Nach dem Wheelie-Weltrekord: Der Mountainbiker und die Strassenkinder von Pokhara
In der Schweiz kennt man Manuel Scheidegger für seine ästhetisch ambitionierten Touren-Trial-Videos. Einige erinnern sich vielleicht daran, dass er 2015 den Stundenweltrekord im Wheelie-Fahren auf 25.7km verbesserte. Ziel der auf einer 400m-Bahn in Thun aufgestellten (inzwischen gebrochenen) Bestmarke war es Spenden zu sammeln für Nepal. Genauer, für den Wiederaufbau nach dem verheerenden Erdbeben von 2015 und für Strassenkinder in Pokhara, der zweitgrössten Stadt des Landes.
35'000 Franken überwies Scheidegger Anfang 2016 an die beiden Projekte. Gut zwei Drittel flossen in die Wiederherstellung eines Wasserkraftwerks im abgelegenen Yangri-Tal. 9000 Franken gingen an «Indreni». Diese Organisation verteilt Essen an obdachlose Minderjährige und betreibt am Stadtrand von Pokhara ein Wohnheim für Kinder ab 12 Jahren, die das Leben auf der Strasse hinter sich lassen wollen. Mit dem Geld aus der Schweiz kauften die Verantwortlichen zwölf Mountainbikes, Werkzeug und Ersatzteile. Und seither findet zweimal täglich eine Bike-Tour für zehn Jugendliche und zwei Betreuer statt.
Was aus den Spenden geworden ist
Das wollte Mänu Scheidegger mit eigenen Augen sehen. «Ich will mit diesen Kids die Freude am Mountainbike teilen», erklärte er vor seiner Abreise. Im Oktober 2016 besuchte er das Wohnheim und die bikenden Strassenkinder von Pokhara. «Die sind alle fit», zeigte er sich beeindruckt, nachdem er mit einigen Gruppen unterwegs war. «1000 Höhenmeter meistern die problemlos.»
Trails sind ihnen allerdings fremd. Man fährt auf Teer oder Naturstrassen hoch und auch wieder runter. Der Verantwortliche war wenig begeistert, als Scheidegger die Jugendlichen animierte, es mal abseits der Strasse zu versuchen. Der Leiter war überzeugt, dass die Bikes Schaden nehmen, wenn sie so bewegt werden. Schliesslich liess er trotzdem zu, dass der Schweizer den jungen Nepali die Grundlagen des Trail-Fahrens beibrachte.
Dass der Zustand der vor einem guten halben Jahr gekauften Bikes nicht der beste war, hatte andere Gründe: «Jedes Velo ist täglich unterwegs, auch bei Monsun. Obwohl jedes nach jeder Ausfahrt gründlich geputzt wird, waren Lager und Federgabeln schon stark verschmutzt», beschreibt Scheidegger. Er zeigte den Verantwortlichen und den Jugendlichen, wie man gewisse Lager auseinander nimmt, reinigt und fettet. «Zudem haben wir ausgemacht, dass sie bei Regen nicht mehr ausfahren. Sonst sind die Bikes nach zwei Jahren nicht mehr zu reparieren.»
Bike-Reparatur ist ohnehin ein schwieriges Thema in Nepal. Es gibt schlicht keine Ersatzteile. «Schon ein abgebrochener Bremshebel wird so zu einem grossen Problem», erklärt Scheidegger. Seine Idee ist es, die Velo-Werkstatt im Jugend-Wohnheim für die Öffentlichkeit und nicht zuletzt für die zahlreicher werdenden Bike-Touristen zu öffnen. Denn aktuell gibt es in Nepal niemanden, der moderne Bikes flicken kann. Das bedeutet aber auch, dass der Nachschub an Ersatzteilen organisiert werden muss.
Resozialisierung auf dem Bike
Nun kann man sich fragen, ob Bike-Touren und eine Werkstatt wirklich einen Unterschied machen können, in einem Land, in dem es an allem fehlt. Dazu ist zu sagen, dass Indreni den Jugendlichen weit mehr bietet als Radsport: Viele erhalten im Wohnheim zum ersten Mal in ihrem Leben Schulunterricht. Einfache Berufskurse und die Vermittlung von Praktika haben schon einigen ehemaligen Strassenkindern den Weg zu Verdienst und Selbständigkeit frei gemacht. Seit kurzem sammelt und rezykliert das Wohnheim PET-Flaschen – als erster Akteur überhaupt in Nepal. Die Bikes sind eine Möglichkeit unter mehreren, um dem Elend auf der Strasse, dem Betteln und Leim schnüffeln zu entkommen.
Die Touren öffnen den Jugendlichen die Augen und bringen einige dazu, überhaupt daran zu glauben, dass das Leben auch für sie etwas anderes bereit halten könnte, als das Leben auf der Strasse. Scheidegger bringt es auf den Punkt: «Jeder Mountainbiker oder Wanderer kennt das Gefühl, wen man oben auf dem Berg ankommt. Für diese Jugendlichen, die von der Gesellschaft wie räudige Hunde behandelt werden, ist das besonders wertvoll.»
Inzwischen steht für den Berner Oberländer fest, dass er die Strassenkinder von Pokhara weiter unterstützen will. Sein Ziel ist, dass das Wohnheim eine öffentliche Velo-Werkstatt eröffnet, in der einige der Bewohner des Heims Geld verdienen können. Die von Scheidegger und seinen Freunden gegründete Organisation Wheels4Nepal nimmt Spenden entgegen und informiert, was daraus wird.