Mountainbiker im Visier: Wenn Jäger auf Menschen schiessen
Bei Girona in Spanien fiel der Schuss. Ein 54-jähriger Radfahrer, für ein Wildschwein gehalten, überlebte nur knapp. Bauchschuss, mehrfache Notoperation, der Schütze wird wegen Fahrlässigkeit verhaftet. Bei Chapella im Kanton Graubünden traf die Kugel kein Reh, sondern ein Islandpferd.
Chaumont, Kanton Neuenburg: Ein Mountainbiker nähert sich auf fünfzig Meter, gut sichtbar auf breitem Weg. Der Jäger dreht sich zu ihm, das Gewehr im Anschlag, hält ihn so eine Weile. Drei bis vier Sekunden vergehen, bis er erkennt: kein Wild, ein Radfahrer. Der Schuss fällt diesmal nicht. Der Vorfall wird öffentlich, das Westschweizer Fernsehen RTS berichtet darüber und entfacht eine Debatte über ein mögliches Alkoholverbot auf der Jagd. Ob der Jäger tatsächlich getrunken hatte, wurde nie amtlich festgestellt. Der Verbandspräsident der Neuenburger Jäger bedauert den Vorfall, seine einzige öffentliche Kritik richtet sich trotzdem nicht an den Jäger, sondern an den Mountainbiker: Er habe nicht sofort die Polizei gerufen.
Falsche Fährte
Das macht ihn zur Ausnahme bei den dokumentierten Fehlschüssen. Alkohol spielt insgesamt kaum eine Rolle, in Frankreich waren nur 3,3 Prozent der getesteten Schützen betrunken. Unerfahrenheit erklärt es auch nicht, im Gegenteil: In neuseeländischen Auswertungen war es in über zwei Dritteln der Fälle ein erfahrener Jäger. Schlechte Sicht ebensowenig, die durchschnittliche Distanz liegt bei rund 35 Metern, oft beobachtete der Schütze sein Ziel minutenlang, bei Tageslicht.
In Krimis ist die naheliegendste Erklärung meistens die falsche. Hier entspricht sie ziemlich genau der Realität: Wer sich unübersehbar macht, wird seltener übersehen. Untersuchungen aus nordamerikanischen Jagdunfallstatistiken ergaben, dass die grosse Mehrheit der Jäger routinemässig Orange trug, gut vier von fünf. Bei den Verwechslungsopfern, die für Wild gehalten und angeschossen wurden, trugen nur 6 von 125 eine auffällige Farbe. Bei den tödlichen Fällen einer zweiten Erhebung war es keiner von einundzwanzig. Für Mountainbiker wären ein greller Helm oder eine Warnweste während der Jagdzeit kein Style-Accessoire, sondern ein echter Schutzfaktor. Trägt trotzdem kaum jemand.
Rehe sehen dichromatisch, mit nur zwei statt drei Zapfentypen im Auge. Der Zapfen für lange Wellenlängen, der Menschen Rot und Orange zeigt, fehlt ihnen. Was für uns grell leuchtet, erscheint dem Reh als stumpfes Braun oder Grau. Die Tarnmuster darunter dienen einem anderen Zweck: Sie brechen die menschliche Silhouette auf, damit das Wild den Jäger nicht als Gefahr erkennt. Getarnt verschmilzt er mit der Umgebung. Zwei Kleidungsschichten, zwei gegensätzliche Ziele: sichtbar für Menschen, unsichtbar fürs Tier. Das erklärt, warum Signalfarbe das Wild nicht scheut. Bei Chaumont half die Sichtbarkeit trotzdem nicht. Ganz darauf verlassen können wir uns also nicht.
Wonach das Auge sucht
Wer ein neues Mountainbike im Auge hat, sieht es plötzlich überall, auf dem Trail, im Bikepark, im Schaufenster. Häufiger geworden ist es nicht. Psychologen nennen das Frequenzillusion: Was im Kopf gerade zählt, filtert das Gehirn bevorzugt aus der Umgebung heraus. Der gleiche Filter hat eine Kehrseite. Was nicht zur gesuchten Kategorie passt, blendet er aus, selbst wenn es direkt vor einem steht und grell leuchtet. Das nennt sich Inattentional Blindness. Auf der Jagd sucht das Auge nach Wild. Ein Mensch in Signalfarbe wird deswegen manchmal einfach nicht bewusst bemerkt. Unter schwierigeren Bedingungen, in der Dämmerung, aus der Distanz, in Bewegung, kann er auch aktiv zum vermeintlichen Reh werden: eine Fehleinordnung, keine Sinnestäuschung. Die Augen liefern in beiden Fällen die richtigen Signale. Was daraus wird, entscheidet sich erst danach, im Kopf.
Der Filter hat einen Vorteil, sonst hätte ihn die Evolution längst verbannt. Das Auge liefert dem Gehirn schätzungsweise zehn Millionen Bit Information pro Sekunde, bewusst kommen davon nur rund vierzig an. Ohne Filter wäre das Gehirn mit jedem Sonnenfleck im Blätterdach genauso beschäftigt wie mit einer Bewegung im Unterholz, die auf eine Gefahr hinweisen könnte. Für unsere Vorfahren war dieser Filter überlebenswichtig. Ein Rascheln im Unterholz musste sofort als Gefahr erkannt werden, das gleichmässige Rauschen des Flusses nebenan durfte man getrost ignorieren. Selektive Aufmerksamkeit blendet aus, was zum aktuellen Ziel nicht passt, damit das, was passt, schneller verarbeitet wird. Beim Jäger heisst das Ziel: Wild erkennen. Alles andere wird zur Nebensache, auch wenn sie grell leuchtet.
Ortskenntnis und Gruppendruck verschärfen diesen Effekt zusätzlich. Wer Jahr für Jahr im selben Hochsitz auf das Wild wartet, kennt jeden Baumstumpf. Vertrautheit lässt das Gehirn im Autopilot arbeiten, mit weniger Aufmerksamkeit für das, was neu ist. Was Gruppendruck dabei bedeutet, zeigt sich bei der Drückjagd. Dutzende Schützen stehen postiert, Treiber und Hunde drücken das Wild aus dem Dickicht. Ziel ist eine möglichst hohe Strecke in möglichst kurzer Zeit. Unter diesem Druck schiessen Jäger schneller, mit weniger Zeit für den Fokus. Für einen Mountainbiker könnte das zu einem heiklen Szenario werden. Der Schütze blickt auf das Dickicht, aus dem gleich etwas herausschiessen soll, die Treiber timen das haarscharf. Bewegung an dieser Stelle, in diesem Moment, bestätigt fast die Erwartung, bevor das Auge sagen kann, was sich da eigentlich bewegt. Das Drehbuch der Drückjagd sieht an dieser Stelle ein Tier vor, keinen Menschen auf zwei Rädern.
Aufmerksamkeit folgt nicht dem, was da ist, sondern dem, wonach gerade gesucht wird. Der Mechanismus zeigt sich auch auf dem Trail, nur umgekehrt gerichtet. Steuern folgt dem Blick, wohin die Augen zielen, dorthin lenkt der Körper, beim Mountainbike wie beim Motorrad. Unter Angst kommt eine zweite Verschiebung dazu: Der Blick springt automatisch zur Bedrohung, noch bevor der Kopf mitreden kann. Wer vor einer Wurzel erschrickt, starrt genau dorthin, wo er nicht hinfahren will. Der Körper folgt dem Blick.
Der Jäger übersieht, was er nicht erwartet. Der Mountainbiker fährt in das, wovor er sich fürchtet. Beide Male entscheidet nicht das Auge, sondern das, worauf die Aufmerksamkeit schon gerichtet ist, bevor der Wille eingreift: das Reh im Kopf des Jägers, die Wurzel im Kopf des Bikers.
Was der Schuss beim Schützen zurücklässt
Bei einem Fehlschuss mit Todesfolge gibt es fast immer zwei Opfer. Wer jemanden unabsichtlich tötet, leidet danach unter Schock, Schuldgefühle, Wut, Depression, familiäre Belastung, teils über Jahre hinweg. Es geht also nicht nur darum, wie sich Mountainbiker und Wanderer im Wald schützen können. Weitaus interessanter ist, was der Jäger tun kann, damit es erst gar nicht zum Fehlschuss kommt. Signalfarbe hilft gegen das Übersehenwerden, das ist belegt. Gegen den Filter im Kopf des Schützen, der erwartetes Wild sieht statt eines unerwarteten Menschen, hilft ein Kleidungsstück wenig.
"Identifiziere dein Ziel zweifelsfrei, bevor du abdrückst": eine der vier Grundregeln jeder Jagdausbildung weltweit. Nur hilft die Regel offensichtlich nicht zuverlässig. Die meisten Fehlschützen sind erfahrene, ausgebildete Jäger. Eine bewusste Regel gegen einen unbewussten Filter auszuspielen, funktioniert schlecht. Der Filter wurde über hunderttausende Jahre optimiert, funktioniert schnell, automatisch, unbewusst. Die Regel dagegen ist ein paar Jahrzehnte alt und muss jedes Mal neu gedacht werden, bewusst, langsam. Gegen einen Reflex, der schon entschieden hat, kommt ein Gedanke oft zu spät. Sucht der Kopf nach Wild, wird alles andere zur Nebensache, ganz gleich, was es ist. In einem Wald, den einst nur Jäger nutzten, war das kein Problem. In einem Wald, in dem sich heute auch Biker, Wanderer und Jogger bewegen, wird diese Effizienz zur Falle. Lässt sich also der Filter selbst trainieren, nicht nur die Regel, die ihn übersteuern soll?
In einem neueren Trainingsansatz wird nicht mit vorhersehbaren Zielen geübt. Stattdessen werden unvorhersehbare Auftauchorte und -zeiten simuliert, damit sich kein Muster einschleift, das der Filter im Ernstfall nur bestätigen muss. Ein kleiner Feldversuch mit ehemaligen Polizisten zeigte weniger übersehene und weniger falsch beschossene Ziele. Für die Jagd gibt es das noch nicht, vielversprechend klingt es trotzdem.
Der Jäger bei Chaumont brauchte eine Weile, um zu erkennen, was direkt vor ihm stand. In dieser Weile stand mehr auf dem Spiel als ein Fehlschuss: ein Menschenleben auf der einen Seite des Laufs, und, wäre der Schuss gefallen, ein zweites Leben auf der anderen, das sich selbst nie mehr ganz hätte verzeihen können.