausstrecken, dass ich allfällig bei einer ähnlichen Situation wie mit Giant nicht wieder vor dem Ungewissen stehe.

 

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Apropos ungewiss, nachdem Giant das Team aufgegeben hat, bist du in Loch gefallen? Wie muss man sich dieses Gefühl vorstellen?
Zuerst nagte es schon stark an der Motivation, wenn ein solches Team aus heiterem Himmel derart spät in der Saison den Rennbetrieb einstellt. Die dadurch späte Team-Suche, das Ungewisse und die vielen Absagen waren definitiv frustrierend. Nüchtern betrachtet war es ja nie etwas persönliches, ich war einfach zu spät dran. Als sich die Lösung mit Colnago abgezeichnet hatte, fühlte ich mich aber schnell wieder besser. Jetzt bin ich froh, kann ich meine Energie wieder aufs Training richten.

Somit war die lange Ungewissheit auch eine grosse Belastung?
Ja, das war es. Das zerrt schon im Kopf und dazu kommt, dass man noch von anderen Abhängig ist. Es war oft mühsam, da ich vielfach keine Antworten bekam und ich somit nie genau wusste woran ich war.

Dann zeigen sich viele Teams oft nicht so transparent?
Schon auch – oft wurde Interesse angemeldet und dann hiess es: «Wir klären die Möglichkeiten ab». Danach hörte ich einfach zwei Wochen lang nichts. Dies war am Ende leider auch bei Giant so. Da wurde eine Antwort auf ein Datum versprochen, aber dann kam nichts. Beim nachfragen wurde es dann weiter in die Länge gezogen.

Also wird man gerne warmbehalten, falls doch noch ein Budget frei wird?
So kam es mir einige Male vor, ja. Trotzdem fühlte ich mich immer wieder ein Stück weit gebunden, da ich nicht wollte, dass sich Leute für mich einsetzen und ich dann doch dem nächstbesseren nachspringe. Mir ist Ehrlichkeit und Klarheit wichtiger. Leider hab ich mich damit selbst zurückgebunden.

Mit Colnago-Südtirol hast du eine versöhnliche Lösung gefunden, obwohl du finanziell leichte Einbussen in Kauf nehmen musst. Kannst du auf deinem Weg nach Rio auch auf Unterstützung von anderen zählen?
Ja, das kann ich. Erst mal bin ich wirklich froh, dass ich die Möglichkeit habe bei Colnago zu fahren. Schliesslich war es eines der wenigen Teams das ein ernsthaftes Interesse an mir zeigte, mein Potential sah und auch dadurch auch an mich glaubt...

... was eigentlich verrückt ist, denn du bist einer weltbesten Cross-Country-Fahrer – aktuell Dritter der Weltrangliste – musst dich vor niemandem verstecken und trotzdem melden nur wenige Interesse an.
Ja, das ist leider so. Aber wie bei der vorhergehenden Frage angesprochen, habe ich das Glück, dass ich sonst auch gut unterstützt werde, sei es von Swiss Cycling, wo wir super Strukturen haben, von Swiss Olympic und auch vom Militär welches in diesen Belangen mithilft. Von dem her komme ich sicher gut über die Runden. Als Weltranglisten-Dritter sollte man eigentlich nicht in der Situation sein, in der ich mich jetzt befinde. Anderseits gibt es im Ausland wie auch bei uns in der Schweiz viele Spitzenathleten die ebenfalls sehr viel investieren und trotzdem weitaus weniger haben. Demnach habe ich es doch recht gut.

Das Gerüst für die kommende Saison steht. Wie schaut dein Programm in der kommenden Saison aus?
Meine Ziele sind der Weltcup, sowie die Europa- und Weltmeisterschaften. Im Weltcup will ich möglichst wieder unter die besten Fünf oder sogar Top-3 fahren. Neu dazu kommen im Mai noch die European Games in Baku. Die sind zwar aktuell noch nicht so in den Medien, dürften aber trotzdem eine gute Sache werden und deshalb gehören sie auch zu meinen Zielen im Jahr 2015.

 

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Machen wir nochmals einen Sprung weiter ins Olympiajahr 2016. Kannst du uns schon verraten wie dann deine Saison ungefähr aussehen wird?
Rio ist eigentlich das nächste grosse Ziel, denn die Olympischen Spiele sind doch schon in eineinhalb Jahren. Anfangs Dezember waren wir mit dem Olympia-Sichtungskader für zwei Wochen in Rio, um uns einen Eindruck von den Gegebenheiten vor Ort machen zu können. Dort spürten wir gut, dass die Sache langsam näher kommt. Somit auch die ersten Qualifikations-Rennen, von welchen in der kommenden Saison einige sein werden.
Es ist schon mein Ziel, mich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, dennoch werde ich mich nicht darauf versteifen. Am Ende versuche ich einfach meine bestmögliche Leistung zu bringen.

Was meinst du mit «nicht versteifen»?
Für mich gibt es noch viele andere Ziele, die ich erreichen kann, als zum Beispiel bei Nino Schurter dem sozusagen nur noch Olympia-Gold fehlt. So möchte ich gerne mal ein Weltcup-Rennen gewinnen, oder eine Medaille an Weltmeisterschaften holen. Als Schweizer kann ich mich auch nicht nur auf Rio fokussieren, denn die nationale Konkurrenz ist stark und breit aufgestellt.

Du hast vorhin die Erkundungsreise nach Rio erwähnt. Wie waren deine Eindrücke vor Ort und weisst du schon wie die Strecke aussieht?
Die Reise war auf jeden Fall interessant und die gesammelten Erfahrungen bringen uns sicher auch einen Vorteil. Wir konnten uns auch ein Bild vom künftigen Renngelände und der Bodenbeschaffenheit machen. Die Strecke selbst stand aber noch nicht. Es gab nur ein grober Streckenplan der uns die Charakteristik der Runde erahnen liess. Auch die Temperaturen konnten wir mal erfühlen. Aktuell ist es sehr heiss in Brasilien, da Sommerzeit herrscht. Während den Olympischen Spielen ist es dort Winter, aber mit 25 bis 30 Grad immer noch warm genug. Ich persönlich mag es zum Glück lieber heiss als kalt.

Gibt es Ende der nächsten Saison noch ein Testrennen in Rio, welches auf dem Plan steht?
Vor einigen Wochen wurde publik, dass es noch ein Testrennen gibt – jedoch steht es noch nicht im UCI-Kalender. Es ist auch noch nicht klar, ob es ein UCI- oder ein Einladungsrennen sein wird. Ob wir mit dem Kader deswegen nochmals gehen werden, steht ebenfalls noch offen. Es war auf jeden Fall wichtig, dass wir jetzt alles schon gesehen haben und die Schwierigkeiten aufdecken konnten. Am Ende sind es bekanntlich die Details die es an einem solch grossen Rennen ausmachen. Mit der Erkundungsreise hat Swiss Cycling wirklich gute Vorarbeit geleistet.

Apropos Details: ein wichtiges Detail im Mountainbike-Sport ist die Technik und da hast du früher nicht zu den starken Fahrern gehört. Konntest du dich dort verbessern? Ihr hattet ja bei Giant mit Oscar Saiz, dem früheren Downhill-Profi, einen Techniktrainer.
Auf jeden Fall. Wenn es schwierig wird, verliere ich zwar noch immer ein wenig. Ich fahre aber viel sicherer und schneller als früher. Auch gemeinsame Trainings mit Fahrern wie Nino, wie zum Beispiel in Rio, sind super hilfreich. Dort habe ich einen direkten Vergleich, der im Rennen nicht immer zustande kommt. Klar ist es im Rennen noch mal was anderes. Dann gibt es aber auch nicht grad schlaflose Nächste, wenn ich in den Downhills langsamer bin als Nino Schurter. So sauber wie er fährt kaum einer bergab. Ich will mich auf jeden Fall noch mehr steigern, vor allem bei den Sprüngen die es an immer mehr Rennen gibt, jedoch nicht um jeden Preis. Es gibt Fahrer die können es bergab unglaublich krachen lassen, verletzen sich dann aber oft. Das ist es mir einfach nicht wert. Lieber zuerst technisch besser werden und dann an der Geschwindigkeit arbeiten.

 

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Der Rennsport ist eines, aber was macht Fabian Giger nach seiner Karriere?
Gute Frage – oft wird in Olympia-Perioden geplant und somit fahre ich sicher bis dann. Gedanken ans Karriereende habe deshalb noch keine. Es kommt auch drauf an wie ich mich in diesem Sport weiterentwickle. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, ist ein Wechsel auf die Strasse auch nicht uninteressant. Nicht wegen dem Geld – nein, mehr weil mich der Strassenrennsport interessiert und dort auch viel mehr mit der grossen Kelle angerührt wird.

Mit der grossen Kelle meinst du, dass der Sport medial mehr ausgeschlachtet wird?
Richtig. Genau das ist im Mountainbike-Sport ein wenig schade, dass du dich trotz der Grösse des Sports noch immer wie in einer kleinen Sportart fühlst. Ich hoffe das ändert sich mit den Weltcup-Rennen in Lenzerheide.

Um nochmals die vorhergehende Frage aufzugreifen. Hast du dir schon Gedanken um deine berufliche Zukunft gemacht, wenn du einmal keine Lust mehr auf Rennsport hast?
Nein, bisher nicht wirklich. Ich habe eine gute Ausbildung gemacht und mit dem Wissen, einen Abschluss in der Tasche zu haben, bin ich schon lockerer drauf – gerade so wie die Monate zuvor, als es Team-mässig schlecht aussah.

 

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Welche Ausbildung hast du gemacht?
Ich habe eine kaufmännische Ausbildung auf der Bank mit Berufsmatura abgeschlossen. Dort habe ich auch eine Perspektive, aber vorerst will ich noch möglichst lange Rennen fahren. Mir gefällt es im Mountainbike-Sport und geniesse auch diesen Lifestyle.

Durch den Sport bist du aber recht lange weg vom Beruf. Hältst du dich in deinem Fachgebiet à jour, falls du trotzdem früher als gewollt wieder ins Berufsleben einsteigen müsstest?
Nein, auch das nicht. Das ist aktuell auch eher schwierig. Ich ziehe dann eine Weiterbildung in Betracht, wenn das Karriereende für mich absehbar wird. Ob ich dann im Bankwesen bleibe, weiss ich noch nicht – vielleicht zieht es mich auch in die Zweirad-Branche. Wer weiss.

www.fabiangiger.ch