Mehr Wölfe, mehr Ordnung: Gezähmt wird der Mountainbiker
Eines Abends lief ein Hund durchs Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, einen toten Terrier im Maul. Erst später wurde klar, dass es der Herdenschutzhund von der Alp oberhalb der letzten Häuser war. Er hatte seinen Auftrag ausgeführt.
Das tote Tier gehörte einer älteren Nachbarin. Sie ging mit ihm in der Nähe der Alp spazieren, auf der seit mehreren Jahren Wölfe umherstreifen und Herdenschutzhunde zum Alltag gehören. Ihr Hund war ihr davongelaufen, mitten in die Herde hinein.
Auch Menschen kommen der bewachten Herde immer wieder zu nahe. Erst kürzlich flog die Rega im Val Sumvitg, einem kleinen Seitental in Graubünden, zwei Wanderer ins Spital. Einer war nach der Begegnung mit zwei Herdenschutzhunden gestürzt. Kein Angriff. Eine Begegnung, ein Sturz. Und nicht das wilde Tier stoppte sie, sondern das gezähmte.
Mit dem Wolf kehrt mehr zurück als ein Raubtier: Hunde, Zäune, Regeln. Mountainbiker müssen sich nicht vor dem Wolf fürchten, sondern vor dem, was der Mensch um ihn herum aufbaut.
Gezüchtet gegen seine eigene Art
Der Herdenschutzhund ist genetisch gesehen ein Wolf. Über Generationen hat der Mensch das Raubtier so weit gezüchtet, bis es das beschützt, was seine eigenen Ahnen reissen: Schafe und Ziegen. Vermutlich hat sich der Wolf zum Teil selbst domestiziert. Die zahmsten Tiere hielten die Nähe der menschlichen Lager aus, fanden dort Nahrung und vererbten diese Zutraulichkeit als Vorteil gegenüber «wilden» Wölfen weiter. Auch für die Menschen hatte das einen Nutzen. Näherte sich ein Bär dem Lager, schlug ein zutraulicher Wolf zuerst an und warnte. So wurde aus dem Tier, das nachts am Feuer Essensreste suchte, schon früh ein Wächter gegen andere Raubtiere.
Der Hund steht nicht als Wächter neben der Herde, er ist ein Teil von ihr. Der Welpe kommt mit wenigen Wochen zu den Lämmern und in einem engen Zeitfenster bindet er sich an sie wie an seine eigene Familie. Verpasst man dieses Fenster, wächst kein Herdenschutzhund heran. Im Süden Australiens schützen solche Hunde seit 2006 eine Kolonie Zwergpinguine, die Füchse fast ausgerottet hatten. Aufgewachsen zwischen den Vögeln, verteidigen die Maremmas sie wie eine Schafherde. Der Wolf hält zu seinem Rudel, der Hund zu seiner Herde. Dieselbe Treue, nur eben anders gerichtet.
Was ihn davon abhält, die Lämmer selbst zu reissen, ist der eigentliche Zuchttrick. Der Verhaltensbiologe Raymond Coppinger beschrieb die Jagd des Wolfs als feste Kette: anschleichen, hetzen, packen, töten. Beim Herdenschutzhund hat die Zucht diesen Jagdinstinkt stillgelegt. Übrig bleibt ein Raubtier mit abgeschaltetem Jagdprogramm, das bei der Herde bleibt und Fremdes verbellt, aber nicht reisst. Das Ziel ist also die Abschreckung. Wer schon einmal von einem gewöhnlichen Hund gejagt wurde, kennt den Unterschied: Dort weckt das Tempo den Jagdreflex, der Hund hetzt dem fliehenden Hinterrad nach. Der Herdenschutzhund hingegen attackiert nicht aus einem Jagdtrieb heraus. Er sieht im Mountainbiker keine Beute, die er verfolgen will, sondern einen Eindringling, den er stoppen muss. Er stellt sich in den Weg, bellt, drängt. Was den Mountainbiker aufhält, ist gezähmt, nicht wild. Wenn der Hund gar nicht angreifen will, warum verletzen sich dann immer wieder Menschen?
Warum unsere Reflexe versagen
Der Herdenschutzhund behandelt alles Fremde als mögliche Gefahr und hält es auf Abstand, bis er sicher ist, dass es sich um keine Bedrohung für die Herde handelt. Laien interpretieren seine Körpersprache dabei oft falsch. Das, was wie ein Angriff aussieht, ist eigentlich eine Warnung. Der Herdenschutzhund geht in Stufen vor: erst bellen, dann drohen, dann eine Scheinattacke. Der Biss kommt zuletzt und äusserst selten. Die ganze Vorführung soll den Eindringling zum Rückzug bewegen. Ob sie eskaliert, entscheidet das Verhalten des Menschen. Und unter Angst machen wir vieles falsch. Ein weisser Hund von vierzig Kilo und mehr, der bellend auf einen zurennt, weckt die ältesten Reflexe in uns: wegrennen, schreien, ihn anstarren, die Arme hochreissen. Alle davon sind kontraproduktiv. Wer rennt, fordert ihn heraus und im Sprint verlieren wir in jedem Fall. Wer schreit oder ihn fixiert, liefert ein weiteres Drohsignal, das ihn anheizt.
Das richtige Verhalten ist das Gegenteil der Angstreaktion und darum so schwer: stehen bleiben, dem Hund zugewandt bleiben, aber seinem Blick ausweichen, langsam rückwärts Abstand schaffen. Alles das, während ein Tier auf einen zukommt, das aussieht, als würde es angreifen. Die Angst selbst lässt sich so leicht nicht abstellen. Und auf eine Täuschung fällt der Hund erst recht nicht rein. Wer Angst hat, riecht danach. Der Neurobiologe Biagio D'Aniello setzte Hunden den Schweiss verängstigter Menschen vor. Die Tiere wurden nervöser und ihr Puls stieg. Ruhe vortäuschen genügt darum nicht. Der Hund riecht die Angst darunter.
Für den Mountainbiker ist die Lage besonders heikel. Sportschweiss ist chemisch etwas anderes als Angstschweiss, daran liegt es also nicht. Heikel wird die Sache aus anderen Gründen: Er ist schnell, taucht oft überraschend auf, dazu reizen Helm und verspiegelte Sonnenbrille den Hund zusätzlich, sagt die nationale Fachstelle Herdenschutz. Auch hier gilt: absteigen, schieben, das Tempo ganz herausnehmen. Für einen Sport, der vom Flow lebt, ist das eine kleine Zumutung. Doch es ist das Einzige, was wirkt.
Wie fatal schnelles Bewegen ist, zeigte sich Ende Juli 2026 im Wallis, als ein Spitzen-Trailrunner von drei Hunden attackiert und gebissen wurde. Die Konsequenz aus dem Vorfall ist für Mountainbiker richtungsweisend: Der offizielle Weg wurde kurzerhand gesperrt und umgeleitet, auf expliziten Wunsch der Landwirtin. Der Fall beweist die neue Machtdynamik am Berg: Wenn der schnelle Sportler auf den wachsamen Hund trifft, wird im Zweifel nicht der Hund reglementiert, sondern der Trail aus Sicherheitsgründen umgeleitet. Wer blind in eine Herde sticht und den Konflikt provoziert, riskiert im schlimmsten Fall, dass der Trail für alle gesperrt wird.
Man könnte den Hund für das Problem halten. Nur wäre einer, der Fremde einfach durchlässt, gegen den Wolf nutzlos und für den Bauern wertlos. Dieselbe Härte, die den Mountainbiker bedrängt, hält den Wolf von den Lämmern fern.
Alpwirtschaft ist mehr als nur Kultur
Über 21'500 Wölfe leben wieder in Europa, verteilt auf 34 Länder, eine Zunahme von 58 Prozent in zehn Jahren. Für viele Bauern ist das einer der grössten Umbrüche seit einer Generation. Wer Schafe sömmert, treibt sie nachts in den Stall, flickt Zäune, sucht oft vergebens Personal. Der Aufwand für den Herdenschutz ist gross, die Angst vor gerissenen Tieren bleibt trotzdem. Kein Thema hat die Alpwirtschaft in einem Vierteljahrhundert so erschüttert. Für viele ist die körperliche und psychische Herausforderung zu gross geworden.
Mit jeder aufgegebenen Alp verschwindet nicht nur ein Stück Kultur. Nachhaltige Alpwirtschaft leistet einen bedeutenden Beitrag für den Erhalt der Biodiversität. Fehlt das Vieh, wächst zuerst die Grünerle, der häufigste Busch der Alpen. Mit der Zeit nimmt die Vielfalt ab: Der Strauch düngt den Boden, wenige Arten überwuchern alle anderen, Wildblumen und seltene Pflanzen haben kaum mehr eine Chance zu wachsen. In der Schweiz ist die Weidefläche in 25 Jahren um die Grösse des Kantons Schaffhausen geschrumpft. Jahr für Jahr wird Alpfläche von der Dimension des Walensees zu Wald. Schafe, Ziegen und Kühe halten die Landschaften offen, an denen auch der Mountainbiker hängt.
Mehr Wölfe, mehr Ordnung
Dass der Wolf überhaupt zurück ist, hat wenig mit Beute zu tun. Jahrhundertelang jagte man ihn aus Europa hinaus, dann unterzeichneten die Staaten 1979 in Bern ein Schutzabkommen, ein Jagdverbot. Aus Italien und dem Osten breiteten sich die letzten Rudel wieder aus, bis eines über die Alpen kam. Der wilde Rückkehrer ist da, weil wir es beschlossen haben. Und ob er bleibt, entscheiden wir auch: Seit 2024 ist sein Schutz gelockert, mancherorts wird wieder geschossen.
Mit dem Wolf kehrt ein Stück Wildnis zurück. Unsere Antwort darauf ist alles andere als wild: ein gezüchteter Hund, ein Zaun, eine Sperrung, eine Regel. Man kann darin einen Verlust sehen, die Natur, die immer enger geregelt wird. Man kann darin aber auch das Gegenteil einer plumpen Lösung erkennen. Wir müssen den Wolf nicht zähmen, um mit ihm zu leben. Wir ordnen bloss den Raum um ihn herum. Und das genügt: Studien zeigen, dass Wölfe selbst im dicht besiedelten Mitteleuropa scheu und wild bleiben, sie weichen dem Menschen aus, wandern nachts, meiden seine Wege. Auffällige Einzeltiere werden geschossen, längst aber nicht nur sie. Die Schweiz reguliert den Bestand heute proaktiv, im Winter 2024/25 fielen 92 Wölfe, noch bevor sie Schaden anrichteten, mehrere ganze Rudel darunter. Die Alpen werden nicht wilder, sie werden genauer verwaltet, damit das Wilde und das Zahme nebeneinander Platz haben. Am Ende zähmen wir nicht das Tier, sondern das Gelände, mittlerweile sogar digital. Auf der interaktiven Karte der Fachstelle Herdenschutz tragen Hirten tagesaktuell ein, wo ihre Herden gerade fressen. Wer diese Zonen bei der Routenplanung am Laptop direkt umfährt, weicht dem Konflikt von vornherein aus. Damit erspart man sich das Absteigen und Schieben und bleibt im Flow.
Der Mountainbiker bekommt den Wolf kaum zu Gesicht. Er hat es mit den Hunden zu tun, mit Zäunen, Schildern, Verboten. Und mittendrin arrangieren wir uns. Nicht mehr nur zwischen Wanderer und Mountainbike, sondern zwischen dem Wolf, der über die Weide streift, und dem Bauern, der sie noch offenhält, denn beide waren vor uns da.
Bleibt die Frage, wie lange das gutgeht. Ob wir die Berge immer enger regeln, damit sie bleiben, wie wir sie kennen. Oder ob wir lernen, dort oben Gast zu sein, wo andere schon waren, der Wolf, der Bauer, das Schaf, der Hund. Eine Antwort darauf gibt der Herdenschutzhund nicht. Er stellt sich nur in den Weg und wartet, dass wir absteigen.