Paradies unter den Stollen der Weltbesten
Statt von eitel Sonnenschein werden die Teilnehmer, während der Trainingstage und dem Rennen, immer wieder von heftigen Regenfällen überrascht. Mit dem rutschigen Terrain kommt der Franzose Francois Bailly-Maitre, am besten zurecht und holt sich nach knapp 45 Minuten Fahrzeit den Sieg des letzten Rennens der prestigeträchtigen Megavalanche-Rennserie. Bailly-Maitres Vorsprung fällt für ein Downhill-Marathon dieser Länge und Härte eher knapp aus. Gerade mal elf Sekunden später kommt der Sieger der Enduro-World-Series-Sieger Jérôme Clementz ins Ziel. Remy Absalon komplettiert als Dritter das rein französische Podest.
Bei den Frauen schlägt Ines Thoma aus Deutschland den Französinnen ein Schnippchen. Thoma bleibt als einzige Frau unter einer Stunde Fahrzeit und distanziert Pauline Dieffenthaler (FRA) um fast fünf Minuten. Dritte wird Nadine Sapin, ebenfalls aus Frankreich.
Erschöpfte Enduristen – Sieger Francois Bailly-Maitre stürzt einen Becher Wasser. Foto: ©Perspectiva – Urban Engel
Das Rennen durch die Fahrerbrille
Der Schweizer Enduro-Spezialist Gusti Wildhaber hat in dieser Enduro-Saison mit einigen Siegen und weiteren Spitzenklassierungen für Furore gesorgt. Der Walenstädter tritt wie schon im Vorjahr zum legendären Saisonschluss-Wettkampf, dem Megavalanche-Rennen, in Saint Paul auf der Insel La Réunion an. Nachdem Wildhaber im Vorjahr bereits am Start unsanft ausgebremst wurde, reist er in diesem Jahr mit grossen Ambitionen an. Das Rennen kommt für ihn jedoch ein bisschen anders als erwartet und so beendet er den Downhill-Marathon lediglich auf Rang 67. Die lange Reise war trotzdem nicht umsonst, und so gibt uns Gusti Wildhaber Einblick in ein spezielles Mountainbike-Rennen, in einer speziellen Umgebung.
Gusti Wildhaber und Nicolas Lau beim Training in einem der tunnelähnlichen Wäldern. Foto: ©Perspectiva – Urban Engel
«Anfangs freute ich mich auf die staubtrockenen Trails auf der Insel La Réunion. Wo ich diese vor einem Jahr noch staubig vorfand, war es in diesem Jahr nicht zu vergleichen. Vom Beginn meines Aufenthaltes weg weichen heftige Regenfälle das Terrain auf. Meistens rapple ich mich um 06.00 Uhr aus dem Bett, um noch bei trockenem Wetter die Strecke besichtigen zu können. Wahrlich ein Krampf wenn man bedenkt, dass in der Schweiz noch 03.00 Uhr ist und sich mein Körper nicht an den neuen Rhythmus gewöhnen will. Wegen der heftigen Regenfälle wird die erste Qualifikations-Etappe am Samstag abgesagt. Es wäre schlicht zu gefährlich, alle Fahrer durch die glitschigen Steinpassagen fahren zu lassen. Die Qualifikation wird noch auf zwei Abfahrts-Etappen in Vierergruppen gestartet. Diese verlaufen ziemlich entspannt. Dass kein Druck auf den Fahrern lastet, merkte man dann auch schnell, als einige Athleten sogar während der Quali-Läufe Zeit zum scherzen haben.
Downhill-Star Rémi Thirion, Rémy Absalon und Nicolas Lau in einem trockenen Abschnitt während eines Qualifikationslaufes. Foto: ©Perspectiva – Urban Engel
Die zweite Etappe der Qualifikation ist eine ordentliche Schlammschlacht. Da ich auf dieser technische Probleme habe, verliere ich viel Zeit. Bei der dritten Etappe läuft es dafür wie geschmiert und ich fahre die Bestzeit ein. Dank dieser darf ich beim Hauptrennen von Sonntag aus der ersten Reihe starten. Die Stimmung ist im Allgemeinen sehr locker. Die Tage vor dem Rennen trainiere ich oft zusammen mit anderen Teilnehmern auf der Rennstrecke, spielen Beach Volleyball und gehen am Abend gemeinsam zum essen aus. Es ist speziell, mit den weltbesten Enduro-Fahrern einen solch lockeren Umgang zu pflegen. Allerdings stammen 95 Prozent der Fahrer aus Frankreich oder von der Insel La Réunion selbst. Dies ist hingegen für einen wie mich, der nicht so gut französisch spricht, nicht ganz einfach deren Gesprächen zu folgen. Nicht ganz einfach ist auch sich auf das Rennen einzustellen. Denn La Réunion ist eher als paradiesische Ferieninsel bekannt und man wird auch schnell vom Feriengefühl erfasst. Das Eiland bietet zudem auch eindrückliche Landschaften und viele Möglichkeiten sich sportlich zu betätigen, oder einfach zu entspannen.
Eindrückliche Landschaften finden sich direkt abseits der Rennstrecke. Foto: ©Perspectiva – Urban Engel
Am Renntag macht sich vor dem Start dann doch langsam eine gewisse Anspannung unter den Teilnehmern breit. Pünktlich zum Start entladen sich dann auch wieder die dunklen Wolken, was uns Fahrer vor einige fahrerische Herausforderungen stellt. Wetter hin oder her, ich fühle mich gut und bin bereit für einen Schnellstart, um nicht wieder in einem Sturz unterzugehen. Kurz nach dem Start gerate jedoch in ein kleines Gerangel mit Jérôme Clementz, dem weltbesten Enduro-Fahrer. Dieses bleibt allerdings folgenlos und bald kann ich zusammen mit Clementz wieder zum Führenden Rémy Absalon aufschliessen. Nach rund zwei Kilometer kommt jedoch ein anderer Fahrer von hinten herangeprescht, so dass ich in die Steine ausweichen muss um einen Crash zu verhindern. Das kurze Ausweichmanöver macht dann leider meinem Schlauch den Garaus. Mit einem Plattfuss ist das Rennen um eine Spitzenposition natürlich gelaufen. Da dies am Anfang des Rennens passiert, finde ich mich nach erfolgter Reperatur auf der letzten Position wieder.
Rémi Thirion saust durch den Nebel auf Rang fünf. Foto: ©Perspectiva – Urban Engel
Durch die beschränkten Überholmöglichkeiten verfliegt auch mein Renneifer. Trotzdem habe ich sehr viel Spass, gemeinsam mit den anderen Wettkämpfern die Trails hinunterzuschiessen. Es ist zudem spannend zu sehen was sich die hintersten Fahrer für harte Kämpfe liefern – um Welten gefährlicher als wenn man vorne mitfährt. Die schiessen einander sogar ab, und das noch auf einer ziemlich tückischen Strecke!
Die Megavalanche-Strecke auf La Réunion ist im oberen Teil sehr hart. Spannend ist, dass man mehrere Klimazonen durchfährt. Beim Start auf über 2000 Metern über Meer herrscht ein alpines Klima. Von dort bretterten wir konstant mit viel Tempo über Vulkangestein. Danach biegt man in den Dschungel ab. Trails vollgespickt mit Wurzeln, Steinen, engen Kurven und engstehenden Bäumen, wo ich mir wünsche wieder einen schmalen Lenker an meinem Bike zu haben. Die Kombination aus Wurzelteppichen und den speziellen Baumformen machten die Fahrt hier durch, zu einem einzigartigen Ritt.
Überholen unmöglich! Gusti Wildhaber in einem der zahlreichen Wurzelteppiche. Foto: ©Perspectiva – Urban Engel
Nach der tropischen Dschungelerfahrung führt die Strecke durch Zuckerrohrfelder. Dort sieht man weder links, noch rechts und der Trail windet sich wie eine Schlange durch die Plantagen. Hier darf ich nicht alle Körner verschiessen. Diese sind zum konzentrieren und den Lenker festhalten gefordert. Denn nach den Zuckerrohrfeldern fährt man über eine Art Trail, etwas zwischen einem Bachbett und einem Weg. Hier wurde schon oft ein Fahrer von seiner Kraft verlassen und hat dabei den Lenker aus den Händen verloren. Zwischen diesen ruppigen Stellen pflügt man durch sandige Passagen, wo man viel Feingefühl zum Steuern benötigt.
Solch harte Abschnitte plus Müdigkeit provozieren Stürze, welche leider nicht bei allen glimpflich ausgehen. Foto: ©Perspectiva – Urban Engel
Endlich im Ziel angekommen, bin ich froh die Strapazen hinter mir zu haben. Auch wenn alle Fahrer nach der Zieleinfahrt noch ziemlich ausser Atem sind, zeichnet sich bei praktisch jedem Teilnehmer – so auch bei mir – ein zufriedenes Grinsen ins Gesicht. Der grösste Genuss nach dem Rennen lässt ebenfalls nicht lange auf sich warten. Unweit des Zieles springe ich, zusammen mit einigen anderen Teilnehmern, in den kleinen Fluss um die Kampfmale des Rennens abzuwaschen und mich zu erfrischen. Dieses tolle Gesamterlebnis lässt dann auch schnell meinen sonst enttäuschenden 67. Rang vergessen und so freue ich mich bereits auf das nächste Jahr. Doch jetzt bin ich erst einmal saisonmüde und benötige dringend eine ordentliche Pause, damit ich die nächste Rennsaison wieder frisch und erholt angehen kann.
Gehört definitiv nicht zum Rennalltag, wirkt aber symphatisch – der Badeplausch unter Teilnehmern. Foto: ©Perspectiva – Urban Engel