Lukas Kaufmann: Karriere 2.0
Lukas Kaufmann galt lange als eine der Schweizer Nachwuchshoffnungen im Schweizer Cross-Country-Sport. Ende des Jahres 2011 nahm er zum zweiten Mal am «Brasil Ride», einem Mountainbike-Etappenrennen im Nationalpark von Chapada Diamantina, teil. Spontan entschieden sich er und seine zwei Reisepartner, noch für ein paar Tage nach Rio de Janeiro zu reisen. Eines Abends als die drei ausgingen, lernte Kaufmann eine Frau kennen, in die er sich sofort verliebte – obwohl er kein Wort Portugiesisch, und sie kein Englisch sprach. Die Heimreise nahte und der Abschied schmerzte ihn. Zurück in der Schweiz hielt er den Kontakt zu der Frau. Er entschied er sich dann erneut nach Brasilien zu reisen um diese Frau und auch das Land näher kennenzulernen. Nach zwei Wochen Intensiv-Kurs in Portugiesisch, der Landessprache Brasiliens, reist Kaufmann kurz vor Weihnachten 2011 nach São João del Rey, einer historischen Stadt, welche rund 300 Kilometer nördlich von Rio liegt.
Dass das Leben in Brasilien ziemlich anders ist als in der Schweiz durfte Kaufmann bereits während des «Brasil Rides» erfahren. Nun ist er wirklich dort und erlebt die Unterschiede tagtäglich. Die offene, freundliche und hilfsbereite Art der Menschen aber auch das Land und die Kultur gefallen ihm. Nur mit der Sprache muss sich der Schweizer zu Beginn noch ziemlich durchkämpfen, da portugiesisch nicht gerade einfach ist. Auffällig ist für ihn auch, dass die Schere zwischen arm und reich ebenfalls viel grösser ist als in Europa. «Ich denke die wenigsten Schweizer würden mit den Bedingungen hier klar kommen», meint Kaufmann. Er verweist auch auf die grossen kulturellen Unterschiede und sagt weiter: «Ferien machen ist immer etwas anderes als das Leben in einem fremden Land. Wir Schweizer sind schon sehr verwöhnt, wenn man die Lebensbedingungen vergleicht.» Die schwereren Bedingungen stören Kaufmann scheinbar nicht, im Gegenteil. Es gefällt ihm sogar, dass nicht alles so perfekt ist.
Durch seine brasilianische Freundin lernt Kaufmann schnell viele Leute kennen und au durch Zufall einige Biker. Sein Mountainbike hat er ebenfalls dabei um sich auf die Saison 2012 in Europa vorzubereiten. Sein Rückflug geht Anfangs März 2012. Seine neuen Bike-Kollegen zeigen ihm viele coole Trails und führen ihn herum. Mit einem dieser Mountainbiker versteht sich Lukas Kaufmann besonders gut. Dieser nimmt ihn an einem Wochenende in die nächste Stadt Belo Horizonte, die drittgrösste Stadt Brasiliens, mit. Kaufmann ist sehr gespannt was ihn wohl erwarten wird, denn bis anhin ist er nie gross in Brasilien umhergereist und seine Beziehung hat sich auch nicht wie gewünscht entwickelt. In Belo Horizonte angekommen merkt er schnell, dass der Mountainbike-Sport dort richtig am aufblühen ist. Jedoch mehr für gut betuchte Menschen. «Man mag es glauben oder nicht, aber in Brasilien gibt es bis zu 40 Prozent Steuern auf Bikes. So kostet zum Beispiel ein Specialized «Epic S-Works», welches in Brasilien ein sehr beleibtes Bike ist, umgerechnet 15'000 Schweizer Franken.
Lukas Kaufmann lernt weitere nette Leute und eine richtige Mountainbiker-Truppe kennen, die wie er für das Mountainbiken leben. Die weltoffenen Grossstädter und die hügelige Landschaft um Belo Horizonte gefallen ihm derart gut, dass er gleich dort bei seinem Kollegen bleibt und er sogleich seinen nächsten Aufenthalt in Brasilien plant.
Pünktlich auf die Rennsaison ist Kaufmann zurück in der Schweiz. Als die europäischen Weltcup-Rennen ende Mai 2012 vorbei sind, reist er erneut nach Brasilien und hilft dort seinem Freund in der Bike-Schule. Seine Rückreise in die Schweiz verschiebt er um einen Monat, auf Mitte August. Nun nennt er es bereits nicht mehr Rückreise, sondern Familienbesuch. Für ihn ist klar, dass es Zeit für etwas Neues ist und sein Leben künftig in Brasilien stattfinden wird.
Der Zufall will es, dass der Kontinenten-Pendler Kaufmann kurz vor seinem Abflug in die Schweiz, eine nette Frau kennenlernt. «Sie hat mich fasziniert und so habe ich ihr versprochen sie wieder zu treffen, sobald ich aus der Schweiz zurückkehre. So kam es auch. Wir lernten uns kennen und verliebten uns. Seit Ende des Jahres 2012 wohne ich nun mit ihr und ihrer Mutter zusammen». Zum gleichen Zeitpunkt tat sich für ihn die Chance auf, in der Saison 2013 für eine professionelle Mountainbike-Equipe zu fahren. «Das Team «Focus/OCE-Racing» hat seine ganze Logistik in Belo Horizonte. Ich bekomme super Bikes und sogar einen kleinen Lohn. Der Mountainbike-Sport ist in Brasilien stark am wachsen und das Niveau der Fahrer ist sehr hoch. Dennoch ist die Atmosphäre an den Rennen entspannt und nicht so verbissen, das entspricht mir mehr», erklärt der 26-Jährige.
Spricht man von Spitzensport und Brasilien, kommen automatisch die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro ins Gespräch. Er macht kein Hehl daraus, dass Rio 2016 ein Gedanke ist. Das Wichtigste sind die Spiele für ihn aber definitiv nicht. Ebenfalls nicht mehr wichtig für ihn ist, das in der Welt von Rennen zu Rennen reisen und nach UCI-Punkten jagen. Seit den Junioren-Jahren ist er immer mit 100 Prozent dabei gewesen, was wird ihm irgendwann zu viel wurde, zumal er einige Male knapp an den Selektionskriterien für die Weltmeisterschaften gescheitert ist.
An Weihnachten 2012 verlobt sich Kaufmann mit seiner Freundin Ana Flávia de Oliveira. Ihre Beziehung ist ihm ernst, also entscheidet er sich definitiv in Brasilien zu bleiben auch ihre gemeinsame Zukunft dort zu planen. «Geheiratet haben wir zwar noch nicht, aber dieser Schritt wird voraussichtlich im Herbst folgen. Seit es mir so gut geht und in der Liebe super läuft, läuft es mir auch sportlich gesehen sehr gut. Ich bin an den internationalen Rennen in Brasilien immer vorne mit dabei», freut sich der Wahl-Brasilianer.
Die Begeisterung seiner Eltern hielt sich in Grenzen, als er ihnen erzählt hat, er werde nach Brasilien reisen um ein Mädel zu besuchen: «Schlussendlich haben mich aber meine Mutter und mein Vater in meinem Vorhaben unterstützt», erzählt Kaufmann. Seit er in Brasilien lebt, hat ihn schon seine ganze Familie besucht um zu erfahren wie ihr Sohn in seiner neuen Heimat lebt. Sein Bruder Daniel weilte sogar den ganzen Winter hindurch bei ihm.
Auf die Frage ob nicht manchmal seine alte Heimat vermisst, bekennt Lukas Kaufmann klar Farbe: «Klar habe ich manchmal lange Zeit nach meiner Familie, aber mein Leben nimmt hier seinen Lauf und ich bin glücklich hier. Das ist für mich das Wichtigste.» Ihm Jahr 2014 plant Kaufmann einen Familienbesuch in der Schweiz. Gut möglich, dass die Schweizer Cross-Country-Rennszene ihren «verlorenen Sohn», zumindest für ein paar Rennen, wieder an der Startlinie begrüssen darf.